Techno-Urväter Kraftwerk PERFEKTION MEKANIK AERO DYNAMIK

Die deutsche Band Kraftwerk ist keine Nostalgie, das ist jetzt: Ein Treffen mit Gründer Ralf Hütter, der extra für SPIEGEL ONLINE die Überschrift beigesteuert hat.

Peter Boettcher

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Kraftwerk gelten als Urväter des Techno, so geht die Legende. Aber kam der dafür typische Puls nicht erst sehr spät in ihre Musik? Haben sie den Bass nicht eigentlich erst um 1997 nachträglich in ihre alten Stücke gemogelt?

"Na ja", sagt Ralf Hütter milde und schlägt die Beine übereinander, rote Sneaker zum dunklen Anzug: "Bei 'Autobahn' ist er schon da, per Hand gespielt. Damals gab's noch keine Sequenzer."

Damals, das war 1974. Heute, 2017, verkaufen Kraftwerk den Koningin Elisabethzaal zu Antwerpen restlos aus. 2000 Plätze, an vier Tagen hintereinander, mit zwei Konzerten pro Abend. Die Gruppe um Ralf Hütter spielt den eigenen Katalog, musikalisch sanft modernisiert und zu spektakulären 3D-Effekten. Das ist keine Nostalgie. Das ist jetzt. Und doch wird, sitzt man nach Mitternacht hinter der Bühne endlich mit dem Chef zusammen, vor allem die Tiefe der Jahre spürbar.

An Hütter selbst scheint die Zeit auf Zehenspitzen vorbeigegangen zu sein. Der 70-Jährige wirkt so gelassen und entspannt, als hätte er nicht gerade vier Stunden in einem hautengen Overall hinter seinem Pult gestanden. Er wirkt eher so, als wäre er nach einem guten Frühstück dazu aufgelegt, über einen der wichtigsten deutschen Beiträge zur Kulturgeschichte des vergangenen - und laufenden - Jahrhunderts zu plaudern. Also bitte.

Kraftwerk "Boing"
Peter Boettcher

Kraftwerk "Boing"

Nichts altert schneller als die Zukunft von gestern. Und Kraftwerk haben in gewisser Weise die Zukunft erfunden. 2017 wirken die legendären Köpfe aus dem Video zu "Boing Bumm Tschak" wie etwas, das jeder Halbwüchsige aus Langeweile in drei Minuten mit einer speziellen App programmieren könnte. 1986 wurden sie, wie Hütter freundlich erläutert, in drei Jahren "von Spezialisten am New York Institute of Technology an riesigen eisgekühlten Computerschränken errechnet".

Was früher Arbeit war, ist heute ein Knopfdruck. "Stimmt, und deshalb klingt heute auch alles gleich", sagt Hütter - allerdings ohne Dünkel. Der technologische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte ist für ihn "ein Wunder, denn es hat sich alles in unsere Richtung entwickelt. Wie ein Traum, der wahr geworden ist. Wir können alle Klänge realisieren, die wir uns nur vorstellen können. Ich denke, an der Kunst muss man auch mit den Mitteln der Zeit arbeiten. Das Instrumentarium nutzen. Wir haben das damals auch mit modernen Mitteln entwickelt."

Wobei er die Betonung schon gerne auf "entwickeln" legen möchte. Was Hütter stört und wogegen er auch erfolgreich vor Gericht zog, ist das Abgreifen seiner Arbeit für andere Zwecke: "Es ist absurd. Klänge, die wir erarbeitet haben, das ist wie ein Garten. In unserem Garten kann man nicht einfach die Blumen rausreißen und woanders weiterzüchten, in irgendwelchen Schlagern oder Kommerzprodukten. Deshalb setze ich mich für das Urheberrecht ein. Dafür, dass nicht nur komplette Melodien, sondern auch klangliche Strukturen als Werk gelten. Nicht ein einzelner Fitzel, sondern die Geräuschkomposition."

"Ich höre Geräusche"

Für das schleifende Hoppeln von "Metall auf Metall" haben Kraftwerk seinerzeit über Wochen mit echtem Metall und Tonbändern experimentiert. "Und dann kommt einer mit so einem Gerät, nimmt zwei Sekunden, macht einen Loop daraus und verwendet es für sein Kommerzprodukt. Das kann nicht funktionieren. Jay-Z und vergleichbare Künstler, aus Detroit beispielsweise, Afrika Bambaata oder Coldplay - die fragen uns. Unter Künstlern gehört sich das. Respekt."

Fremde Musik hört er freilich kaum, schon gar keine Opern von Wagner: "Nein, nein, um Gottes Willen! Ich höre Geräusche. Klänge, alles um mich herum. Das war schon immer so. Wir haben alles gehört, von getunten Autos bis zu elektronischen Geräuschen, auch im Studio, Oszillatoren, oder vom Fahrradfahren, das Singen der Ritzel und den rhythmischen Atem. Das war überall. Auf der anderen Seite braucht es die Stille. Schalltot darf es nicht sein, so ein schalltoter Raum macht einen ziemlichen Druck. Eine Stille, in die hinein wir dann erst unsere Klänge erschaffen können. Im Studio haben wir dazu Jahre gebraucht. Das macht man nicht an einem Tag."

