Knorkator Die erfolgreichen Schmuddelkinder

Die Persiflage-Band Knorkator macht vor, wie auch alternde Rockstars noch erfolgreich werden können. Die drei Berliner sind so, wie der Westen die Ostdeutschen am liebsten hat: pubertär und proletarisch. Ihr Album heißt "Hasenchartbreaker" und zeugt vom Drama des begabten Ostkindes.
Von Michael Pilz

Jetzt hat das Publikum den Salat. Die in der ersten Reihe haben Bier im Schuh und Gemüse auf der Jacke und finden das ganz in Ordnung. Weil der halbseitig tätowierte Sänger ihrer Band mit Gurke wirft, einen goldenen Damenbadeanzug trägt und den kahlen Kopf in eine Kloschüssel steckt. Deshalb drängen sie an diesem Abend zu Tausenden in die Columbiahalle in Berlin, um Knorkator zu sehen. Zerren sich Hemden über die Bäuche, auf denen "BÖSE!" steht. Das sind die Knorkator-Fan-Hemden. "Böse!" grunzt der Sänger auf der Bühne: "Ich bin so böse!" Denn gute Männer kommen in den Himmel. Böse überall hin.

Gute Männer gibt es viele in den Hitparaden und in Hamburg bei den großen Plattenfirmen. Wohlerzogene Zeitgenossen, die ihre anale Phase früh überwinden durften. "Scheißsuppensausacklochschwein", ruft Stumpen, der kleinwüchsige Vorturner bei Knorkator. Ein Mittdreißiger. Ein Ostkind wie Alf Ator an der Orgel und Buzz Dee, das reglose Monster an der E-Gitarre. Auch das müssen die Spätfolgen sein, die Christian Pfeiffer, ein verdienstvoller Kriminologe aus Hannover, neulich am Ostmenschen entdeckt hat. In den paramilitärisch geführten Kindergärten der DDR habe ein Zwang zum kollektiven Stuhlgang bestanden. Die Topfbank, hat Pfeiffer erklärt, habe eine westlich zivile Prägung nachhaltig verhindert.

Der in der DDR Heranwachsende hatte es auch nicht leicht, ein bedingungslos ernsthaftes Verhältnis zum Rock'n'Roll zu entwickeln. Es war eine Welt, in der es Gruppen gab wie Karat oder die Puhdys. Das Jugendradio versorgte die Jugend notdürftig mit "angloamerikanischer Popularmusik". Im Westfunk kamen die "Schlager der Woche". So eine Welt war das. Ein so umfassender Zwang zur Ironie und zur heimlichen Gründung von Frank-Zappa-Fan-Clubs, die sich heute Rammstein oder Knorkator nennen.

Knorkator, verrät Alf Ator, sei "eine Mischung aus Zeitgeist, Anmaßung und ungewöhnlicher Aufarbeitung von Kindheitserlebnissen." Also bewältigen sie nun die frühkindlichen Traumata in Liedern, die "Weihnachtsschimpfe" heißen oder "Schlüpfer". Häufig geht es um Fäkalien und enthemmte Flatulenz. Um die Defekte aller Topfbanksitzer und darum, wie der Westen den Osten am liebsten hat: pubertär und proletarisch. Eine verlorene Enklave voller Eingeborener, deren Berliner Stamm noch "knorke" sagen soll zu den geilen Dingen des Lebens.

Ist Rammstein die theatralische Inszenierung einer Heavy-Metal-Hardcore-Show, dann ist Knorkator deren Vulgärparodie. Drei akademisch geschulte Musikanten der Szene Ost, die röhren und rülpsen. Weil sie um eine gewaltige Schnittmenge im Volke wissen. Die Columbiahalle ist eng gefüllt am Abend ihrer "Reh kord re ließ scho" mit echten und falschen Proleten, mit Zynikern und Heavy-Metal-Männerbünden, deren Fähigkeit zur Selbstironie nie zu unterschätzen war. Den Musikern schlägt Pyrotechnik aus dem Kopfhörer. Sie machen kaputt, was noch nicht kaputt ist und bohren in der Nase. Röcheln "With A Little Help" von den Beatles, verwandeln "Highway To Hell" in eine Arie und "Geh zu ihr" von den Puhdys in einen Rammstein-Hit. Kleinkunst, ganz groß im Halbplayback.

Das zweite Album zur Schau zum Kult heißt nun "Hasenchartbreaker". Eine große Hamburger Plattenfirma hat sich der Schmuddelkinder angenommen, um sie gesamtdeutsch berühmt zu machen. "Wir machen Scheiße gesellschaftsfähig", sagt Alf Ator, "wir sind das schlechte Gewissen der Nation." Dabei können sie auch anders: Sie beherrschen die enge Stimmführung, den strengen Kontrapunkt, die perfekte Vokalpolyphonie. Und wenn Stumpen anhebt, von sich selbst in hoher Kastratenkunst in der dritten Person zu singen: "Und langsam regt sich der Verdacht/ Daß jemand sich hier lustig macht/ Er kriegt das Geld und den Applaus/ Und hintenrum lacht er uns aus".

Knorkator: Hasenchartbreaker (Mercury)