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Pop-Phänomen: Gigantisch, diese Gaga

Foto: Fernando Aceves/ dpa

Lady Gagas Einflüsse Britney, Bruce und deutscher Techno

Mit ihrem neuen Album feiert Lady Gaga gigantische Erfolge. Aber warum reden alle nur über ihre Outfits und nicht über ihre Musik? "Born This Way" ist eine phantastische Pop-Platte, meint Tobias Rapp und zeigt, welch vielfältige Einflüsse die Musikerin darauf verarbeitet.

Am Montag ist "Born This Way" erschienen, das neue Album von Lady Gaga. Ökonomisch ist es schon jetzt ein Triumph. Die CD-Verkaufszahlen liegen zwar noch nicht vor, die Downloadcharts von iTunes, des wichtigsten Online-Shops, dominiert sie allerdings wie noch keine andere Platte zuvor. In 21 Ländern ist sie auf Nummer eins, das sind alle Länder, die einen iTunes-Store haben.

Auch die erste Runde der Kritik ist absolviert , die großen Magazine und Zeitungen haben das Album besprochen, in den Blogs und den Diskussionsforen des Internets rumort es noch. Eines fällt auf: Es wird erstaunlich wenig über die Musik geschrieben. Und zwar weder von Seiten derer, die Lady Gaga mögen, noch von den anderen. Ein eigenartiger Konsens: Da hat der größte Star der Welt einen der größten Erfolge - und Liebhaber wie Verächter sind gleichermaßen der Meinung, musikalisch könne man das natürlich überhaupt nicht ernst nehmen.

Tatsächlich ähneln sich die Argumentationen der beiden Seiten bis ins Detail. Die einen lieben die Kunstfigur Gaga für ihre Umarmung von Kunst und Mode, die anderen lehnen sie genau deshalb ab. Beide Seiten treffen sich im Begriff "Kirmestechno". Was ist damit gemeint? Kirmestechno ist die Musik, die im Autoscooter läuft, der Rumms der Unterschicht, die Musik, die scheinbar nicht diskursfähig ist. Die einen hassen diese Musik, die anderen können zwar dem Umstand etwas abgewinnen, dass Lady Gaga sich ihrer bedient - aber das war's dann schon mit dem Verständnis.

Tatsächlich ist all das falsch. Der Triumph von "Born This Way" ist ein Triumph der Musik auf "Born This Way". Die wenigsten dürften eine Platte erwerben, weil die Sängerin bestimmte Schuhe trägt. Deshalb besorgt man sich Magazine oder klickt ihre Videos an. Ein Album kauft man wegen der Musik - nicht trotz der Musik.

Natürlich ist Gaga nicht unschuldig an diesem Missverständnis. Wer so viele Ideen in seine Videos, Fotoshootings und Award-Auftritte steckt, setzt sich automatisch dem Verdacht aus, für die Musik keine Ideen mehr übrig zu haben.

Lady Gaga ist vor allem Musikerin. Das ist ihre Geschichte, da kommt sie her. Mit vier Jahren hat ihre Mutter sie ans Klavier gesetzt, seit sie elf Jahre alt ist hat sie Gesangsunterricht. Ihre ersten Schritte als Musikerin klangen wie von Billy Joel beeinflusster Piano-Rock, wobei Gaga zu allererst ohnehin Songwriterin war, dann selbst Künstlerin. Die Songs, die sie schrieb und die für sie nicht passten, gab sie weiter. An die Pussycat Dolls, an Britney Spears.

Wenn man sie nach ihren verschiedenen Rollen fragt, sagt sie, dass in den vergangenen Jahren die Musikerin Gaga von der Performance-Künstlerin und dem Superstar überdeckt worden ist und dass sie das als Problem sieht. Gaga schreibt ihre Songs selbst und sagt, dass sie im Studio jeden Schritt überwache, von der Wahl der Mikrofone bis zur letzten Filtereinstellung.

"Fame" und "Fame Monster" waren Gagas Debüt, eine Platte und eine EP, auf denen sie sich mit Ruhm beschäftigte und den diversen Aspekten unserer heißdrehenden Celebrity-Kultur. Mit "Born This Way" setzt sie neu an. Es ist ein Album, das sich mit dem Underdog beschäftigt, mit den verschiedenen Aspekten gesellschaftlichen Außenseitertums.

