Klaus Doldinger zum 80. Unser cooler Kapellmeister

Klaus Doldinger ist der erfolgreichste deutsche Jazzmusiker und Komponist, sein "Tatort"-Thema ist der Soundtrack der Nation. Jetzt wird Doldinger 80 Jahre alt. Aber Ruhestand? Kommt gar nicht in Frage!

Peter Hönnemann/ Warner Music

Klaus Doldinger zu erwischen, das ist in diesen Tagen nicht leicht. Ein neues Album muss promotet werden, natürlich gibt es auch eine Tournee dazu. Also Proben, Pressetermine und alles, was man als Bandleader und Galionsfigur des deutschen Jazz so auf dem Plan hat. Trotzdem ist das Routine für einen Profi wie ihn. Ach ja, und dann war da ja auch noch dieser Geburtstag. Am 12. Mai wird Klaus Doldinger 80 Jahre alt.

Feiert er? Klar, er gibt natürlich ein Konzert. In der Düsseldorfer Tonhalle, mit verschiedenen Versionen seiner langjährigen Band Passport und dem großen WDR-Orchester. Klaus Doldinger macht das, was er seit gefühlten Ewigkeiten macht: Er ist unterwegs und spielt eine Art des zeitgenössischen Jazz, die inzwischen zur deutschen Kultur gehört. Dass das so ist, geht auch aufs Ausdauerkonto von Klaus Doldinger. Wenn man mit dem Vielbeschäftigten spricht, erscheinen seine acht Lebensdekaden fast unglaublich. Spielen die Jahre bei diesem Arbeitspensum gar keine Rolle?

"Eigentlich kann man sein Alter gar nicht fassen", sagt Doldinger. "Vor 30 Jahren hätte man es sich nicht vorstellen können, immer noch so zu arbeiten und aufzutreten!" 1981 erlebte er einmal einen Tiefpunkt, "eine ernste Lungenentzündung war wirklich lebensbedrohlich. Da änderte ich ein paar Dinge: keine Zigaretten mehr, wenig Alkohol, viel Bewegung, Sport. Ich lebe seitdem gesund und merke es." Doldinger sagt das so sachlich wie ein Mediziner. Lernfähig zu sein, das hat ihn immer in seinem Leben vorangetrieben. Das Cover seiner neuen CD bildet ihn und sein Arbeitsethos ab: Mit geschultertem Instrument steht er da, im weißen Hemd mit Krawatte, wie ein Jazz-Denkmal, die Haare von einem Windstoß zerstrubbelt: selbstironisch, aber auf Zack.

"Udo darf das"

Wer Doldinger im vergangenen Jahr beim Echo Jazz in Hamburg erlebt hat, als er zusammen mit Passport das neue, rhythmisch vertrackte Stück "Seven To Four" aufführte, konnte spüren: Da geht noch einiges. So brachte er in seinem Jubiläumsjahr auch keine langweilige Werkschau-CD heraus, sondern begab sich mit seiner aktuellen Band, alten Weggefährten und neuen Partnern ins Studio, um sein Repertoire zu durchforsten und frisch einzuspielen, Überraschungen inbegriffen: Helge Schneider, ausgewiesener Jazzkenner und -könner, spielte ein übermütiges Hammondorgel-Solo zum Klassiker "St. James Infirmary", Posaunen-Kollege Nils Landgren besuchte zusammen mit Doldinger seine "Soul Town", und sogar Udo Lindenberg, einst allererster Passport-Drummer, gab sich als Sänger auf dem Album-Rausschmeißer "Der Greis ist heiß!" die Ehre. "Udo darf das", sagt Klaus Doldinger und lacht. Immerhin feiert Lindenberg in diesem Jahr seinen Siebzigsten, ein Seniorenwitz auf Augenhöhe.

Die Augenhöhe mit den großen Jazz-Vorbildern musste sich Klaus Doldinger, 1936 in Berlin geboren, im kulturell verwüsteten Nachkriegsdeutschland hart erkämpfen. Natürlich gab es Orchester wie Kurt Edelhagen oder Erwin Lehn, aber die hatten Tanzmusik als festes Standbein oder den Rundfunk als finanzielles Rückgrat. Doldinger spielte zunächst Dixieland, orientierte sich aber früh an Idolen wie Sidney Bechet, als er zunächst, ab 1947, am Düsseldorfer Schumann-Konservatorium Klavier studierte.

