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26. Mai 2019, 13:19 Uhr

Tokio Hotel in Berlin

Staunewesen mit Upgrade-Option

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Klum-Klatsch, dräuende Wummerflächen und seliges Schwelgen in alten, jungen Zeiten: Tokio Hotel spielten ein Konzert in Berlin, eine Hochzeit fand nicht statt.

Man wünscht sich, das Konzert würde niemals beginnen, denn es ist gerade so spannend: Zwei Fanmädchen unterhalten sich in bequemer Lauschnähe über ihre Tokio-Hotel-Erfahrungen bei einem vergangenen Konzert der laufenden Tour, vor ein paar Tagen.

Die eine hatte einen "Pre Hang" gebucht, die andere das "Post Chill", erzählen sie also - herrlich plemplem benannte Zusatzpakete, die man zur regulären 60-Euro-Karte dazu kaufen kann und die um die 200 Euro kosten. Dafür trifft man die Band dann vor beziehungsweise nach dem Konzert zu einer kleinen Fragerunde und bekommt auch ein Poster, unterschrieben von jedem Bandmitglied.

Und nun habe es sich also zugetragen, zürnt das eine Mädchen, dass auf einem dieser Poster auch eine gewisse "Heidi Kaulitz" unterschrieben habe, mit Herzchen zwar, aber gleichwohl ungebeten.

Natürlich ist das rascheliger Klatsch, der einen nicht interessieren sollte, wenn man zu einem Konzert geht, um eine Band zu hören. Aber für Besucher außerhalb der treuen Tokio-Hotel-Verehrungsbubble geht es bei den aktuellen Konzerten ja genau um diese Frage: Sind sie eine auch musikalisch interessante Vorschau auf das neue Album, das im Herbst kommen soll - oder doch nur die Tour zur Beziehung?

Das Finale von "Germany's next Topmodel" war vor zwei Tagen ja eigentlich nur ein aufwändig produzierter Werbetrailer für Tokio Hotel gewesen, die Band des Verlobten von Heidi Klum. Ob sie noch mehr ist als diese triste Zuschreibung, das würde man heute gerne sehen.

Heidi ist da, mitten unter uns

Noch läuft aber die eigenartigste Wartemusik, die man sich für diese Konstellation ausdenken könnte: eine Achtzigerschwoof-Playlist - von "Come on Eileen" von Dexy's Midnight Runners bis "In the air tonight" von Phil Collins. Die riesige Countdown-Uhr auf der Bühne, die die letzte halbe Stunde bis zum Konzertbeginn herunterzählt, ist gerade bei zwei Minuten vorbeigeflimmert, da raunt es kurz auf im Berliner "Huxley's neue Welt": Heidi ist da, leutselig mitten unter uns.

1600 Leute passen in den Saal, seit ein paar Tagen war das Konzert ausverkauft, ein paar Nummern kleiner ist das, natürlich, verglichen mit damals. Also hat man sich an die kleineren Bühnen auf dieser Tour angepasst und in die Höhe gebaut: Zweistöckig ist die Kulisse, in der die Kaulitz-Brüder und Bassist Georg Listing nebeneinander in der ersten Etage wie auf einem demokratischen Siegerpodest stehen. Eine Bühne auf der Bühne, nur das Schlagzeug von Gustav Schäfer ist ebenerdig installiert.

Die Uhr springt auf null, es wird verhaltener gekreischt als erwartet. Und man sieht es sofort: Bill Kaulitz ist ein Staunewesen, immer noch. Ein Funkeltyp, natürlich muss der auf die Bühne. Man muss ihn anschauen, es geht nicht anders. Wie er da steht, in hautenger Football-Kluft mit Schrittschnürung und Plateau-Stöckeln, wie er beim Stehtanz leicht in die Hocke geht, halb indische Tänzerin, halb eddinglackiertes Gottesanbeterinsekt.

Später, wenn er auf der unteren Bühnenebene unterwegs ist, ist sein Gesicht manchmal kaum auszumachen, weil es so finster ist. Die Beleuchtung kommt von einem Wäldchen aus Leuchtröhren, und durch dieses bambusartige Gestänge lugt Bill in diesem Momenten wie ein aufgeglammtes Okapi. Dreimal wird er sich während der nächsten eineinhalb Stunden umziehen, dann eine Art Messerwerferkostüm mit Lederpeitschenfransenärmeln, eine blaue Rüschenbluse mit Goldrand und eine fast kugelfischförmige grünglitzernde Bomberjacke tragen.

Live dabei beim Kostümwechsel

So zwingend seine Präsenz ist, so beliebig ist zunächst die Musik. Tokio Hotel starten mit jüngeren Liedern: ihrer aktuellen Single, dem gniedeligen Rockschinken "When it rains it pours", dann "Girl got a gun", "What if", "The heart gets no sleep", Songs von den beiden englischsprachigen Alben, die die Band nach ihrem Rückzug nach Los Angeles und einer fünfjährigen Pause veröffentlichten.

Es wabert gehörig, manchmal verschwindet Bills Stimme unter den wattig wummernden Synthiepop-Klangflächen wie unter einem schweren Plumeau, nur die Nasenspitze schaut dann noch heraus. Das ist nicht schlecht, nur alles irgendwie überdimensioniert und suppt stellenweise in anstrengend brummendem Dräuen ab.

