Neuer Klavierkönner Lieber den Bass als den Bach

Lucas Debargue spielt das Klavier eigenwillig, durchlief keinen üblichen Virtuosen-Werdegang, überzeugte dennoch beim Tschaikowsky-Wettbewerb. Jetzt gibt es sein hoch unterhaltsames Paris-Recital auf CD.

AFP

Ungewöhnlich klingt fast zu dezent: Alle Infos zum noch ziemlich jungen Pianisten Lucas Debargue (Jahrgang 1990) erscheinen schräg und irritierend.

Mit elf Jahren ein Autodidakt am Klavier, der erst neun Jahre später professionelle Ausbildung erfuhr, sich noch vor Beginn einer gar nicht unbedingt angestrebten Karriere eine Auszeit für seine Jazz-Ambitionen nimmt (er spielte lieber Bass), der auf professionellen Drill pfeift, aber über irrwitzige Spieltechnik verfügt. Nach wenigen Jahren Klavierstudien in Moskau erspielte er sich auf Anhieb den vierten Platz im dortigen Tschaikowsky-Wettbewerb.

Manche sahen in Debargue flugs einen Exzentriker, dessen Erscheinen sie an den jungen Glenn Gould erinnert. Wenn man das alles liest, wie es Damian Thompson im englischen "Spectator" schrieb, hätte man schon ein sauberes Script für Debargues Biopic. Am besten aber, man hört dem in Paris geborenen Nachwuchsgenie erst einmal zu - dann braucht es zunächst gar keine exotisch raunende Geschichte von seinem Werdegang. Seine Debüt-CD sagt eigentlich alles.

Nach Jazz-Ambitionen zurück zur Klassik

Aufgalopp mit Scarlatti: Vier Sonaten, nicht chronologisch geordnet, nimmt Lucas Debargue zu keiner Sekunde spieluhrig-trillervergnügt, von Beginn an scheint er überkonzentriert auf die Abgründe zu warten, um sich dann nur beinahe in sie zu stürzen. Das erinnert an große Vorbilder. Kontrastreiche Dramaturgie und Gestaltung durch differenzierte Anschlagskultur und Feeling, wie sie einst Vladimir Horowitz diesen Miniaturen angedeihen ließ und dem Klavierwerk Scarlattis neuen Klang verlieh. Debargue berührt gleich mit der A-Dur-Sonate (K 24/L 495) Ausdrucksgrenzen zwischen todtraurig und klangberauscht: Das kann man überpointiert finden, packend klingt es allemal. Da ist er dann auch, der sanfte Glenn-Gould-Touch.

Dann geht es gleich auf einen Gipfel: Frédéric Chopins vierte Ballade op. 52 in f-moll entwickelt Debargue, wie es sich gehört, als düster aufschimmernde Erzählung aus leisen, tastenden Motiven, aber nach dreieinhalb Minuten lässt er die aufgebaute Spannung ausbrechen, um sie gleich wieder diszipliniert einzufangen. Sturm, Drang und Kontrolle. Er entfaltet die Themen der Ballade zurückhaltend, dann wieder eruptiv, wie ein emotionaler Erzähler, der sich anfangs von seinem Stoff nicht überwältigen lassen will, sich ihm endlich aber doch hingibt. Eine skrupulöse Liebesaffäre. So benötigt er bis zum Finale rund zwei Minuten länger als Vladimir Horowitz in den meisten seiner Aufnahmen von op. 52.

Den folgenden "Mephistowalzer" No. 1 von Franz Liszt mit dem blumigen Untertitel " Der Tanz in der Dorfschänke" muss jeder Top-Pianist mit lockerer, aber kraftvoller Geste aufs Parkett legen können. Debargues Interpretation lässt keinen Zweifel: In seiner "Dorfschänke" wird ausschließlich Champagner ausgeschenkt, so wundersam selbstvergessen und taumelig zelebriert der Virtuose den lisztschen Klaviersatz, da grinst der Leibhaftige im Hintergrund. Debargue geht frei und frech mit dem Tempo um, Spitzentanz und schwindelerregende Drehungen, auftrumpfende Akkordballungen gegen perlende Läufe. Teuflisches Entzücken bis zum Schluss.

Hier bei Klassik.TV sehen Hier wird Champagner ausgeschenkt

Der Übergang zur dritten Meisterprüfung auf diesem Album, Maurice Ravels "Gaspard de la nuit" hätte nicht besser sein können. Alles, was Pianistenhände an Differenzierungsvermögen, biegsamer Anschlagstechnik und Gestaltung vermögen, hier ist es gefragt. Und Lucas Debargue liefert sauber ab. Wenn ein Virtuose irgendwo das Perkussive des Klaviers überspielen muss, dann in diesen drei Sätzen.

Vor allem der Beginn mit "Ondine" (Die Wassernixe) und mehr noch der quirlige Schluss "Scarbo" (Der listige Kobold) fordern höchste technische Perfektion. Debargue verwandelt diesen grausam schweren Piano-Parcours in den romantischen Zaubergarten, zu dem sich Ravel von der kurzen Prosadichtung Aloysius Bertrand (1842) inspirieren ließ. Wem das so gelingt, der gehört in die Champions League der Tasten-Virtuosen. Herzlich willkommen, bitte weiter so!

Die wunderbaren Zugaben - Grieg, Schubert und eine nette Eigenkomposition - sind das filigrane Dessert dieses Drei-Sterne-Recitals, das dankenswerterweise im November 2015 im Pariser Salle Cortot mitgeschnitten wurde. Die Klangqualität erreicht nicht ganz den Topstandard des Künstlers, aber das lässt sich verschmerzen.

Die dezenten Publikumsgeräusche und das Klirren des Flügels erzeugen eher Aura als echten Verdruss.

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  • Lucas Debargue:
    Scarlatti, Chopin, Liszt, Ravel

    Sony Classical; 17,99 Euro.

    Erscheint am 8. April 2016

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