Lady Gaga in Hamburg Feuerfunken vom tanzenden Kleiderständer

Herr, Fräulein, Hermaphrodit? Ist ihr doch egal! Zum Auftakt ihrer Deutschlandtournee präsentierte sich Pop-Phänomen Lady Gaga in virtuos lächerlichen Kostümen und inszenierte sich in einer pompösen Show zu einer Ikone weiblicher Selbstbestimmung. Ein grandios trashiger Befreiungsakt.

Lady Gaga

Kaum ging Montagabend das Licht aus, stand sie wieder im Raum, die Penis-Frage. Aufgrund von wackeligen Filmaufnahmen glaubten besonders aufmerksame Beobachter bei unlängst ja ein männliches Genital ausgemacht zu haben, was die Popkünstlerin dazu trieb, Spekulationen über ihren geschlechtlichen Status noch einmal launig zu befeuern: Herr, Fräulein, Hermaphrodit? Ist ihr doch egal!

Ihre Vorband Semi Precious Weapons, alte New Yorker Freunde von Lady Gaga aus den Zeiten, als sie noch erfolglos durch die Schwulenclubs tingelte, trieben nun die P-Frage gleich zu Anfang ihres sehr schönen Auftrittes auf die Spitze. An der Bühnenfront spreizte sich nämlich eine mit Highheels 2,20 Meter große Blondine namens Justin Tranter, die wie eine Mischung aus Amanda Lear und Brad Pitt daherkam.

Tranter lüpfte kokett sein Röckchen, um dem Publikum Einblick in den Intimbereich zu geben; später zog er sich noch einmal komplett auf der Bühne um, dann bespritzte er die vorderen Reihen mit Champagner. Immer wieder wollte er wissen: "Are you wet and excited for Lady Gaga?" Jaja, waren alle feucht und aufgeregt. Direkt vor der Bühne standen vor allem die Hardcore-Fans, und das sind bei Lady Gaga Mädchen zwischen 13 und 15 sowie Schwule aller Altersklassen.

Die heterosexuellen Erwachsenen, die vor der Halle auf ihre Kinder warteten, verpassten indes am Montagabend beim Start von Lady Gagas Deutschlandtour tatsächlich allerhand. Wunderbar, wie sich die sterile, hässliche (und nicht ganz gefüllte) Hamburger O2 World für zwei Stunden in ein gemütliches New Yorker Transen-Theater verwandelte. Forcierte Hysterie, verwegene metallische Kleiderkonstruktionen und ein angenehm fadenscheiniger Illusionismus prägten den Auftritt jener Frau, die gerade vom "Time Magazine" zur einflussreichsten Popmusikerin 2010 gewählt wurde.

Peformative Transformation zur "free bitch"

Ist das Pop-Gigantomanie in seiner modernsten Form? Zum Glück eben nicht. Schon nach einer ersten Viertelstunde des leidenschaftlichen Lederschlüpfergewackels, in der Lady Gagas nihilistischer Dancefloor-Hit "Beautiful, Dirty, Rich" für vielleicht ein bisschen zu viel Aufregung gesorgt hatte, knallte die Anlage durch und musste die nächsten 20 Minuten bei kalter Saalbeleuchtung wieder hochgefahren werden. Die Panne passte dann auch irgendwie ganz gut zu der sympathisch trashigen Bühnendeko, die aussah, als sei sie aus den Resten eines Lloyd-Webber-Giga-Musicals und einer Schulaufführung der "Rocky Horror Picture Show" zusammengerauft.

Mal stand da ein dampfendes Autowrack (mit Keyboard in der Motorhaube!), mal ein New Yorker U-Bahnwaggon (vollgepackt mit Nackedeis!). Das waren nun die beiden Haupttransportmittel zu jenem "Monster Ball", nach dem die aktuelle Tournee der Großkünstlerin benannt ist. Auf diese Weise wurden die Hits zu einer losen Handlung zusammengereiht, an deren Finale eben die Befreiung von Hauptperson und Publikum stehen sollte: Eine "free bitch", so betonte Lady Gaga immer wieder in den Zwischenansagen, wolle sie am Ende dieses performativen Transformationsprozesses sein.

Um sie herum hatte sie eine Reihe von tanzenden und singenden Menschen versammelt, die offensichtlich bereits die anvisierte Wandlung zum freigeistigen Miststück vollzogen hatten: wunderschöne Tänzer in Ledercorsagen, kurzgeschorene Damen in Eisenschlüpfern. Dazu gniedelte ein Mann mit freiem Oberkörper Hardrockriffs und eine Frau mit wallendem Haar spielte Playback-Harfe. Umgekehrt freilich wäre es noch aufregender gewesen. Aber okay, man kann ja nicht gleich alle Rollenklischees mit einer einzigen Show ad absurdum führen.

Lady Gaga jedenfalls gab sich reichlich Mühe, durch wechselnde Kostüme den fortschreitenden Befreiungsakt darzustellen. Ihre Garderobe wirkte, als hätte ein Installationskünstler eine S/M-Boutique ausgeraubt: Mal präsentierte sich die 24-Jährige als Gummi-Nonne mit Plastikapplikationen, mal mit Glitzerslip und sofagroßen Schulterpolstern. Zwischendurch sah sie mit einem quadratischen Wollkostüm aus, wie ein tanzender Wäschekorb, und zum großen Finale ihres Selbstbefreiungstrips sprühten ihr schließlich anmutig Feuerfunken aus einem stählernen BH.

50 Jahre S/M-Underground als Teenagergeburtstag

So gesehen bewies Lady Gaga, dass Cyndi Lauper, die Mutter aller feministischen Fun-Girls, mit ihrer Laudatio im "Time Magazine" anlässlich der Kür zur weltgrößten Künstlerin vollkommen Recht hatte: "Sie ist eine Skulptur", schrieb Lauper da bewundernd. Tatsächlich hat sich die New Yorker Italo-Amerikanerin Stefani Joanne Angelina Germanotta, die dort weitermacht, wo Madonna aufgehört hat, in einem Kraftakt zu einer Statue weiblicher Selbstermächtigung geformt: Du bist, was Du Dir greifst. Du bist, was Du Dir an den Körper applizierst.

Spießig könnte man jetzt nachhaken, weshalb denn gerade Lady Gaga zum weltgrößten Popkunstwerk gekürt wurde, wo doch Rihanna die monströseren Stahlkostüme besitzt und auch besser tanzt, oder Alicia Keys die virtuosere Sängerin und Instrumentalistin ist. Doch gerade bei der Darbietung der Solo-Ballade "Speechless" zeigte sich gestern Gagas konservatoriumsferne Musikalität: In immer neuen Variationen verjazzte sie dort ihr gerade erst gelerntes erstes deutsches Wort: Scheiße. Dazu schlug sie mit ihren Leder-Highheels auf die Tasten ihres Flügels. Ein bisschen wirkte sie wie der alte Rock'n'Roll-Stenz Jerry Lee Lewis in Strapsen, zwischendurch grüßt sie ihre ganz besonderen Freunde, "the german gay boys".

Ist das große Kunst? Keineswegs, aber es ist große Kunst, wie Lady Gaga sämtliche Versatzstücke aus fünfzig Jahren New Yorker Schwulen-, SM- und Transgender-Underground als bunten und befreienden Teenagergeburtstag zur Aufführung bringt. Mann oder Frau, Underdog oder Superstar? Du kannst alles sein - nur Angst vor der Lächerlichkeit darfst Du nicht haben.