Klassikstar Véronique Gens Im Höllenkreis des Trostes

So formvollendet gerät niemand sonst aus der Fassung: Als französische Opern-Tragödin frönt Véronique Gens der Lust des Untergangs - und krönt sich selbst zur Königin der Barock-Diven.

Von Kai Luehrs-Kaiser


Eine Fortsetzung im Klassikbereich, das ist entsetzlich unsexy! Über ein Kino-Event wie "Terminator 4" wundert sich zwar niemand: Der bewährte Titel zieht die Massen. Ein Klassikalbum wie "Tragédiennes 2" hingegen sorgt für Erstaunen: Der Titel muss doch pures Kassengift sein.

Und doch: Der französischen Sopranistin Véronique Gens ist mit ihrem zweiten Auftritt als Tragödin in französischen Opern des 18. und 19. Jahrhunderts ein Album von erneut erschütternder Untergangslust geglückt, voll schockierender Stimmungsstürze und Farbexplosionen.

Der Höllenkreis des Trostes, den Gens durchschreitet, ist das denkbar schönste Bekenntnis zum Grundsatz: "Aus Leiden Freuden!" Mit ihm krönt sich die 43-Jährige zur Königin des Barock.

Die in Orléans geborene Sängerin wurde im Stall des Barock-Zeremonienmeisters William Christie entdeckt, in den Gebetsmühlen von Philippe Herreweghe geschliffen und von René Jacobs gequält (als Gräfin in Jacobs' preisgekrönter Aufnahme von Mozarts "Le Nozze di Figaro"). Alle drei Dirigenten würden inzwischen nicht mehr anrufen, beklagt sich Gens in einer schmalen Garderobe im Festspielhaus von Baden-Baden. Dort sitzt sie hoheitsvoll auf einem Stühlchen wie eine Regentin beim Friseur.

"Ich bin keine Diva!", sagt sie, "mit mir ist leicht zu arbeiten."

Die bleiche Noblesse, verschattet unterm schwarzen Wallehaar, entspricht einem französischen Göttinnen-Klischee. Sogar jauchzende Überschnapper in Glucks "Furien-Arie" (aus "Orphée et Eurydice") gelingen ihr ebenmäßig klassisch. Bravour-Stücke von Rameau, Piccinni und Sacchini feuert sie so kultiviert flimmernd ab, dass man die Sopranistin im einen Moment am Rande der Contenance wähnt - und sie im anderen Moment lachend vor Augen sieht.

Genau diese Gratwanderung zwischen Tänzeln und Straucheln vollbringt sie nicht zuletzt dank des ingeniös befeuernden Christophe Rousset und seiner bengalischen Barock-Combo "Les Talens Lyrique". Umlichtert vom Klangzauber ihrer Brillanz, wagt sich Gens vom schweren Terrain eines Grétry bis zu Arriaga, Cherubini und Berlioz vor: ein weiter Radius vergessener Meisterwerke.

In Paris, der vielleicht schwierigsten Musikmetropole der Welt, war Véronique Gens bis heute kaum je engagiert: "Franzosen mögen halt keine französische Musik." Ihrem Vorbild, der britischen Sopranistin Felicity Lott, wagte sie sich niemals zu nähern: "Ich bin zu schüchtern." Auch werde sie immer stärker auf jenes Mozart-Repertoire reduziert, in dem sie tatsächlich (als Fiordiligi oder "Figaro"-Gräfin) derzeit schwer zu toppen ist. Hinter der hehren Fassade verbergen sich: Skepsis und Misserfolgsgefühle.

Auch sagt sie, dass diese neue Platte ihre wohl letzte sei. Das mag der Zuhörer kaum glauben: Gens ist nicht nur eine der künstlerisch interessantesten und elegantesten Erscheinungen des internationalen Musik-Zirkus, sondern mit dieser neuen CD auch eine der wichtigsten.

Niemand gerät formvollendeter aus der Fassung als sie.


CD Véronique Gens: "Tragédiennes 2". From Rameau to Berlioz (Virgin Classics)



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