Es ist nicht einfach ein großes Pop-Album. Es ist ein phantastisches Pop-Album.

Machen wir doch mal einen Spaziergang durch Gagas Welt...

1. Bruce Springsteen: "Born in the USA"

Es mag überraschen, aber wenige Künstler dürften Lady Gaga so sehr beeinflusst haben wie Bruce Springsteen. Auf den ersten Blick finden die beiden ja tatsächlich kaum zusammen, die überdrehte Pop-Tante mit ihren Kostümen und den Technobeats und der verschwitzte Sängerbarde. Aber Gagas Familie kommt aus New Jersey, ihr Vater schaffte es aus genau den kleinen Verhältnissen, über die der "Boss" so oft singt, in die bessere Gesellschaft von Manhattan - und hörte dabei immer dessen Platten. "Born in the USA", Springsteens großes Album von 1984, begleitete Gaga durch ihre gesamte Kindheit hindurch.

Dieser Einfluss zieht sich durch ihr neues Album. Zum einen inhaltlich. Das zentrale Thema von "Born This Way" ist das Außenseitertum, darum dreht sich auch Springsteens Werk mit all den ehrlich arbeitenden Männern und Frauen, von denen seine Songs leben, Amerikanerinnen und Amerikaner, denen das Leben übel mitgespielt hat, die sich aber immer wieder aufrappeln.

Aber eben auch musikalisch. Gaga hat Springsteens Saxofonisten Clarence Clemons für mehrere Stücke als Gast eingeladen, und sein Saxofon funktioniert in "Hair" tatsächlich genauso wie in einem beliebigen Stück der E Street Band: als Emotionsbooster.

Und so sehr sie sich auch unter den Technobeats und den elektronischen Klangflächen verstecken: Alle Stücke von Lady Gaga sind klassische Songs. Aus der elektronischen Musik hat sie sich nur die Kunst der Oberflächenbearbeitung herübergeholt, im Kern macht Gaga Rockmusik. Nur ohne Gitarren. Aber alle Songs des neuen Albums haben große Melodien und mächtige Refrains. Dies ist Musik, zu der man die Fäuste in die Luft reißen möchte, und zu der ein Stadion mitsingen könnte. Nicht anders als bei Springsteen.

Tatsächlich ist dies große amerikanische Kunst: Genau wie Bruce Springsteen feiert Lady Gaga das Individuum - im vollen Wissen um seine Beschränktheiten, Zwänge und Schwierigkeiten.

2. Alter Ego: "Transphormer"

Als Jörn Elling Wuttke und Roman Flügel, zwei Frankfurter Techno-Produzenten, 2004 ihr Album "Transphormer" herausbrachten, ahnte wahrscheinlich niemand, wie einflussreich der Sound dieser Platte werden würde. Es war das dritte Album, das Wuttke und Flügel unter dem Projektnamen Alter Ego veröffentlichten, als Sensorama hatten sie in den Neunzigern feingeistigen House veröffentlicht. Als Alter Ego langten sie nun ordentlich hin. Knarz-Techno nannte man diesen Sound eine Weile, es war breitpinselig hingeknallter Synthesizer-Wahnsinn, der vor allem von bestimmten Effekten lebte.

Zum einen wurde die Musik immer wieder aufs Neue gefiltert, man hatte das Gefühl, in immer neue Tunnel mit sich verändernden Wänden geschickt zu werden. Zum anderen setzte die Musik oft für ein paar Hundertstelsekunden aus, auch diese Stop-and-go-Momente rüttelten einen durch. Ob es die Franzosen von Justice sind oder Boyz Noise aus Hamburg oder nun Lady Gaga, die ihre Musik als "Avantgarde-Techno-Rock" bezeichnet: Immer ist es das Soundkonzept von "Transphormer", auf die sie sich beziehen.

Es ist Musik, die den Hörer physisch angreift, die unglaublich laut aufgenommen und mit den modernsten Kompressoren aufgepumpt ist. "Born This Way" will gehört werden, will sich gegen den ganzen Lärm, der uns umgibt, durchsetzen, will eben nicht mit Stille gegen die akustische Umweltverschmutzung protestieren, sondern sie durch noch mehr Lärm einfach wegpusten. Der Sound dieser Platte ist ihre Message: Nimm mich wahr!

