Klassik-Tipp Das Diven-Delirium

Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli betätigt sich als Archäologin: In ihrer Verehrung für Maria Malibran, ihre große Kollegin aus dem 19. Jahrhundert, bringt sie jetzt eine Platte mit Arien der Operlegende heraus.

Von KulturSPIEGEL-Autor Joachim Kronsbein


Sie war der überragende romantische Gesangsstar des 19. Jahrhundert: verehrt, kopiert und wegen ihres frühen Todes mit 28 Jahren unverzüglich in den Olymp der Unsterblichkeit erhoben. Maria Malibran war die Callas und Netrebko ihrer Zeit – eine Primadonna in Europa und den USA gleichermaßen und so berühmt, dass die Komponisten-Elite für sie eigens halsbrecherisch schwere Arien schrieb.

Sopranistin Bartoli: Mit viel circensischem Feuer
Uli Weber/decca

Sopranistin Bartoli: Mit viel circensischem Feuer

Zu ihren größten Verehrern gehört heute die italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli, selbst eine der großen Diven der Klassik-Szene. Die Römerin hat in den letzten Jahren ein wahres Malibran-Museum zusammengetragen, bestückt mit Memorabilien ihres großen Vorbildes. In einem großen Truck werden die Stücke im Herbst mit der Museumsdirektorin Cecilia Bartoli auf große Malibran-Tour (http://www.mariamalibran.net)gehen, von einer Tournee-Station zu nächsten.

Die erste Einstimmung für die Hommage erfolgt natürlich vorab auf einer CD.

Auf dem Album „Maria“ singt die Bartoli die – zum Teil heute kaum noch bekannten – Stücke ein, mit denen die Malibran damals ihre Fans an den Rand des Deliriums brachte, anspruchsvolle Koloraturen, gefühlvolle Arien und Bravourstücke mit wenig Substanz, aber viel circensischem Feuer, das die Bartoli mit allen Brandbeschleunigern ihrer unvergleichlichen Vokal-Kunst zum Lodern bringt. Ein doppeltes Vergnügen für Diven-Bewunderer.

Maria Malibran wurde am 24. März 1808 in Paris als Tochter eines Sängerehepaares geboren und bekam den Namen Maria Felicia García. Mit acht Jahren stand die Hochbegabte bereits auf einer Bühne und mit 17 war sie der erste Gesangsstar der blutjungen amerikanischen Operngeschichte. Als sie jedoch den 28 Jahre älteren Geschäftsmann Eugène Malibran geheiratet hatte, zog sie sich zum grenzenlosen Kummer ihres Publikums von der Bühne zurück. Doch die Fans haben Glück: Der Ehemann steht kurz vor der Pleite – Maria muss wieder singen, und ihr wahrer Aufstieg beginnt. Sie erobert Paris, wird zur Gesangsgöttin stilisiert und ihr Privatleben genauestens observiert.

Wie um das Bild von der unabhängigen romantischen Heroine komplett zu machen, verliebt sie sich in den belgischen Geiger Charles de Bériot. Nach langem Tauziehen gelingt es ihr, die Ehe mit Monsieur Malibran annullieren zu lassen. Doch wie in den Opern, in denen sie triumphiert, ereilt die Heldin das Ende auf dem Höhepunkt des Glücks. 1836 stirbt Maria Malibran, die von Bériot schwanger ist, im Alter von 28 Jahren an den Folgen eines Reitunfalls.

Cecilia Bartoli hat ihr, einer der größten Sängerinnen der Operngeschichte, von der es nun mal noch keine Tondokumente geben kann, dennoch ein würdiges musikalisches Denkmal gesetzt.


CD Cecilia Bartoli: „Maria“ (Decca).



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