Klassik-Geschenke Nach dem Fest ist vor dem Fest!

Von Barock bis Salon, von Beethoven und Telemann bis zum Kaiser Joachim: Die hier empfohlenen CDs sollte man schenken – auch sich selbst. Keine Weihnachtsware, eher ganzjahrestauglich. Sogar ein kunterbunter Sampler ist dabei.


Es gibt leichtere Violinübungen als das große Beethoven-Konzert. Doch die junge Virtuosin Lisa Batiashvili, Jahrgang 1979, greift sich den Klassiker souverän und unerschrocken. Mit selbstbewusstem Ton, treffsicher und schwungvoll, umschifft sie elegant die Klippen des heiklen Werkes. Fast ist man geneigt, bei ihrem Spiel an den quirligen Kollegen Kennedy zu denken, der mit Beethoven kokett und doch respektvoll umgeht.

Lisa Batiashvili hat sich als Orchester die fabelhaft kompakte Kammerphilharmonie Bremen ausgesucht, die sie auf ihrer jüngsten CD (Sony) obendrein auch dirigiert. Was nach jugendlichem Übermut klingt, gelingt überzeugend sicher, stellenweise begeisternd. Vor allem im Kopfsatz schwelgt sie in einem delikaten Piano, dessen leises Feuer einfach glücklich macht. Nach dem CD-Debüt mit den Geigenkonzerten von Sibelius und Lindberg liefert die in Tiflis/Georgien geborene Batiashvili ein feines Gesellinnenstück ab. Abgerundet wird das Album mit sechs "Miniatures", komponiert von ihrem georgischen Landsmann Sulchan Zinzadse (1926-1991). Ein origineller Kontrast.

Moritz Moszkowski (1854-1925) war ein Komponist und Pianist, der seinen Lebensunterhalt vornehmlich mit Bearbeitungen größerer Kollegen bestritt: Brahms, Mozart, Chopin, Wagner, Händel und andere arrangierte er mit Gespür für Salon-Charme und sanfte Virtuosität. Das tat er oft einfühlsam und geschmackvoll, vieles klang tatsächlich wie noch nie gehört.

Vladimir Horowitz schätzte auch Moszkowskis Original-Kompositionen und spielte sie gern mal im Konzert. Jetzt hat der Musikdozent Christof Keymer (er lehrt in Hannover) sämtliche Bearbeitungen Moszkowskis auf zwei CDs (Edel Classics) verewigt, was in dieser geballten Form fast zu viel des Guten ist, aber portionsweise genossen durchaus entzückt. Keymer spielt mit gemessen wissenschaftlichem Ton, was den Stücken frischen Zuschnitt verleiht: nicht technisch beflittert, eher dezent abgefärbt. Den Vergleich mit Franz Liszts Beethoven- oder Schubert-Versionen hält Moszkowski nicht aus, aber so flott und farbig präsentiert machen sie Spaß. Etwas für den, der schon alles hat: gepflegte Piano-Unterhaltung mit leichtem Augenzwinkern.

Dass Joachim Kaiser unter den Kulturschaffenden "Der letzte Mohikaner" sei, hat sich dank des Feuilleton-Gewitters um seine gleichnamigen Lebenserinnerungen nun herumgesprochen. Als Soundtrack zu den Memoiren hat er gleich noch eine Drei-CD-Box (Deutsche Grammophon/Universal) nachgelegt, auf der seine Lieblingsstücke des klassischen Repertoires zusammengefasst sind.

Wer Kaiser kennt, kennt auch die vertretenen Musiker; wer schon immer mal einen abwechslungsreichen Sampler mit "Best Of"-Charakter für unterhaltsamen Klassik-Konsum suchte, sollte hier zugreifen. Große Gassenhauer und grandiose Interpretationen, alles aus der Referenzklasse, nach Geschmack des Großkritikers. Schön dabei, dass Kaiser zum Beispiel mit Horowitz' spitzfingriger Schubert-Interpretation eines Militärmarsches überrascht, ein "Rosenkavalier"-Kleinod von Leonard Bernstein wählt und historische Aufnahmen von Arthur Schnabel, Ginette Neveu oder dem Calvet-Quartett hinzufügt.

Natürlich ist auch Kaisers Dirigenten-Hausgott Wilhelm Furtwängler vertreten: mit Brahms und Schubert, wie es sich gehört. Eine kunterbunte Star-Versammlung, aber hin und wieder hat so eine Highlight-Compilation ihre Berechtigung: kein musikalischer Kaiserschmarrn, eher ein opulentes Festmenü aus lauter Edelhappen.

Wen die Blockflöte in Schulzeiten nervte, der sollte sein Urteil überdenken. Und für die Fans gibt es nun ein flottes Leben nach Frans Brüggen: Die hochtalentierte Blockflötistin Dorothee Oberlinger aus Aachen spielt auf ihrem aktuellen Album Stücke von Georg Philipp Telemann (Deutsche Harmonia Mundi/Sony), als ginge es um letzte Dinge. Edler klang eine solche Altflöte wohl nie. Dass Frau Oberlinger eine Menge von ihrem Fach versteht, können auch ihre Schüler an Akademien von Tokio, London und Salzburg bestätigen, wo sie während der letzten Jahre lehrte.

So wie sie nun mit Georg Philipp Telemanns Sonaten umgeht, hat dies allerdings nicht den akademischen Trockeneisdunst mancher Barockinterpretationen, sondern vermittelt pure Spielfreude und oft fröhlichen Drive. Oberlingers phantastisch präzise Läufe in den schnellen Sätzen blitzen vor Perfektion, die weit schwingenden langsamen Parts haben das nötige Sentiment. Unterstützt vom bestens motivierten Ensemble 1700 setzt Dorothee Oberlinger bei "ihrem" Telemann immer noch einen drauf. Nach ihren Bach-Einspielungen und dem italienischen Programm ein weiterer Schritt nach vorn. Ein Telemann-Querschnitt mit Gewicht und Verve.


Lisa Batiashvili: Violin Concerto / Miniatures (Sony BMG)
Christof Keymer: Moritz Moszkowski - Klaviertranskriptionen (edel music) Joachim Kaiser: Ich Bin der Letzte Mohikaner (Deutsche Grammophon/Universal)
Dorothee Oberlinger: Werke für Blockflöte (deutsche harmonia mundi/Sony)



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