Klavierkönner Uhlig Zaubert einer 'ne Partitur aus dem Hut

Lass' dich überraschen! Der unberechenbare Florian Uhlig spielt erst Beethoven, dann den Avantgarde-Komponisten Lachenmann. Jetzt hat ihn sogar der "Zerbrochne Krug" zu einem Klavierabend inspiriert - ein Pianist auf Abenteuertrip.


Zugegeben, ein Klavier-Titan sieht anders aus. Florian Uhlig, 1974 geboren, wirkt auf Fotos und im Konzert wie der freundliche Musiklehrer von nebenan. Doch der Schein trügt. Auf dem Podium wird Uhlig zum finessenreichen Zauberer, der mit eigenwilligen Programmen ebenso wie mit Technik und souveränen Interpretationen überzeugt.

Uhlig-CD-Cover: Der Schein trügt

Uhlig-CD-Cover: Der Schein trügt

Bislang bewegte Uhlig sich vor allem auf internationalem Terrain, weit weg also, doch jetzt hat er endlich wieder einige deutsche Konzertsäle auf seine Agenda gesetzt. Zwar gehörte er bei den Philharmonikern in München, Dresden oder Stuttgart schon zu den erfolgreichen Gästen, als Solist jedoch zog er hierzulande bislang noch keine Massen an, noch kennt ihn in Deutschland nur ein Fachpublikum. Das wird sich sicher ändern.

Als er am 23. Mai dieses Jahres die Bühne der eher spärlich besuchten Hamburger Laeiszhalle betrat, begann einer jener spannenden Abende, von denen man später einmal oft und gern erzählen wird - man durfte dabei sein! Florian Uhlig promotete mit seinem Programm aus Variationen-Zyklen zwar brav seine neue Beethoven-CD (Hänssler Classic), aber das war längst nicht alles. Neben intim-virtuosen Schubert-Bearbeitungen von Franz Liszt und einem frühen Variationen-Stück vom deutschen Musik-Revolutionär Helmut Lachenmann spielte er im Zugabenteil auch eigenes: eine wilde Toccata, die es in sich hatte. Dass er dazu noch launige Conférencen einflocht, gab dem Ganzen einen so persönlichen Anstrich, dass man sich im Wohnzimmer des Virtuosen wähnte.

Uhligs Spiel vereinigt im Konzertsaal die scheinbaren Gegensätze Genauigkeit und Phantasie mit sicherem Gespür für Klang. Das erweckte vor allem die fünf subtilen Lachenmann-Miniaturen zum perlenden Leben. Eine Überraschung, wie feingliedrig der später kompromisslose Avantgardist 1956 mit dem sensiblen Schubert umging. Uhlig ertastete sich damit die Nähe zu den schwierigen Eroica-Variationen Ludwig van Beethovens, die den brillant gemeisterten Höhepunkt des Recitals bildeten. Nichts an dem Eroica-Paket wirkte forciert oder erdenschwer, der Pianist schien in seinem Spiel erfreut zu lächeln - wie auch das Publikum, das stürmisch Zugaben erklatschte.

Zu Beginn seiner Karriere verabschiedete sich Uhlig zunächst aus seiner Heimat, studierte in London und absolvierte seinen ersten Auftritt mit Orchester 1997 im Londoner Barbican-Kulturzentrum. Danach breitete sich sein Ruf schnell aus, denn auch sein individuelles Repertoire sicherte Uhlig Aufmerksamkeit.

So exotische Komponisten wie Bernard Stevens oder Charles Alkan gehören dazu, aber auch der gängige Kanon von Bach, Beethoven, Liszt und Chopin. Mit dem quirligen Simon Bolivar Youth Orchestra spielte er jüngst das Klavierkonzert von Krzysztof Penderecki unter dem Dirigat des Komponisten, aber auch als Kammermusiker und Liedbegleiter beweist er seit langem Vielseitigkeit und Unternehmungsgeist.

Für seinen Auftritt beim diesjährigen Schleswig-Holstein-Musikfestival hat Uhlig wieder etwas Seltenes und Eigenwilliges ausgewählt: Die Schauspielerin Nina Hoger wird die Erzählungsversion des "Zerbrochnen Krugs" vorlesen - verfasst nach dem französischen Kupferstich "La cruche cassée", der auch Heinrich von Kleist zu einem Lustspiel und Ludwig Wieland zu einer Satire inspirierte. Autor der Erzählung ist Heinrich Zschokke, ein Freund Kleists.

Rund um diese heute beinahe vergessene Novelle fächert Uhlig ein Programm zeitgenössischer Musik von Mendelssohn, Weber und Hummel auf - auch eine Möglichkeit, ein Recital zu gestalten. Am 18. August kann man das Ergebnis in Flensburg (Marineschule Mürwick) begutachten.

Danach macht sich Florian Uhlig hierzulande wieder rar: Nur vier weitere Konzerte in Deutschland sind bis Ende 2009 geplant, davon eines in seiner Geburtsstadt Düsseldorf: Dort spielt er am 18. Oktober in der Tonhalle Klavierkonzerte von Schostakowitsch und Mendelssohn - wieder ein hübscher Kontrast.


CD Ludwig van Beethoven: "Variationen für Klavier" mit Florian Uhlig, Klavier (Hänssler Classic).
Weitere Konzerttermine unter Florian Uhlig.



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