Fünf Jahre später folgte die Klarinette, was ihn nach einer Trio-Formation zu seiner ersten erfolgreichen Band, den "Feetwarmers" führte. Manfred Lahnstein, sehr viel später Bundesfinanzminister, spielte in der Combo die Posaune. Bald darauf stieg Doldinger aufs Tenorsaxofon um, das er sich selbst beibrachte. Den Ruf, den er sich bis 1960 erworben hatte, führte ihn zu Gastspielen bei Idolen wie Don Ellis, Johnny Griffin oder Donald Byrd, die zu jener Zeit verstärkt in Deutschland vorbeischauten.

Weltmusik, bevor es den Begriff gab

Die Erfahrung, dass man vom Jazz allein nicht Leben konnte, machte Doldinger früh. In den Sechzigerjahren produzierte er unter dem Künstlernamen Paul Nero erfolgreiche "Tanz- und Unterhaltungsmusik", wie das im damaligen Branchenjargon hieß. Doch Klaus Doldingers Quartett, das er 1962 gründete, sorgte schnell für nachhaltigen Ruhm. Schon ein Jahr später erschien unter dem programmatischen Titel "Klaus Doldinger - Jazz made in Germany" ein Album beim Label des damaligen Hipster-Magazins "Twen". Eine Marke war geboren, die auch auf Mitstreiter wie die Gitarristen Attila Zoller und Volker Kriegel, Schlagzeuger wie Cees See und Klaus Weiss oder den Keyboarder Ingfried Hoffmann abstrahlte. Der neue deutsche Jazz bekam eine eigene Szene.

Ab dem Ende der Sechziger änderten sich die Vorzeichen. Der Rock-Mainstream hatte sich mit der frei improvisierten Musik verbündet und als freundlich konsumierbare Darreichungsform den Jazzrock geboren. Passport nannte Klaus Doldinger seine neue Band, mit der er auf der Höhe der Zeit navigierte, federnden Rhythmus und fließend griffige Jazz-Themen verknüpfte. Prompt ging es auf Live-Ochsentour durch die Jugendzentren und kleinen Clubs der Republik.

Kein leichtes Unterfangen, denn das snobistisch-studentische Jazzpublikum hörte zu dieser Zeit in Sachen Saxofon eher US-Avantgardisten wie Albert Ayler, Pharoah Sanders oder Archie Shepp. Aber Doldinger hatte in seiner ersten Passport-Besetzung genrefremde Instrumentallisten wie Lindenberg, den Amon-Düül-Krautrocker Lothar Meid am Bass und den Keyboarder Jimmy Jackson. Zusammen machten sie Musik, die kaum noch Vorbilder kopierte, attraktive Melodien bot und exotischste Stileinflüsse clever verarbeitete. 1971 konnte man die innovative Gruppe schon im ARD-"Beat Club" bewundern.

Soundtrack der Nation

Bevor es den Begriff gab, hatten Doldinger und Passport eine auf Jazz basierende Weltmusik erschaffen, die auch international widerhallte: In den USA galten Passport zeitweilig als deutsche Antwort auf die Allstar-Fusionband Weather Report. Als erster deutscher Act erhielten Passport wenig später einen Vertrag beim damals coolen US-Label Atlantic.

Mit seiner gnadenlos eingängigen "Tatort"-Melodie schuf Doldinger 1970 dann auch das Erkennungsthema des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, eine Art Soundtrack der Nation. Bereits in den Sechzigerjahren hatte er Filmmusik komponiert (u.a. "Playgirl"), und Wolfgang Petersens "Das Boot" ist ohne Doldingers markantes Tiefseerauschen, das Echolot-Ping und die getragene, aufwogende Melodie ebenso wenig denkbar wie später die Verfilmung des Jugendbuch-Klassikers "Die unendliche Geschichte" - auch wenn Giorgio Moroder noch einen Hitsong nachlegte. Natürlich sind das nur die Evergreens: Dutzende Werke für TV und Kino stammen seit 1963 aus Doldingers Feder. Dazu entstanden im Laufe der Jahre allein 35 Passport-Alben, rund 5000 Live-Auftritte absolvierte der rastlose Musiker.

