Kreidler "Wir frickeln nicht, wir bauen"

Das Düsseldorfer Trio Kreidler hat mit seiner atmosphärischen Kombination aus Rock und Elektronik eine ganze Szene begründet, will aber auf keinen Fall ein Teil davon sein.

Von Holger In't Veld


"Kreidler"-CD: Beschwörung vormoderner Zeiten

"Kreidler"-CD: Beschwörung vormoderner Zeiten

Ob Rolling Stones oder Beastie Boys: Für alle, die Teil einer Jugendbewegung sein wollen, sind Band-T-Shirts nach wie vor unabdingbar. Nur in der distinguierten Elektronik verzichtet man auf solche Bekenntnisse. Auf die Frage, wessen Schriftzug er jemals auf seiner Brust trug, muss Andreas Reihse einen Moment überlegen. "Ich hatte mal ein AC/DC-T-Shirt," fällt ihm dann ein, "aber das ist schon lange her." Mittlerweile hat Reihse selbst eine Band. Seit fünf Jahren betreibt er zusammen mit Detlef Weinrich und Thomas Klein das Düsseldorfer Trio Kreidler. Als Promotion-Gag für ihre neue Platte haben sie jetzt zum ersten Mal Merchandise-Artikel herstellen lassen, doch nicht etwa ein Kleidungsstück, sondern eine Wandkachel.

Wie so oft, steckt auch in diesem Witz ein gewisser Ernst. Nicht nur die Covergestaltung von Kreidlers dritter Platte beschwört vormoderne Zeiten, auch der Musik haftet, aller Synthetik zum Trotz, etwas Klassisches an. Der Schlüssel heißt Disziplin. Reihse, Weinrich und Klein verkörpern in jeder Hinsicht das Gegenteil von jugendlicher Rebellion. Ihre wundersamen elektro-akustischen Kleinode aus Schlagzeug, Bass und Computer sind mit Sorgfalt und Bedacht gebaut. Was deren Bedeutung für die Musikgeschichte angeht, so mangelt es Kreidler keinesfalls an Selbstbewusstsein. "Weekend", so Weinrich über das 96er Debüt der Band "war eine superwichtige Platte in Deutschland. Was gab's denn vergleichbares damals?"

Jenseits von Techno und Rock konzentrieren sich Kreidler auf das Feld zwischen Kunst und Tanz, Avantgarde und Pop. Damit besetzen sie eine Position, die vor zwanzig Jahren eine andere Düsseldorfer Band innehatte: Kraftwerk ist eines von vielen Klischees, mit denen sich Kreidler regelmäßig konfrontiert sehen. Die anderen Zuschreibungen, begründet durch ihr klassisches Instrumentarium, heißen "Krautrock" oder, ein neuzeitliches Wort-Ungetüm, "Post-Rock". Besonders absurde Blüten treibt das Spiel der Namensgebung im europäischen Ausland. Reihse: "In Frankreich gab es die besten Überschriften. Electronic-Trip-Kraut und so was." Weinrich: "Da standen teilweise fünf Stile auf den Flyern. So was finde ich dann schon wieder lustig."

Weniger lachen kann der Kunststudent über die vielen nachgewachsenen Instrumental-Bands, mit denen er im Zuge der Kategorisierung in einen Topf geworfen wird. "Eine Szene", so betont er, "wollen wir nicht." Die selbst benannte dritte CD ist diesbezüglich ein weiterer Befreiungsschlag. Um Abgrenzung gegenüber "diesem ernsthaften elektronischen Ding" bemüht, haben sich Kreidler diesmal auf ihre Liebe zum guten Pop besonnen und versucht, ihre reichhaltige Klangwelt in Songs zu bündeln. Dazu wurden auch Gäste ins Studio geladen, jedoch nicht aus dem nahe liegenden elektronischen Umfeld, sondern Einzelgänger wie der schottische Songwriter Momus, mit dem die Band Ende des Jahres auf Tour gehen wird. Auch mit dem hysterischen Berliner Gesangstrio Chicks On Speed sind Kooperationen geplant.

Dass Kreidler in Zukunft noch mehr individuelle Stimmen versammeln, kann sich Weinrich durchaus vorstellen. Hauptsache, die Arbeit verkommt nicht in Verfeinerung und Bastelei. "Wir frickeln nicht, wir bauen", stellt er diesbezüglich klar. "Es geht mehr darum, eine Stimmung zu erzeugen als Technik vorzuführen," addiert Reihse. Er fühlt sich zu den Pet Shop Boys hingezogen. Weinrich besitzt zwar "Knisterplatten ohne Ende", hat in seiner Tätigkeit als DJ aber herausgefunden, dass das die Leute mittlerweile langweilt. Gerade live haben Kreidler diesbezüglich einen klaren Vorteil. Zu dritt und mit echten Instrumenten stehlen sie jedem Elektroniker die Show. Dass sie damit gegen die reine Techno-Lehre verstoßen, spielt längst keine Rolle mehr. "Die Leute" so Weinrich, "kümmert es nicht, die wollen gar keine Knöpfchendreher sehen."

Kreidler: "Kreidler" (Wonder/Efa), veröffentlicht am 27. Oktober 2000



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