Lady Gaga hätte auch anders gekonnt, die meisten ihrer Stücke entstehen am Klavier, anders als die meisten Techno-Produzenten schreibt Gaga ja wirkliche Songs, bevor sie diese Stücke dann in bratzige Monster verwandelt. Aber sie wollte eine Platte machen, die bis unters Dach vollgestellt ist mit akustischer Information, Stücke, die keine Ruhe geben, die alle paar Takte eine neue Wendung nehmen, die ähnlich zappelig sind wie das Springen von Seite zu Seite im Internet. Diese Platte möchte Gegenwart sein, nicht Gegenentwurf.

Wenn man das nicht will, muss man eben Adele hören.

3. Klaus Nomi: "Klaus Nomi"

Der Deutsche Klaus Nomi ist eine der tragischen Gestalten des Pop der achtziger Jahre. Eigentlich aus dem Ruhrgebiet, wollte er gerne Opernsänger werden, schaffte es aber nicht, in der Welt der Oper ernst genommen zu werden. Anfang der Siebziger wanderte Nomi nach New York aus, wo er sich als Kunstfigur erfand, die auf stilistische Festlegungen keine Rücksicht mehr nehmen musste. Er sang wie ein Countertenor, die musikalische Begleitung bezog ihre Klänge allerdings aus dem Pop, kalte Synthesizer-Welten. Für einen Augenblick wurde er damit weltberühmt, schaffte es in den USA wie Europa in die Charts, stürzte dann wieder ab und starb 1983.

Dass Gaga von Nomi beeinflusst ist, lässt sich an einigen ihrer Kostüme ablesen. Ganz ähnlich wie Nomi begreift Gaga ihre Outfits als Skulpturen. Und so wie Nomi, der bevorzugt mit weißgeschminktem Gesicht auftrat und sich am japanischen Theater orientierte, hat sich Gaga ebenfalls oft gestylt.

Der Kern von Nomis Erfolg war aber seine Stimme. Jedes seiner Stücke ergreift einen, weil sich seine ganze Einsamkeit und Verzweiflung in seinem Countertenor überträgt, genau wie die Disziplin und der Wille, sich mit den Vorgaben des Lebens nicht abzufinden. Auf den ersten Blick war Klaus Nomi ein schräger Vogel, der sich irre kostümierte. Wenn man ihn hörte, wusste man: Er ist ein Mensch.

Genauso verhält es sich bei Lady Gaga. Man kann sich viele Gedanken über ihre Klamotten, über ihre Inszenierungen, über die Performance-Kunst ihrer Auftritte, über ihr Geschick beim Überblenden von Mode, Kunst und Pop machen. Das Entscheidende ist ihre Stimme. Hier wird die Performance-Künstlerin Gaga zum Menschen.

Gaga hatte Gesangsunterricht, seit sie elf Jahre alt war, das hört man ihrer Stimme an. Sie ist kraftvoll, ausgebildet, voluminös. Anders als die meisten anderen Superstars verzichtet Gaga auch vollkommen auf Effekte, wenn es um den Gesang geht. Ihre Musik mag nichts anderes als Effekt sein, ihre Stimme ist es nicht.

Tatsächlich dürfte der Kontrast zwischen Stimme und Musik eines der Geheimnisse ihres Erfolgs sein. Sie hört sich eben nicht an wie ein Roboter. Ihre Stimme überträgt die Disziplin, mit der sie arbeitet, das Selbstbewusstsein, das ihre Fans bei ihr suchen.

4. Madonna: "Like a Prayer"

Einer der beliebtesten Vorwürfe gegen Popkünstler lautet: Die haben alles nur geklaut! Mangelnde Originalität ist das Lieblingsargument aller rockistischen Dummbeutel, als ginge es im Pop darum, wer als Erster da war. Im Fall von Gaga geht der Vorwurf meist so: alles an ihrem Song "Born This Way" sei aus "Express Yourself" von Madonna "geklaut".