Interessant ist ein Part, in dem Bill gar nicht singt, sondern sich wieder einmal hinter der Bühne umzieht. Er lässt sich dabei zusehen, riesengroß wird er in Schwarzweiß auf die Bühnenrückwand projiziert, Bill mit nacktem Oberkörper, strahlend, schwitzend, er macht das Fingerherz. Ein gut gemachtes Spiel mit Nähe und Distanz, mit Intimität und Inszenierung.

Er fängt dann schon an, das nächste Lied zu singen, während er noch hinter der Bühne steht und sich den Mantel mit dem überdimensionierten Goldkragen umlegen lässt, und so klingt es kurz, als sänge er nur für sich. Auch Tom wird später seinen Solo-Part bekommen, eine kleine Fünf-Minuten-Mucker-Leistungsshow, in denen er Gitarre, Synthie, Drumpad spielt, singt und mit einer Loop Station herumfuhrwerkt, um sich zu diesem Arrangement dann noch ans Schlagzeug zu setzen.

Die Flucht in metaphysische Sphären

All das wird höflich bejubelt, doch die Stimmung schaltet schließlich in Euphorie, als mit einer Akustikversion von "Dark Side of the Sun" der Retroteil beginnt, die deutschsprachigen Lieder von den ersten beiden Alben. Man wüsste gern, wie lästig es ihnen ist, die alten Erfolgsnummern noch spielen zu müssen, dieser ulkige Kinder-Goth-Pop mit den anschwellenden Donnergitarren.

Natürlich wird "Durch den Monsun" später zu den Zugaben gehören, Bill schlängelt sich elegant um die Frage herum, wie das heute noch zum neuen Stil passt, und lässt vor allem das Publikum singen. Vor der Tour ließ man die Fans abstimmen, welche alten Stücke sie sich wünschen. Sie haben zwei Fluchtlieder ausgesucht, typisch für das Frühwerk, die nun noch einmal daran erinnern, warum diese Lieder so vielen jungen Menschen derart wichtig waren: weil sie vertonte Eskapismusfantasien waren, in denen viel weggelaufen oder -geflogen wurde, durch Unwetter und Dunkelheit, bis in metaphysische Sphären.

Also spielen Tokio Hotel "Wenn nichts mehr geht", in denen jemand Bill verheißt, er oder sie werde, wenn eben nichts mehr gehe, ein Engel für ihn werden und ihm in jeder finsteren Nacht erscheinen: "Und dann fliegen wir weit weg von hier / Wir werden uns nie mehr verlieren." "Um dich weinen soll ich nicht / Ich weiß unsterblich sind wir nicht", heißt es in dem Lied. Das ist ein bisschen verwirrend, weil es schon in der nächsten Nummer heißt: "Du wirst für mich immer heilig sein /Ich sterb' für unsere Unsterblichkeit."

Ein kleiner Kontinuitätsfehler, der schön die Gefühlswelt der Altersgruppe nachzeichnet, für die das damals geschrieben wurde, dieses Kippeln von einem Extrem in das andere. Die Fans von damals singen jetzt ergriffen mit, obwohl sie in den vergangenen zwölf Jahren wahrscheinlich gemerkt haben, dass es mit der Unsterblichkeit der Liebe und der Heiligkeit von Menschen nicht so weit her ist.

Als VIP auf die Bühne - und die Rührung ist dahin

Das ist berührend. Und es ist Business: Zu "Heilig" ruft Bill ein halbes Dutzend Mädchen auf die Bühne, die er als "unsere VIPs" ankündigt. Sie haben noch ein bisschen mehr gezahlt als die beiden mit dem Pre-Post-Package, nämlich das "I want more"-Upgrade zu 1062 Euro: Dafür dürften sich nach der Show mit der Band ein Getränk nehmen und ein bisschen vor allen anderen in den Pop-up-Store von Bills Modelabel Magdeburg - Los Angeles, die es in einigen Konzertstädten gibt. Die Band nimmt mit einem einen lustigen Snap für Snapchat auf, und sie holen einen eben auch für ein Lied auf die Bühne.

Ein Mädchen nach dem anderen wird von Bill angesungen, all das zu den Klängen von "Heilig", es macht die Rührung etwas kaputt, und man fragt sich, wie viele Menschen aus dem Publikum wohl das nächsthöhere Upgrade gebucht haben. Ab 3100 Euro übernachtet man dafür im selben Hotel wie Tokio Hotel, darf sie diverse Male treffen und bekommt ein "besonderes Frühstück", das die Band für einen zusammenstellt.

Schnell her mit echten Gefühlen ganz ohne finanzielle Interessen. Bill kündigt "Chateau" an, noch unveröffentlicht: "Das hat Tom geschrieben, für ne ganz besondere Frau". Es ist ein putziger Poprocksong darüber, dass diese Frau die Leute einfach reden lassen soll. Lass sie reden, lass sie glotzen: "Baby, I don't mind, as long as you're mine."

Und erst dann denkt man - es war demnach also doch ein interessantes Konzert - zum ersten Mal seit eineinhalb Stunden wieder an Heidi Klum.

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