Abgehört 2018, Teil 2 Das ist die beste Musik des Jahres

Ein vielleicht würdiger Prince-Erbe, eine Noise-Bestie, die Pop kann, ein selbstbewusstes Cowgirl, Kanye-Kummer und eine Hamburger Rap-Göre: Die wichtigsten Popalben des Jahres. Heute: Teil 2.

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Blood Orange - "Negro Swan"
(Domino/Goodtogo, erschienen im August)

Als Kind lackierte sich Devonte "Dev" Hynes die Fingernägel und lernte Stepptanz und Ballett, statt mit seinen männlichen Schulkameraden Fußball zu spielen. Das kam damals, Mitte der Neunzigerjahre, im noch nicht gentrifizierten Dagenham im Osten Londons, nicht so gut an. Die Demütigungen von einst und heute, die Hynes als dunkelhäutiger Mensch in England und seiner Geburtsheimat USA erlebte, verarbeitete er in seinem vierten Album als Blood Orange. Schon "Freetown Sound", 2016 erschienen, beschäftigte sich mit seiner kulturellen Herkunft afrikanisch-karibischer Eltern, "Negro Swan" geht nun noch tiefer in die Selbstauslotung der eigenen, oft marginalisierten Existenz - und hat mit Songs wie "Saint", "Runnin" (mit Jazz-Muse Georgia Anne Muldrow), "Dagenham Dream" oder "Charcoal Baby" einige seiner bis dato elaboriertesten Kompositionen zu bieten.

Die Themen der Songs sind oft zutiefst depressiv; "Orlando" ist den Opfern des Terroranschlag auf einen queeren Nachtklub in Florida von 2016 gewidmet. Die Musik, die Hynes dazu entwirft, ist jedoch von erhebender Leichtigkeit. Jazz, Funk, R&B und Popmelodien mischen sich zu einem Sound, der funky und feinsinnig zugleich ist, der Eleganz und Emotionalität so virtuos mit leichter Hand zusammenführt, wie es einst nur Prince vermochte. An das zu früh verstorbene, ebenso wie Hynes zwischen Genres und Sexualitäten changierenden Popgenie erinnerte im Herbst nicht nur das berückende Blood-Orange-Konzert im Berliner Columbia-Theater, dessen zu schmale Bühne gleich mehrstöckig bespielt wurde, sondern auch die lässig wie ein Demo, aber treffsicher zum Ende seines Meisterwerks hingeworfene Ballade "Smoke": "The Sun comes in/ My heart fulfills within", singt Hynes, der schöne Schwan, darin mit heiserem Falsett. Ein heller, warmer Hoffnungsschimmer.

Haiyti - "Montenegro Zero"
(Vertigo/Universal, erschienen im Januar)

Ach ja, deutscher Hip-Hop, da war ja was. Sagen wir mal so: Deutscher Rap ist so mächtig, dass zwei seiner erfolgreichsten Vertreter es im Frühjahr sogar schafften, den bis dato wichtigsten Musikpreis abzuräumen. Das Echo war natürlich verheerend; die bösen Buben Farid Bang und Kollegah provozierten mit ihrer geschmacklosen, Holocaust-Opfer verachtenden Textzeile eine weit über die Popkritik hinausreichende Debatte über Antisemitismus und Verrohung im Straßenrap-Genre sowie die fehlende Haltung von Popkünstlern. Alben verkauften die beiden wie geschnitten Brot. Aber auch andere, mehr oder minder krasse Macho- und Bossgestalten wie Bonez MC, Gzuz oder deren Buddy aus Wien, Raf Camora, gehören zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern des Jahres, angeführt von dem Berliner Capital Bra, der zeitweise vier Singles gleichzeitig in den Top-Ten hatte. Der ebenfalls russischstämmige Olexesh tat dann das, was folgerichtig war: Er duettierte mit dem Schlager-Pin-up Vanessa Mai - und Deutschlands Hip-Hop war in den Niederungen des Mainstream-Pop angekommen. Oder, um es mit der Indie-Rapperin Haszcara und ihrem Battletrack "Lauter Rapper" zu sagen: "Was los mit Rappern hier in Deutschland? Alles was ihr von euch gebt ist voll krank."