Seine hohe Produktivität fußt abseits von Talent und Kreativität auch auf Bodenständigkeit: Im heimischen Icking bei München besitzt der Doldinger seit den Siebzigerjahren sein eigenes Studio. Wenn er dort arbeitet, tickt keine Uhr, es droht höchstens eine Deadline. Neben modernstem Digital-Equipment steht im Arbeitszimmer immer noch ein ehrwürdiger Bösendorfer-Flügel.

Doldingers Rat an junge Musiker ist gelebte Erfahrung: "Einfach überhaupt spielen! Und nicht zu einseitig sein." Das heißt für ihn auch: Keine Angst vor dem Kommerz, Berührungsängste limitieren nur. Und genau dieses Erfolgsrezept zelebriert Doldinger auch auf seinem jüngsten Album. Bei den Aufnahmen schauten auch so massentaugliche Pop-Vokalisten wie Sasha und Max Mutzke vorbei. Und siehe da: Mutzkes rauchige Blues-Stimme meistert Marvin Gayes "Inner City Blues" sehr anständig, und Sashas Version des Passports-Stücks "New Moon" von 1982 glänzt silbrig verhangen. Doldinger und Passport grooven auch 2016 noch mit solidem Herzschlag. Der Greis hat gut lachen.

Anzeige
Mehr zum Thema


insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chaps 11.05.2016
1. Lange möge er spielen!
Das Passport Album "Looking Thru" hat mich damals zum Jazz gebracht. Doldinger steht für Qualität im Jazz. Möge er noch lange so weitermachen!
GinaBe 11.05.2016
2. Herzlichen Glückwunsch!
Großartig: Klaus Koldinger! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und ein weiterhin gutes, glückliches und musikalisch langes Leben wünsche ich Ihnen! Passport hörte ich bereits als Teeny neben Hardrock und Klassik und bin auch tiefer in den Jazz eingestiegen im Laufe der Jahrzehnte, Peter Kowald etwa in Wuppertal habe ich sehr geliebt. Wie großartig kann doch ein Musikerleben sein- nicht im Hotspot des Rampenlichtes verbrennend und als Megastar sich verkaufend, dann leer und ideenlos früh sterben- das muss nicht sein!
kajoter 11.05.2016
3.
Der Vergleich mit Weather Report ist natürlich mindestens 2 Nummern zu groß gewählt. Aber immerhin hat Doldinger eine nette Farbe in die ansonsten triste deutsche, ambitionierte neue Musikszene gebracht. Vor allem in den Siebzigern, in der seine Band sehr gut besetzt war. Bewundernswert finde ich seinen völlig unproblematischen Umgang mit Kommerz, sprich Werbe- und Filmmusik. Und jeder, der das Unvergnügen hatte, einmal mit Regisseuren zusammenarbeiten zu müssen, weiß, wovon die Rede ist. Das kann nicht jeder Musiker so nonchalant bewältigen, im Gegenteil, die meisten werden es als Zumutung empfinden. Hut ab vor dieser Souveränität und Glückwunsch zum Geburtstag.
breezandijk 11.05.2016
4. .....das Doldinger Jubilee Concert 73......
...ist meine Lieblingsscheibe von ihm. Die großartige Passport Besetzung und die Gäste...wow. Das macht auch heute noch großen Spaß. Danke für viele Jahre gute Unterhaltung. Mazel tov
LudwigN 11.05.2016
5. Danke!
Ich liebe den Soundtrack zur Verfilmung von "Die unendliche Geschichte". Als Kind konnte ich davon nicht genug bekommen und habe ihn mir abends im Bett unzählige Male auf meinem Walkman angehört. Eine wunderschöne Zeit. Vielen Dank dafür!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.