Klassik mit blue notes Wir Keller-Klimperer

Wenn Klassik-Komponisten Jazz-Stücke schreiben, geht es meistens schief. Die Ausnahme ist der Pianist Marc-André Hamelin; er bekennt sich mit seiner neuen CD zum Jazz – und gewinnt.
Von Kai Luehrs-Kaiser

Große Teile der Klassik-Welt verbindet eine gemeinsame große Liebe – zum Jazz. Simon Rattle schwört darauf (und hat sich mit einem missglückten Duke-Ellington-Album schon einmal fast blamiert). Der russische Star-Pianist Arcadi Volodos, wenn er nicht gerade an alten Radios rumschraubt, hämmert im Stil seines Jazz-Vorbildes Art Tatum in die Tasten – und tritt bei Einbruch der Nacht sogar in Jazz-Clubs auf. Auch Geigerin Anne-Sophie Mutter geht zum Jazzen in den Keller.

Die Diskretion hat ihren guten Grund. Denn beim Jazz wildernde Klassik-Heroen haben nur selten echte Treffer erzielt. Selbst ein vergleichsweise erfolgreicher Grenzgänger, der Beethoven-Gigant Friedrich Gulda, musste sich als Jazzer häufig belächeln lassen. Etliche Gelegenheitsjazzer unter seinen Kollegen schrieben nur für die eigene Schublade. Das belegt jetzt eine schöne CD des franko-kanadischen, bei uns noch immer unterschätzten Pianisten Marc-André Hamelin, 46. Die meisten Stücke seiner CD waren bislang völlig bekannt.

"In a state of Jazz" ist jedoch nicht nur eine Liebeserklärung an die Jazz-Abwege seiner Kollegen. Sondern erklärt auch gleich den Grund des Problems. Seine CD, so Hamelin im Booklet, enthalte – streng genommen – "überhaupt keinen Jazz". Zum Jazz gehöre Improvisation. Die ausgewählten Werke von Gulda, George Antheil, Alexis Weissenberg und Nikolai Kapustin seien indes "komplett bis zu letzten Note niedergeschrieben".

Hier mischen sich klassische Formen, etwa Fugen oder Präludien mit den polyrhythmischen Ruckanfällen des Jazz und veredeln sie mit blue notes. Kein Wunder wohl, dass die schreibenden Pianisten, wenn sie ihre eigenen Jazz-Kompositionen spielten, oft nicht weit kamen. Sie versuchten den Eindruck von Freiheit zu erwecken. Und hatten sich alles zurechtgelegt.

Marc-André Hamelin, von Kennern als einer der technisch perfektesten Pianisten der Welt verehrt, hat solche Probleme nicht. Er erleuchtet Guldas "Exercise No. 4" ebenso elegant wie bravourös. Antheils knappe "Jazz Sonata" spielt er, als sei es ein Beethoven-Blatt. Gerade so findet er seltsamerweise die Lust und den provozierenden Tastenschlag, um aus den Gelegenheitskompositionen eigentümliche Jazz-Kunstwerke zu formen.

Die CD ist endlich auch ein guter Einstieg für alle, die diesen großen Pianisten vielleicht bislang übersehen hatten. Der in Montréal geborene, in Boston wohnhafte Schüler von Yvonne Hubert (die von Gabriel Fauré gefördert worden war) macht sich in Europa rar. Seine Vorliebe für Kleinmeister wie Alkan, Godowski oder den britischen Exzentriker Kaikhosru Sorabji hat ihn bislang eher bei einem Publikum von Fortgeschrittenen bekannt gemacht – oder sagen wir es respektloser: bei Fetischisten.

Mit spitzen Fingern kitzelt Hamelin seine Kollegen – und findet in deren Klassik-Ausbruchsphantasien so viel Leidenschaft, Komik und Leben, wie man das nicht mal von deren eigenen Platten regelmäßig sagen konnte. Wundervoll etwa das Bar-Geplänkel in den "Six arrangements of songs sung by Charles Trenet" des Karajan-Lieblingspianisten Alexis Weissenberg. Eine Entdeckung auch die Sonate Nr. 2 op. 54 von Nikolai Kapustin, hinter der sich unerwartete Jazz-Refugien verbergen. Kurz: Eine wunderbare CD aus dem verborgenen Hobby-Keller der Klassik. Von einem der fähigsten Pianisten der Welt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die zeitgleiche Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten