Konzert der Flaming Lips Ein heiteres »FUCK YOU COVID-19«

Die Band Flaming Lips hat ihre erste »Space Bubble Show« gegeben. Die Gäste steckten in überdimensionalen, Corona-konformen Plastikballons. Es war das wichtigste Konzert des Jahres.
Szene aus dem Musikvideo »Brother Eye«

Szene aus dem Musikvideo »Brother Eye«

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The Flaming Lips

In Zeiten der Pandemie sind Rockkonzerte nicht möglich. Es sei denn, jeder Besucher verfolgt das Konzert in einer eigenen transparenten Blase. In dieser Blase müsste sich genug Wasser befinden, vielleicht ein batteriebetriebener Handventilator, ein Handtuch zum Abwischen des Kondenswassers von der Plastikhülle. Dazu bräuchte es natürlich ein elektronisches Meldesystem, damit eine Crew das Publikum bei Bedarf per Laubbläser mit Frischluft versorgen oder zur Toilette begleiten kann.

Völlig verrückt also. Es sei denn, jemand macht es. Am 23. Januar haben die Flaming Lips in Oklahoma City also ihre erste »Space Bubble Show« gegeben – unter den oben geschilderten Bedingungen. Es war das wichtigste Konzert des Jahres.

Tatsächlich gibt es kaum eine Band im Business, die sich um das Business so wenig kümmert und zugleich den Grad an Aberwitz aufbietet, ohne den ein solches Experiment nicht denkbar ist.

Foto: NBC / NBCU Photo Bank via Getty Images

Gegründet 1983, hatte die Gruppe um Frontmann Wayne Coyne und Steven Drozd ihren größten Hit 1991 mit dem bekifften Grunge von »She Don't Use Jelly«, ihren weltweiten Durchbruch erst 1999 mit dem Album »The Soft Bulletin«. Seitdem machen sie mit bizarren musikalischen Projekten von sich reden, die nicht selten die Grenze zum Happening übertreten.

Die Flaming Lips haben die »Dark Side Of The Moon« (mit Henry Rollins) von Pink Floyd ebenso in Gänze gecovert wie »Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band« (mit Miley Cyrus) von den Beatles. Sie haben auf Festivals ihre Musik (»Zaireeka«), verteilt auf 40 Kassetten, über die Hi-Fi-Anlagen der Autos von Zuschauern laufen lassen. Sie haben mit »7 Skies H3« einen 24 Stunden dauernden Song auf einem USB-Stick veröffentlicht, der in einem echten menschlichen Schädel versteckt war (mit einer Auflage von 13 Exemplaren zum Preis von 5000 Dollar).

Sie haben in den vergangenen Jahren zunehmend versponnene Platten gemacht, zwischen Krautrock und mäandernden Drogentrips, bevor sie sich mit »King's Mouth« (2019) und »American Head« (2020) wieder auf den ungeheuren Sog ihrer Melodien besannen. Konzerte waren schon immer psychedelische Kindergeburtstage, mit Einhörnern und Konfettikanonen und Wayne Coyne, der in einem transparenten Großballon über die Köpfe des Publikums spazierte – seit Jahren fester Bestandteil aller Konzerte der Flaming Lips.

Die Idee mit dem Ballon ist es nun, die von der Gruppe zu einem hygienisch-psychedelischen Konzept erweitert worden ist. In zahlreichen Testläufen wurde dieses Konzept verfeinert und perfektioniert, zuletzt wegen steigender Infektionszahlen in den USA von Dezember auf Januar verschoben.

In der Halle warteten genau 100 aufblasbare Sphären auf bis zu 300 Zuschauer (maximal drei Personen pro Blase waren erlaubt). In nur 20 Minuten war das komplette Publikum aseptisch verpackt, umsorgt von einer Crew aus Helferinnen und Helfern in seuchenerprobter Schutzkleidung. Insgesamt, versicherte die Band, sei der Besuch ihres Konzerts »sicherer als ein Gang in den Lebensmittelladen«.

Foto: The Flaming Lips

Während des Konzerts soll es zu einem Heiratsantrag gekommen sein, ihren Applaus signalisierten die eingeschlossenen Zuschauer durch ein Trommeln gegen die Oberseite ihrer Ballons. In sozialen Netzwerken wird das immersive Ereignis von Teilnehmenden als beglückend und unvergesslich gefeiert. Zwar wird das Konzert mangels Publikum kein kommerzieller Erfolg gewesen sein. Womöglich ist es nicht einmal ein Vorbild für andere Musiker. Künstlerisch aber ist die »Space Bubble Show« von Oklahoma ein Triumph.

Es steht für die Wiedergeburt des Konzertbetriebs aus dem Geist der Musik selbst. Indem ein einziges Accessoire, der Ballon, die Vereinzelung auf eine metaphorische Spitze treibt – und zugleich ein gemeinschaftliches Erlebnis erst möglich macht.

Eine Veranstaltung als heiteres »FUCK YOU COVID-19«, wie auf einem weiteren aufblasbaren Ballon zu lesen war. Und aus allem, was aufblasbar ist, kann man die Luft rauslassen. Auch aus der Pandemie.