Coaching-Seminare "Im Moment würde ich ihn nicht als Sektenführer bezeichnen"

Immer häufiger melden sich Opfer von unseriösen Coachings bei der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen. Ab wann sind solche Seminare gefährlich? Ein Gespräch mit Leiterin Sabine Riede über Angebote wie das von Kollegah.

Rapper Kollegah verbreitet frauenfeindliche Ideologie
Matthias Balk/ DPA

Rapper Kollegah verbreitet frauenfeindliche Ideologie


Der Düsseldorfer Musiker Kollegah ist zurzeit in den Schlagzeilen, weil ein Reporter von "Vice" in Zusammenarbeit mit "BuzzFeed News" undercover eines seiner Coachingseminare besuchte und darüber berichtete. Kollegah ziehe seine Kunden ab, bezeichne sie als "Lauch" und verbreite Verschwörungstheorien. Die Seminare ähnelten einer Gurubewegung, heißt es in dem Text.

Bisher war Kollegah hauptsächlich als Rapper bekannt, seit 2013 kam jedes seiner Alben auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Die starke Kritik an der Auszeichnung des Albums "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" von Kollegah und Farid Bang mit einem Echo hatte 2018 zur Abschaffung des Musikpreises geführt. Wegen Zeilen wie "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" wurde dem Duo Antisemitismus vorgeworfen.

Die Leiterin der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen, Sabine Riede, 58, sagt, welche Gefahren sie bei dem Coachingangebot von Kollegah sieht.

SPIEGEL: Frau Riede, ist der Coach Kollegah ein Sektenführer?

Riede: Ich kenne Kollegah nicht persönlich und kann nur das beurteilen, was über ihn berichtet wird. An unsere Beratungsstelle wenden sich in den letzten Jahren immer häufiger Menschen, die durch unseriöse Coachingangebote geschädigt wurden. Aus diesem Grund haben wir eine Checkliste zur Beurteilung von Coachingangeboten entwickelt. Vergleicht man diese Liste mit Kollegahs Angebot, so wird deutlich, dass es einige problematische Punkte gibt, mangelnde Qualifikation, Verbreitung von Verschwörungstheorien, zu große Versprechungen von Erfolgserlebnissen in kurzer Zeit, Druck bei Vertragsabschluss. Im Moment würde ich ihn nicht als Sektenführer bezeichnen, aber wer weiß, wie seine Entwicklung weitergeht.

SPIEGEL: Kollegah sagt, er wolle eine Alpha-Armee rekrutieren.

Riede: Das klingt schon ideologisch aufgeladen. Viele Menschen möchten ihr Leben optimieren oder noch glücklicher werden, da soll dann ein Coach helfen, das klingt besser, als wenn man zum Psychotherapeuten geht. Es gibt leider in diesem Bereich viele für die Gesundheit und den Geldbeutel schädliche, unseriöse und völlig unqualifizierte Angebote. Das kann dazu führen, dass Menschen psychisch erkranken oder wahnhafte Vorstellungen entwickeln. Das wird auch an einem Beispiel in dem Undercover-Bericht deutlich, der jetzt über Kollegah erschienen ist.

SPIEGEL: Wann sind Coachingseminare gefährlich?

Riede: Coaching ist nicht gesetzlich geregelt, jeder kann sich als Coach bezeichnen. Nur ein Beispiel für die Fragwürdigkeit von Kollegahs Angebot: Seine Seminare sprechen nur Männer an. Sein Coaching beinhaltet auch ein einseitiges Frauenbild, das im Gegensatz zu den Emanzipationsbestrebungen unserer Gesellschaft steht. Auch seine Vorstellung von Satan als physischer Person und sein von Verschwörungstheorien geprägtes Weltbild sind sehr bedenklich.

SPIEGEL: Das ist dumm, aber ist das auch gefährlich?

Riede: Coaching sollte Raum für selbstbestimmte Entscheidungen bieten, wenn es vernünftig und qualifiziert abläuft. Es kann aber die gleichen Auswirkungen haben wie die psychische Beeinflussung in einer Sekte, wenn eine einengende Ideologie weitergegeben wird. Die Gefahr ist, dass ein solches Coaching eher Krisen bewirkt statt Erfolgserlebnisse.

insgesamt 23 Beiträge
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Georg_Alexander 09.08.2019
1. Coaching?
Ich würd's Gehirnwäsche nennen. Man kann einem Kanninchen für viel Geld einreden, dass es ein Tiger wäre - allerdings bleibt es immer noch ein Kanninchen. (Es gibt natürlich auch seriöses Coaching!)
hileute 09.08.2019
2. Als Fan von Kollegah
kann ich sagen dass ich schon den Eindruck habe dass es sich bei diesem alphamentoring um reine Abzocke handelt, das nur überteuerten Schwachsinn ist, um dummen Kids das geld aus der Tasche zu ziehen. Er bemüht sich auch nichtmal das zu vertuschen, das merkt jeder der noch n eigenen Kopf hat und ihm nicht wie dem Führer höchstpersönlich hirnlos folgt. Fazit: seine Musik immer gerne, sein Mentoring dankend ablehnen, das braucht kein Mensch
timi_moon 09.08.2019
3.
Viele der aktuell angebotenen "Coachings" sind dem Dunning-Kruger-Effekt anzulasten. Wenn der noch zweifelhaft war, wird er von den neuen "Coaches" und "Persönlichkeitsoptimierern" belegt. Der leibhaftigste Beleg für den Effekt sitzt allerdings im Oval Office. Oder in der Airforce One.
inovatech 09.08.2019
4. Coaching
von Kollegah ? Wer geht dort hin ? Was stimmt mit den Menschen nicht ?
Stereo_MCs 09.08.2019
5. Was geht
Kollegah Coaching? Ich fasse es nicht. Ist die mit Privat Fernsehen aufgewachsene, Gangster Rap Jugend tatsächlich so ver......, dass sie so einem Unfug auf den Leim geht? War eine rhetorische Frage, natürlich sind gute Teile dieser Szene samt Mitläufer genau das. Da kann man ja mittlerweile wirklich von der "Gnade der frühen Geburt" sprechen. Habe ich ein Glück mit meinem Jahrgang, dass ich noch ohne Verblödungs-Medien sozialisiert und groß wurde.
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