Kraftwerk "Tour de France"
Peter Boettcher

Kraftwerk "Tour de France"

Zur Vorbereitung auf die Tournee trainiert Hütter, wie früher, mit dem Rennrad. Er braucht es als "Ausdauersport, damit man einigermaßen fit ist, damit der Körper diese Reisen und Zeitzonen hinbekommt".

Auch die Stimme schont er vor den Konzerten: "Da muss ich nachmittags aufpassen beim Reden, dass man sich da nicht lustig quatscht." Zwar singe er nichts Anspruchsvolles, das sei eher ein Sprechgesang, aber funktionieren müsse die Stimme doch.

Sie ist eines der menschlichen Elemente einer Musik, die eher für ihre technoiden Aspekte berühmt ist. Gerade bei Konzerten aber leuchtet ein, dass die Idee der "Mensch-Maschine" eben auch den Menschen braucht: "Wir machen die Musik am Gerät, direkt mit den Klangerzeugern, auch mit Samplern und Speichern, aber das sind alles elektronische Medien. Computergenerierte Sounds oder synthetische Sounds, vom Keyboard gesteuert, Knöpfchendrehersequenzen."

Roboter auf der Bühne

Mit der blasphemischen Idee, gerade Kraftwerk könnten nach dem Ableben ihrer organischen Mitglieder einfach bis in alle Ewigkeit weitermusizieren, mit den Robotern auf der Bühne und den Klängen vom Band, kann Hütter sich deshalb auch nicht anfreunden: "Wir sind auf alles programmiert, und was du willst, wird ausgeführt", zitiert er aus "Die Roboter", denn "das sind ja wir Menschen". Außerdem müsse noch jemand da sein, der die Musik höre und spüre: "Die Elektronik, die glimmt. Das britzelt."

Bestenfalls erinnere ihn die eigene Musik ans Fahrradfahren auf der Langstrecke: "Man genießt die Freiheit und denkt nichts nach, über gar nichts. Nicht einmal über das Fahren. Es fährt. Das ist wie in der Kunst, wenn es läuft. Dann ist das leicht. Und toll in Kooperation mit Musikmaschinen. Man kann es laufen lassen, greift dann mal wieder ein. Und das kann auch für einen Konzertabend gelten."

Wobei bei allem Geballer doch überrascht, wie zart und lyrisch die Musik von Kraftwerk sein kann. Gerade Hütter auf dem Keyboard bringt bisweilen fast sakrale Aspekte in diese Musik. Er nickt, gewiss, aber das sei "nichts Virtuoses, das können die Computer sowieso besser. Ich ordne nur Flächen an und orientiere mich dabei an ruhigen Melodien, einem Urgesang vielleicht, wenn man so will."

Archaisch und melancholisch bisweilen, aber genuin deutsch sei Kraftwerk nicht. Eher schon europäisch wie der "Trans Europa Express" vom gleichnamigen Album, der sei "auch ein Instrument und eine Allegorie auf Komunikation als etwas Verbindendes. Das haben wir, als Band aus dem Rheinland, früh gelernt. Deutsch ist nur unsere Muttersprache, aber wir sind längst multilingual in unserer Musik, bis hin zum Japanischen. Deswegen ist es armselig, wenn das wieder getrennt werden soll."

Die Musealisierung von Pop

Aber die Romantik zwischen den Schaltkreisen, die schlummert da schon? Immerhin gibt es ein Stück namens "Franz Schubert"! Hütter seufzt: "Gut, die Gedanken sind da drin, man kann auch das nicht trennen. Aber nächste Woche hören Sie aus der Musik wieder etwas anderes heraus. Je nachdem, wo Sie gerade sind. Das ist ja die Magie von Musik. Die ist nie so konkret wie ein Buch, in dem es Buchstabe für Buchstabe drinsteht. Musik bringt Schwingungen. Das sind Wellen, die dringen direkt ein. Das ist ihre Kraft. Deswegen kommt es darauf an, worauf sie treffen, welche Gedanken Sie gerade haben. Deshalb spielt die Musik sich auch selbst. Das ist mein Traum."

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Die Zeit ist verstrichen. Beim Abschied sprechen wir, schon im Stehen, über die Pink Floyd-Ausstellung in London, über die Musealisierung von Pop: "Das ist etwas anderes bei Pink Floyd", sagt er, "denn die arbeiten mit externen Künstlern zusammen, soweit ich weiß, die ihnen die Videos und Cover und Grafiken erstellen. Wir schaffen unsere eigenen Bilder und springen durch ganz verschiedene Kunstgattungen. Wir machen immer alles alleine. Film, Foto, Grafik, Design. Musik."

Es wird für Kraftwerk immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen. "Was soll ich sonst tun? Mich aufs Sofa setzen? Langweilig."

Und die Idee, dass die Roboter eines Tages in einem Museum landen und dort verstauben? Hütter lacht auf seine fast verschämte Weise und winkt ab. Kraftwerk stellen nicht in Museen aus. Sie spielen dort.

Die legendären Roboter aber, erinnert er sich noch, die standen vor 20 Jahren mal im Museum: "Aber nur für ein paar Monate, und die haben sich da gelangweilt. Die brauchen das Publikum."



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