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Neben der Göttingerin, die 2018 ihr interessantes Debüt "Polaris" veröffentlichte, gab auch eine junge Hamburgerin, die mit der notorischen 187-Straßenbande ebenso wenig assoziiert ist, wie mit dem Beginner-Establishment der Hansestadt, sondern einfach ihr eigenes Ding macht (unterstützt vom Hip-Hop-Hitkollektiv Kitschkrieg). Haiytis Sound auf ihrem zweiten Album, dem ersten beim Majorlabel Universal, basiert auf zeitgeistigen Trap- und Cloud-Rap-Mustern und klingt dank rauer Meckerstimme und origineller Lautmalerei ("Taka-taka-taka") mehr nach Getto als die bürgerliche Herkunft von Ronja Zschoche vermuten ließe. Nachhaltig begeisternd ist jedoch, wie sie sich das Genre mit gezielten NDW-Infusionen ("Berghain"), unpeinlicher Powerballade ("Gold") oder packender Elendsprosa ("Haubi") zu eigen macht, um bei einem energischen, Pop-tauglichen deutschen Rap-Entwurf zu landen, der eben nichts mit Schlager und sinnfreien Texten über PS-Boliden, Fußballer oder Playstation zu tun hat. "Ich hab' 100.000 Fans, die mich alle noch nicht kennen", rappt sie in ihrem bisher besten Track. Das hat sich - zum Glück - geändert.

Yves Tumor - "Safe In The Hands Of Love"
(Warp/Rough Trade, erschienen im September)

Mit einer irren Kreativ-Eruption sprengte sich der in Italien lebende Exil-Amerikaner Sean Bowie alias Yves Tumor 2018 aus den Grenzen der Noise- und Experimentalmusik. Für seine unberechenbaren Lärmattacken, bei denen es live gerne auch mal zu hitzigen Übergriffen ins Publikum kam, wurde Tumor in der Szene gleichermaßen gefeiert und gefürchtet. Beim Berliner Pan-Label veröffentlichte er aber auch Ambient- oder Groovetracks, je nach Gemütslage.

Sein drittes Album "Safe In The Hands Of Love", das erste auf Warp, führt all diese disruptive Randomness nun zu einem sinnhaften Ganzen zusammen. Es ist ein kaleidoskopartiges, in seiner raumgreifenden Vielfalt und Epik schier umwerfendes Testament des Unbehagens und der Sehnsucht nach Halt und Geborgenheit: Auf altmodischen Hip-Hop-Beats singt Tumor mit plötzlich unverzerrter Stimme über Polizeigewalt und Rassismus ("Noid"), flüstert im Trip-Hop-Modus über sexuelles Begehren ("Licking an Orchid" oder wird, mit aufwallendem Pathos, zum Emo-Balladier über Schmerz und Verlust ("Lifetime"). Das ist fast schon Pop!

Das zentrale Stück "Hope in Suffering (Escaping Oblivion & Overcoming Powerlessness" (mit Oxhy und Puce Mary) klingt dann jedoch wie eine mitten in der Terminator-Apokalypse abgehaltene Spoken-Word-Litanei über das geile Leiden. Und am Ende, im kakophonischen Free-Jazz-Industrial ("Let the Lioness in You Flow Freely"), beschwört Tumor trotz aller neu gefundenen Struktur und Komposition dann doch wieder die alte Impulsiv-Bestie: Nichts ist hier "safe". Verstörend und phantasmagorisch wie ein guter Rausch.

