Klarinettenmusik Wenn der Tango schaukelt

Klarinetten klingen von Haus aus wie Jazz: schnell, elegant, biegsam. Was man noch mit dem Instrument anstellen kann, zeigen zwei neue CDs. Smarte Virtuosen verbinden Klassik und Neuzeit - das swingt.

Christine Schneider

In George Gershwins "Rhapsody in Blue" trafen sich 1924 Jazz und europäische Konzertmusik und flirteten heftig miteinander. Die Blue Notes enterten die Konzertsäle, und die ehrwürdige Klarinette bekam von Gershwin eine neue Aura. Geschmeidig wie eine Stimme, ebenso flexibel in der Tongebung und jubilierend, eben jazzy. Wie sehr ein Musiker damit auch heute noch begeistern kann, selbst wenn er kein großes Orchester im Rücken hat, das beweisen der deutsche Klarinetten-Virtuose Sebastian Manz und sein Piano-Sidekick Martin Klett. Mit Kompositionen, die man nicht alle Tage hört.

Drei "Preludes" kommen scheinbar bescheiden daher, winzige Stücke mit Biss, eigentlich für Solopiano, hier aber arrangiert als Duett zwischen Klavier und Klarinette. Wie man so etwas spielt, wissen Sebastian Manz und Martin Klett genau. Sie kennen sowohl die europäische Klassik als auch die amerikanische Musikkultur, fühlen sich hingezogen zur extrovertierten, jazzigen Musik der USA.

Manz erhielt im vergangenen Jahr für eine Bläserkammermusik-CD mit Werken von Beethoven und Mozart einen Klassik-"Echo". Mit Martin Klett bekam er bereits 2008 den ARD-Musikpreis: Makellose Technik und pure Spielfreude überzeugten.

Preisgekrönte Virtuosen

Leonard Bernsteins "Sonata for Clarinet and Piano" - zweisätzig, knackig knapp wie Gershwin - passt zum jazzigen Flair der Gershwin-Preludes. Zuvor hatte das Duo mit Alec Templetons intim-impressionistischer "Westentaschensonate" und Aaron Coplands neu arrangiertem Konzert für Klarinette und Streichorchester zwei weitere Stützpunkte seiner stilistischen Reise abgehakt, die auch zum Avantgardisten Steve Reich führt: Statt des Pianos duettiert hier ein Tonbandgerät mit der Klarinette.

Eine zumindest interessante Ergänzung mit der Reich-typischen ostinaten Struktur, eine Auslotung der Möglichkeiten des Instrumentes in neuem stilistischem Kontext, aber man muss schon ein Fan des Minimalisten Reich sein, um diese Nervenprüfung zu goutieren. Zwei wunderbare "Rausschmeißer" beenden die CD rasant: Astor Piazzollas "Revirado" bringt den schaukelnden Tango-Rausch, den man erwartet, und Darius Milhauds "Scaramouche" serviert den Ballhaus-Charme des französischen Komponisten - der beschwingte "Boeuf sur le toit" (Milhauds Konzertsaal-Hit) lässt grüßen. Wie Martin Klett sein Piano im letzten Satz "Brasiliera" perkussiv glühen lässt, das klingt unwiderstehlich frisch.

Popmusik aus klassischer Zeit

Ganz andere Werke beschäftigen die beiden Holzbläser Andy Miles (einst jüngster Solist auf seinem Instrument bei den Hamburger Philharmonikern) und Dirk Schultheis (international gefragter Solist und fest beim WDR Orchester Köln) auf ihrem Album "il convegno" (telos music). Kompositionen von Mendelssohn, Mozart, Rossini und Ponchielli sind vertreten, die allesamt ideenreich für Klarinette komponierten. Diese "Zusammenkunft" (convegno) der beiden Musiker bringt im doppelten Sinn beschwingte Harmonie: Zwei Instrumentalkönner auf demselben Instrument (wobei Dirk Schultheis auch Bassetthorn spielt) vereinen nicht allzu oft Gehörtes auf einer spannungsreichen CD.

Amilcare Ponchiellis titelgebendes Divertimento schlägt eine Brücke von der Klassik zur italienischen, opernhaften Romantik. Natürlich voller Wärme und sanglicher Pracht, ideales Terrain für die exquisite Tongebung der beiden Solisten. Hier bearbeitet für Duett und Orchester, spielen Miles und Schultheis Ponchiellis Sahnestück mit dem WDR Rundfunkorchester Köln (Leitung: Helmuth Froschauer) in schwelgerischer Pracht. Davor servierten sie mit Rossinis "Konzertstück Nr. 2" und Mozarts frühem "Quintettsatz A-Dur" feine Talentproben in Sachen Zusammenspiel und Klangsinn: filigran und brillant, beste Popmusik ihrer Zeit.

Die Höhepunkte ihres Meetings liefern Miles und Schultheis gleich zu Beginn: Felix Mendelssohn-Bartholdys zwei "Konzertstücke" op. 113 und 114, die im scheinbar kleinen Rahmen die ganze Subtilität Mendelssohnscher Melodienfülle auffächern. Hier zaubern Klarinette und Bassetthorn wirklich: Selten klang geblasenes Holz herzhafter und gediegener.


CDs:
Sebastian Manz/Martin Klett:
In Rhythm - Gershwin, Templeton, Copland, Reich, Bernstein u.a. mit Duo Riul: Sebastian Manz, Klarinette; Martin Klett, Klavier; avi music/Deutschlandfunk; 19,99 Euro.

Andy Miles/Dirk Schultheis: il convegno - Mendelssohn, Mozart, Rossini, Ponchielli. Mit Andy Miles, Klarinette; Dirk Schultheis, Klarinette, Bassetthorn u.a. WDR Rundfunkorchester Köln, Leitung: Helmuth Froschauer, Stefan Blunier, telos music / WDR; 15,90 Euro.



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