Lady Gagas Einflüsse Britney, Bruce und deutscher Techno

Mit ihrem neuen Album feiert Lady Gaga gigantische Erfolge. Aber warum reden alle nur über ihre Outfits und nicht über ihre Musik? "Born This Way" ist eine phantastische Pop-Platte, meint Tobias Rapp und zeigt, welch vielfältige Einflüsse die Musikerin darauf verarbeitet.

DPA

Am Montag ist "Born This Way" erschienen, das neue Album von Lady Gaga. Ökonomisch ist es schon jetzt ein Triumph. Die CD-Verkaufszahlen liegen zwar noch nicht vor, die Downloadcharts von iTunes, des wichtigsten Online-Shops, dominiert sie allerdings wie noch keine andere Platte zuvor. In 21 Ländern ist sie auf Nummer eins, das sind alle Länder, die einen iTunes-Store haben.

Auch die erste Runde der Kritik ist absolviert, die großen Magazine und Zeitungen haben das Album besprochen, in den Blogs und den Diskussionsforen des Internets rumort es noch. Eines fällt auf: Es wird erstaunlich wenig über die Musik geschrieben. Und zwar weder von Seiten derer, die Lady Gaga mögen, noch von den anderen. Ein eigenartiger Konsens: Da hat der größte Star der Welt einen der größten Erfolge - und Liebhaber wie Verächter sind gleichermaßen der Meinung, musikalisch könne man das natürlich überhaupt nicht ernst nehmen.

Tatsächlich ähneln sich die Argumentationen der beiden Seiten bis ins Detail. Die einen lieben die Kunstfigur Gaga für ihre Umarmung von Kunst und Mode, die anderen lehnen sie genau deshalb ab. Beide Seiten treffen sich im Begriff "Kirmestechno". Was ist damit gemeint? Kirmestechno ist die Musik, die im Autoscooter läuft, der Rumms der Unterschicht, die Musik, die scheinbar nicht diskursfähig ist. Die einen hassen diese Musik, die anderen können zwar dem Umstand etwas abgewinnen, dass Lady Gaga sich ihrer bedient - aber das war's dann schon mit dem Verständnis.

Tatsächlich ist all das falsch. Der Triumph von "Born This Way" ist ein Triumph der Musik auf "Born This Way". Die wenigsten dürften eine Platte erwerben, weil die Sängerin bestimmte Schuhe trägt. Deshalb besorgt man sich Magazine oder klickt ihre Videos an. Ein Album kauft man wegen der Musik - nicht trotz der Musik.

Natürlich ist Gaga nicht unschuldig an diesem Missverständnis. Wer so viele Ideen in seine Videos, Fotoshootings und Award-Auftritte steckt, setzt sich automatisch dem Verdacht aus, für die Musik keine Ideen mehr übrig zu haben.

Lady Gaga ist vor allem Musikerin. Das ist ihre Geschichte, da kommt sie her. Mit vier Jahren hat ihre Mutter sie ans Klavier gesetzt, seit sie elf Jahre alt ist hat sie Gesangsunterricht. Ihre ersten Schritte als Musikerin klangen wie von Billy Joel beeinflusster Piano-Rock, wobei Gaga zu allererst ohnehin Songwriterin war, dann selbst Künstlerin. Die Songs, die sie schrieb und die für sie nicht passten, gab sie weiter. An die Pussycat Dolls, an Britney Spears.

Wenn man sie nach ihren verschiedenen Rollen fragt, sagt sie, dass in den vergangenen Jahren die Musikerin Gaga von der Performance-Künstlerin und dem Superstar überdeckt worden ist und dass sie das als Problem sieht. Gaga schreibt ihre Songs selbst und sagt, dass sie im Studio jeden Schritt überwache, von der Wahl der Mikrofone bis zur letzten Filtereinstellung.

"Fame" und "Fame Monster" waren Gagas Debüt, eine Platte und eine EP, auf denen sie sich mit Ruhm beschäftigte und den diversen Aspekten unserer heißdrehenden Celebrity-Kultur. Mit "Born This Way" setzt sie neu an. Es ist ein Album, das sich mit dem Underdog beschäftigt, mit den verschiedenen Aspekten gesellschaftlichen Außenseitertums.

Es ist nicht einfach ein großes Pop-Album. Es ist ein phantastisches Pop-Album.

Machen wir doch mal einen Spaziergang durch Gagas Welt...



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.