Mitski - "Be The Cowboy"
(Dead Oceans/Cargo, erschienen im August)

US-Rockmusik wäre längst an Langeweile und Ideenleere gestorben, gäbe es nicht so viele junge Frauen, die das Gitarrengenre für sich erobern. Allein 2018 gab es so viel tollen weiblichen Singer/Songwriter-Pop oder -Rock, das man gar nicht alles aufzählen kann. Mit Lucy Dacus, Dream Wife, Soccer Mommy, Snail Mail, U.S. Girls und der Supergroup Boygenius seien nur die wichtigsten genannt. In diese Reihe gehört auch die japanisch-amerikanische Musikerin Mitski Miyawaki.

Auf ihrem fünften Album macht sie sich zunächst ganz verletzlich, indem sie den Gitarren-Fuzz, das weiße Rauschen und die Stimmverzerrungen, hinter denen sie sich bisher auf hervorragenden Alben wie "Puberty 2" verstecken konnte, weitgehend fallen lässt. Zum Vorschein kommen textlich wie musikalisch brillante Songs, die sich um Einsamkeit und Selbstbetrug drehen, um das nagende Zweifeln am Ruhm und Image als weiblicher Indie-Popstar und ihre Rolle als Frau im Spiel um Liebe, Vertrauen und Geborgenheit. In der selbstironisch gebrochenen Rolle des Lonesome Cowboy, findet sie die Stärke, ihre Musik für Abenteuer zu öffnen, die Bläserfanfaren von "Me and My Husband", der Diskobeat von "Nobody", der Synthiepop von "Why Didn't You Stop Me", die zarte Ballade "Two Slow Dancers", die Gitarren ganz dem Piano und einem ätherischen Schwirren opfert. Auf den Spuren von Vorbildern wie Tori Amos oder Cat Power, deren "Wanderer" ebenfalls ein berührender Höhepunkt in diesem Jahr war, kommt Mitski mehr und mehr bei sich selbst an. Es ist aufregend, dabei sein zu dürfen.

Kids See Ghosts - Kids See Ghosts
(G.O.O.D. Music/Def Jam, erschienen im Juni)

2018 war, auf unglückselige Weise, auch Kanye Wests Jahr. Der 41-jährige Rapper und Produzent zog sich viele Feinde und verdutzte Freunde zu, als er begann, US-Präsident Donald Trump zu unterstützen und krudes Zeug über die selbstverantwortete Sklaverei der Afroamerikaner zu faseln. Vieles von seinen Rants mag gut gemeint gewesen sein und wollte vielleicht auf disruptive Weise einen gesellschaftlichen Dialog entfachen, der bisher in Amerika nicht geführt wird. Aber West tappte in ein rhetorisches Fettnäpfchen nach dem anderen - und steht am Ende des Jahres nicht als das exzentrische musikalische Genie da, als das er galt, sondern als Idiot. Im November kündigte er, in einer weiteren unerwarteten Volte, an, sich von der Politik nun fernhalten zu wollen, er sei benutzt worden, "Botschaften zu verbreiten, an die er nicht glaubt", schrieb er auf Twitter. Seine bipolare Störung, Thema seines spektakulär am Lagerfeuer in Wyoming präsentierten Albums "Ye", sei übrigens falsch diagnostiziert worden. Er leide lediglich unter Schlafentzug. Nun denn.

Eigentlich sollte im November ein weiteres Album von West namens "Yandhi" erscheinen, doch das wurde erst einmal vertagt. Bleiben die fünf (! rund 20 Minuten langen Mini-Alben, die er im Sommer zusammen mit Künstlern seines Labels G.O.O.D. Music veröffentlichte, darunter Nas, Teyana Taylor und Rap-Veteran Pusha T, dessen "Daytona" ebenfalls zu den besten Veröffentlichungen des Jahres im Hip-Hop-Genre zählt. Am berührendsten aber ist Wests Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Kumpel und Rapper-Kollegen Kid Cudi auf "Kids See Ghosts". Über geisterhaft-futuristischen Beats und Samples, die dann doch noch einmal unterstreichen, wozu der Musiker Kanye West in seinen besten Momenten fähig ist, reflektieren die beiden ihre Dämonen Alkoholismus (Cudi) und psychische Erkrankung (West) wie verschreckte Kinder, die nachts im dunklen Schlafzimmer bibbern, weil's im Schrank klappert und poltert. Im großartigen Titelstück spielt Mos Def alias Yasiin Bey den beruhigenden Therapeuten an der Bettkante. Lieber Kanye, alles wird gut.

