Krisensong So spotten die Briten über den Euro

Stress mit dem Euro! Um seinen Lesern den Währungs-Schlamassel zu erklären, hat der britische "Guardian" ein Liedchen schreiben lassen. Der Spott-Song nimmt Europas Pleiteländer gegen Deutschland und Frankreich in Schutz - und soll auch die Briten gut dastehen lassen. Klappt aber nicht.
Der "Euro Crisis Song" des "Guardian": "Abwertung hilft, wenn man in der Rezession steckt."

Der "Euro Crisis Song" des "Guardian": "Abwertung hilft, wenn man in der Rezession steckt."

Foto: guardian.co.uk

Der Sound erinnert ein wenig an Paul Wellers Band The Style Council mit seinem Northern Soul-Feeling und dem britischen Falsett im Refrain: "Sie nennen Euch PIGS, doch sie verstehen nicht/ Dass Ihr nicht die Einzigen seid, die mehr ausgeben als sie haben" wendet sich der "hier zu hörende Euro Crisis Song " an die Krisenländer Portugal, Irland, Griechenland und Spanien. Die Zeitung "The Guardian" präsentiert den Song in einem Video auf ihrer Website.

"Mit jedem Tag vertieft sich die Euro-Krise und greift auf immer mehr Länder mit immer dramatischeren Konsequenzen über", schreibt das Blatt. "Haben Sie immer noch Schwierigkeiten, zu verstehen, wie wir dort hingekommen sind?" Der "Euro Crisis Song" schaffe Abhilfe, verspricht die Redaktion.

Die erste Strophe liefert historische Aufklärung - natürlich aus unverhohlen insularer Perspektive: Die "Big Deal"-Nationen mit ihren "Big Deal"-Währungen hätten sich den Euro ausgedacht: "Die Niederlande, Frankreich und Deutschland wollten nicht alle in ihrem Club haben. Griechenland ist nur durch Zahlenpfusch reingekommen" heißt es in dem Video, das mit buntem Buchstabensalat durch den Text hetzt.

"Die Supermacht Träume, zu Staub zerfallen"

In atemlosem Rapgesang erklärt der Song, warum der Euro den Griechen zum Verhängnis geworden ist: "Wenn du ihn benutzt, kannst du deine Währung nicht abwerten/ Abwertung hilft, wenn man's mit einer Rezession zu tun hat/ denn dann wird es für Ausländer günstiger, deine Waren zu kaufen/ Als die Märkte in der Euro-Zone gecrasht sind, sagten die Spekulanten, Griechenland könne seine Schulden nicht zahlen./ Weil sie den Euro benutzen, können sie diesen Schlamassel nicht dadurch verhindern/ dass sie mehr Geld drucken, um ihre Schulden zu refinanzieren."

Um sich herauszukaufen, müssten die armen PIGS (was im Song auch einige Male wie das englische Wort für Schweine betont wird) nach der Pfeife der Euro-Banker und des IWF tanzen - und am Ende seien mehr Leute arbeitslos: "Was nützt ein milliardenschweres Rettungsprogramm, wenn du deine Miete nicht zahlen kannst?"

Aber vielleicht käme auch ein Ende mit Schrecken, da unten auf dem europäischen Festland: "Griechenland könnte Europas Zentralbank in die Pleite treiben / Die Supermacht-Träume, zu Staub zerfallen", spottet der "Euro-Krisen-Song" im finalen Crescendo.

Stoßseufzer gegen den Euro-Schlamassel

Euro in, Pfund her: Der britische Spott ist flott, weist aber auch in die Richtung zurück, aus der er kommt. Denn die britische Regierung wertete zwar das Pfund nach der Finanzkrise kräftig ab, blähte die Geldmenge auf und senkte den Leitzins um die daniederliegende Wirtschaft anzukurbeln. Doch das brutale Sparpaket blieb den Insulanern am Ende keineswegs erspart: Im vergangenen Herbst brummte David Cameron seinen Landsleuten ein radikales Kürzungsprogramm auf. 490.000 der sechs Millionen Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor sollen binnen vier Jahren gestrichen werden. Die Staatsausgaben werden insgesamt um 81 Milliarden Pfund gekürzt, die Steuern um 29 Milliarden Pfund erhöht.

Auch die eigene Währung hat die Briten also nicht vor der Kürzungsorgie geschützt - anders als das Spottlied es glauben machen will.

Vielleicht schickt der "Euro-Krisen-Song" deshalb im Finale furioso noch eine kleinen Stoßseufzer an das geneigte Publikum: "Bitte sag mir, dass wir es schaffen/ Ich weiß, du denkst, das kann dir nicht passieren."

Tatsächlich ist der Text gar nicht britischen Ursprungs: Der "Guardian" hat Studenten des Webjournalismus-Studiengangs "Studio 20" an der New York University mit dem Song beauftragt. Die Gruppe hatte zuvor ein Video produziert, der ein ähnlich kompliziertes Phänomen wie die Euro-Krise in einem Popsong verständlich gemacht hatte: Ihr " Fracking Song " war als Beitrag einer Kampagne gegen die Kontamination von Grund- und Trinkwasser durch eine bestimmte Tiefbohrtechnik ("Hydraulic Fracturing") entstanden.

Der "Euro Crisis Song" ist übrigens keinesfalls der erste britische Versuch, die Krise per Clip zu erklären. Die Londoner "Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce" (RSA) veröffentlichte schon im Sommer 2010 eine Animation über die Finanzkrise 2008/2009, die nicht nur erkenntnisfördernder, sondern auch lustiger ist. Allerdings ist auch der " Crisis of Capitalism "-Clip in gewisser Weise US-amerikanischen Ursprungs: Die Briten haben nämlich einen Vortrag des Marxisten David Harvey animiert. Der ist zwar Engländer, lehrt aber seit Anfang der Siebziger in den USA.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels fand sich die Textzeile "Was nützt ein milliardenschweres Rettungsprogramm, wenn du deine Rente nicht zahlen kannst?". Tatsächlich muss es heißen "... wenn du deine Miete nicht zahlen kannst".

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