Kollegah und Farid Bang beim Echo Ausgrenzen hilft nicht

Heute Abend hat der Musikpreis Echo die Chance, seine gesellschaftliche Relevanz zu beweisen: Es ist schwer erträglich, aber dennoch richtig, dass die Rapper Kollegah und Farid Bang Teil der Show sind.

Ausgerechnet der Preis, der sich mit Populärkultur beschäftigt, gehört zu den wohl unpopulärsten Veranstaltungen des Jahres: Kaum ein Branchenvertreter geht gerne zum Echo, die Kritik stöhnt alljährlich über die gerne als "Gruselkabinett" verhöhnten Nominierten. Denn ausgezeichnet wird nicht das, was kreativ wertvoll ist, sondern das, was sich am besten verkauft. Und das ist oft stumpf oder dumpf oder beides.

Genau in dieser oft beklagten Bekenntnis zum Mainstream aber liegt heute Abend, wenn im Berliner Palais am Funkturm die Echos zum 27. Mal verliehen werden, eine Chance. Zum vielleicht ersten Mal könnte beim Echo, wie in den vergangenen Jahren beim US-Vorbild Grammy, nicht nur Seichtes verhandelt werden. Sondern harter Gegenwartsdiskurs.

Denn vor der Show, die Vox ab 20.15 Uhr live überträgt, gab es Ungemach. Die "Bild"-Zeitung hatte bemerkt, dass die in den Kategorien "Album des Jahres" und "Hip-Hop/Urban National" nominierten Rapper Kollegah und Farid Bang auf ihrem Album "Jung Brutal Gutaussehend 3" (kurz: JBG3) allerlei Geschmacklosigkeiten verbreitet haben.

Abstoßender geht es kaum

Die Platte erschien im Winter und verkaufte sich binnen kürzester Zeit über 200.000-mal, dazu kommen Streams im zweistelligen Millionenbereich - nach Echo-Logik eine Nominierung wert. Nur hatte sich wohl niemand im Auswahlgremium beim Bundesverband Musikindustrie (BVMI) die Mühe gemacht, das Album ganz anzuhören - wie im Übrigen auch der Großteil der Musikpresse nicht.

Auf einer Bonus-CD zum Album findet sich eine von Farid Bang gerappte Zeile, die dem Echo eine Debatte um antisemitische Inhalte in Rap-Texten einhandelte - und die Frage, ob die beiden Künstler nominiert bleiben und live auftreten dürfen: "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen", rappt Farid Bang in "0815". An anderer Stelle auf dem Album rühmt er sich: "(Ich) mache wieder mal 'nen Holocaust, komm an mit dem Molotow".

Abstoßender geht es kaum. Haarsträubende Tabuverletzungen und Geschmacklosigkeiten sind beim Battle-Rap, einem Überbietungswettkampf aus übelsten Beleidigungen, Programm. Bei Kollegah und Farid Bang gehört dazu notorische Frauenfeindlichkeit (Kollegah: "Dein Chick ist 'ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick' sie, bis ihr Steißbein bricht"), ebenso wie die Verhöhnung von Terrorismusopfern (Farid Bang: "(Ich) mach dein Bahnhofsghetto zu Charlie Hebdo").

Plattform für eine wichtige Debatte bieten

Aber mit der Auschwitz-Insassen-Zeile war - angesichts der deutschen Geschichte und zusätzlich befeuert durch die aktuelle Diskussion um muslimischen Antisemitismus - eine Grenze überschritten. Da nützte es auch nichts, dass sich Farid Bang bei einer 93-jährigen Holocaust-Überlebenden mit einem Facebook-Post entschuldigte. Und da nützte es auch nichts, dass Kollegah die Hörerschaft von "0815" quasi vorwarnte: "JBG bedeutet, scheiß' auf komplexe Songtexte/ JBG heißt, es wird stumpf und hart wie Betonklötze."

Beim Echo rief man den Echo-Beirat zusammen, der 2013 gegründet wurde, als es Proteste gegen die Nominierung der unter Rechtsrock-Verdacht stehenden Südtiroler Band Frei.Wild gab, die damals tatsächlich von der Nominierungsliste gestrichen wurde. Drei Jahre später gewann sie allerdings doch noch einen Preis und durfte auf der Bühne auftrumpfen. Ein Fiasko.

Der Beirat unter Vorsitz des 75-jährigen CDU-Politikers Wolfgang Börnsen rang sich in der Kollegah/Bang-Causa zu einem Statement durch, das sich gegen den Ausschluss der Rapper von Show und Nominierungsliste entschied, sich aber zugleich mit "Missbilligung" von den Aussagen distanzierte. Börnsen appellierte "an die politisch wie gesellschaftlich Verantwortlichen (...), eine ernsthafte Debatte über die Bedeutung und den Deutungsrahmen der Kunst- und Meinungsfreiheit zu führen".

Befindlichkeiten seismografisch darstellen

Das klang erst mal gewunden, als wolle man sich das Problem mit hinreichend sorgenvoller Miene vom Hals schaffen. Dabei kann gerade die Echo-Verleihung eine Plattform für diese wichtige Debatte bieten.

Antisemitismus, Gewaltbereitschaft und Fremdenhass vor allem unter Jugendlichen, die ja zum Hauptklientel von Straßen- und Gangsta-Rap gehören, sind Probleme, die relevanter nicht sein könnten. Wenn Künstler wie Kollegah und Farid Bang, die wohl eher prollig-provokant als politisch brisant zu nennen sind, diese Befindlichkeiten seismografisch darstellen - und sie von Millionen konsumiert werden - wäre es fahrlässig, sie aus der Filterblase des Popbetriebs fernzuhalten. Das gilt übrigens genauso für die Söhne Mannheims, die in der Kategorie "Band Pop National" nominiert sind, aber im vergangenen Jahr vor allem mit dem antisemitischen Raunen ihres Sängers Xavier Naidoo im Song "Marionetten" für Empörung sorgten.

Im Video: Backstage Gangsta-Rap

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Zu sanktionieren oder selbstgerecht wegzuschauen, wenn im Pop politisch degoutante Aspekte der Wirklichkeit abgebildet werden, mag kurzfristig ein moralisches Hoheitsgefühl erzeugen. Es löst aber langfristig keine gesellschaftlichen Kommunikationsstörungen. Das ist im Pop nicht anders als in der Politik.

Der Echo kann also am Donnerstagabend auf kuriose - und gewissermaßen unfreiwillige - Weise zu einem Forum werden, in dem sich die an liberale Aufklärung glaubenden Kritiker und Künstler mit dem Abgrund jener vielbeschworenen Spaltung dieser Gesellschaft konfrontiert sehen. Und auch Kollegah und Farid Bang, die großmäuligen Gangsta-Rapper, müssen sich der Auseinandersetzung mit ihren Inhalten stellen. Sie können sich nicht, im Marginalisierten und Verfemten, zu märtyrerhaften Schattenkriegern stilisieren.

Eine BVMI-Sprecherin hatte angekündigt, dass der Eklat auch in der Live-Sendung thematisiert werden würde - wir sind gespannt. Zu verlieren gibt es dabei eigentlich: nichts. Eine Zumutung war der Echo schon immer. Vielleicht wird es diesmal aber wenigstens interessant.


Offenlegung: Der Autor ist Mitglied der Echo-Jury in der Kategorie "Kritikerpreis National"