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Teil 1 unseres Abgehört-Jahresrückblicks mit den wichtigsten Popplatten 2018 verpasst? Hier nachlesen!

Andreas Borcholtes Topsongs 2018 (D/A/CH)
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Playlist auf Spotify

 1 Haiyti: 100.000 Fans

 2 Die Nerven: Frei

 3 Tocotronic: Electric Guitar

 4 Barbara Morgenstern: Unschuld und Verwüstung

 5 Steiner & Madlaina: Das schöne Leben

 6 Herbert Grönemeyer: Doppelherz/Iki Gönlüm

 7 Jens Friebe: Fuck Penetration

 8 Isolation Berlin: Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben

 9 International Music: Metallmädchen

 10 Brett: Das mit dem Hund tut mir Leid

 11 The Screenshots: Europa

 12 Lemur: Späne

 13 DJ Koze: Pick Up

 14 Sophie Hunger: Tricks

 15 Theodor Shitstorm: Rock'n'Roll

 16 Michaela Meise: Göttingen

 17 Stella Sommer: Dark Princess, Dark Prince

 18 Emilie Zoé: 6 O'Clock

 19 And The Golden Choir: The Rain

 20 Kat Frankie: Headed For The Reaper

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
lutschbommler 20.12.2018
1. das mit dem Free Jazz
Vielleicht sollte ich mich freuen, dass Free Jazz im Rockjournalismus gelegentlich gerne als (möglicherweise hipp gemeinte) Stilreferenz herangezogen wird, sobald es etwas "schräg" oder "krass" klingt. Da wird Deerhoof dann auch mal zu ner Free Jazz Band (nicht bei Borcholte, aber anderswo). Ich habe mir Yves Tumor's "Let The Lioness In You Flow Freely" komplett angehört, und... Industrial - ok. Aber es ist 100% Free Jazz-frei.
Kurt Viles 20.12.2018
2. Wenn das die Musik des Jahres sein soll...
...wundert es mich nicht, dass die Beatles, Queen oder Led Zeppelin ganz oben in den Charts stehen. Es wäre ja auch uncool hier Greta van Fleet, R+R=NOW oder wenigstens Julia Holter zu nennen. Ich bin ja wirklich tolerant und offen für vieles und über Geschmack lässt sich auch schwer streiten.Aber Haiyti, das ist dann doch zuviel...
kurpi 20.12.2018
3. Ein paar Lichtmomente
Der erste Teil war gefühlt ein schlechter Scherz, dieser Teil hat ein paar wirklich schöne Stücke
monsieurK 20.12.2018
4. @lutschbommler
Danke für den Yves Tumor Tip !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
weissallesbesser 20.12.2018
5. Dürftige Auswahl
Selten hat mich eine Liste so gelangweilt. Außer Kids See Ghosts doch eher mittelprächtige Alben. Wo ist ZHU "Ringos Desert", wo Jungle mit "For Ever", Das Paradies mit "Goldene Zukunft" war auch erwähnenswert, ebenso VSK mit "Wo die wilden Kerle flowen". Auch la fine équipe hat mit "La boulangerie" ein interessantes Album abgeliefert, Leyya mit "Sauna" ebenso. Statt dessen Hayiti, deren Vorgänger "ATM" um Strecken besser war wie "Montenegro Sero", genauso war Blood Orange mit "Freetown Sound" besser. Natürlich ist das Geschmacksache, aber Langeweile sollte auch als solche benannt werden.
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