Nun bestreitet Gaga gar nicht, dass die Harmoniefolgen von "Born This Way" denen von "Express Yourself" entsprechen. Sie soll sich sogar bei Madonna die Erlaubnis eingeholt haben, "Born This Way" an "Express Yourself" anzulehnen - wobei Gaga allerdings darauf besteht, dass Melodie und Rhythmus von ihr kommen. Die Songs sind sich ähnlich, allerdings nicht so ähnlich, dass Gaga es nötig gehabt hätte, Madonna an den Urheberrechten zu beteiligen.

Auch inhaltlich gibt es Verwandtschaften. "Express Yourself" ist ein Motivationssong, er handelt davon, sein Selbstwertgefühl nicht von den Einschätzungen anderer abhängig zu machen. Ganz ähnlich ist es bei "Born This Way", ein Stück, das von Gaga ursprünglich als Schwulen- Emanzipationshymne angekündigt worden war, das aber mittlerweile ein umfassendes Eigenleben entwickelt hat. Schaut man sich die Coverversionen an, die Fans ins Internet gestellt haben, funktioniert es auch für Schulkinder als emotionaler Aufpolster-Song gegen aggressive Mitschüler.

Tatsächlich gibt es einige Parallelen zwischen Gaga und Madonna. Sie kommen beide aus italienisch-amerikanischen Familien, beide haben sich in der New Yorker Downtown-Szene herumgetrieben bevor sie berühmt wurden, beide wurden von den ästhetischen Vorlieben dieser Szene geprägt, der Offenheit, mit der dort Mode, Kunst und Pop verbunden wurde und wird.

Mit einigem guten Willen könnte man auch von Gagas zweiter Single "Judas" Linien zu Madonna ziehen. Wenn Gaga sich in dem Stück als Maria Magdalena inszeniert, die sich von Judas angezogen fühlt, folgt das einem ähnlichen Impuls wie Madonna mit "Like a Prayer", dem Stück, das den größten Skandal ihrer Karriere anfachte, als sie im gleichnamigen Video Rassismus, Religion und Sex verband.

Madonna selbst bekam übrigens, einige Monate nachdem sie "Express Yourself" veröffentlichte, ganz ähnliche Vorwürfe zu hören wie Gaga heute. "Vogue" hieß das Stück, für das sie sich bei einer schwulen New Yorker Subkultur bediente, den "Vogue"-Tänzern. Sie hatten in jahrelanger liebevoller Kleinarbeit aus den Modestrecken alter "Vogue"-Ausgaben Tanzposen entwickelt, die Madonna nun relativ schamlos als Beispiel für die in "Express Yourself" formulierten Ideen von Selbstausdruck übernahm.

5. Britney Spears: "Blackout"

Gaga ist 1986 geboren. Als 1999 Britney Spears' "...Baby One More Time" erscheint, ist sie also 13 Jahre alt. Britney Spears dürfte der größte Einfluss sein, den Gaga hat, ob sie will oder nicht. "The Fame", Gagas Debütalbum, ist zu weiten Teilen eine Platte, die von Gagas Beschäftigung mit Britney Spears handelt, deshalb heißt sie "Fame" - zu Deutsch: Ruhm. Es geht um ein Mädchen, das zu den Sternen aufsteigt und in den Abgrund stürzt. Dessen Karriereverlauf erst nach Emanzipationsdrama aussah, um schließlich genau dort zu landen, wo sie angefangen hat: in den Fängen der Familie. Gaga hat den Werdegang von Britney studiert - sie ist bis heute stolz, einen Song für sie geschrieben zu haben, "Quicksand", der auf der europäischen Version von "The Circus" erschien.

"Blackout" ist die Platte von Britney Spears, die am meisten an "Born This Way" erinnert. Sie war ihr fünftes Album, düster, elektronisch und modern. Sie handelte von all dem Ärger, den Spears zu diesem Zeitpunkt hatte, ihre Ehe war kaputt, sie verlor das Sorgerecht für ihre Kinder, wurde von Fotografen in Feiernächten belauert, wusste morgens nicht, wo sie eigentlich genau war.

Atmosphärisch hat "Born This Way" vieles von "Blackout", die Platte ist ebenfalls dunkel und herausfordernd. Gaga hat die Karriere von Spears allerdings auch deshalb so gründlich studiert, um nicht die gleichen Fehler zu machen wie sie. Nicht nur als Künstlerin - Spears hat kaum eines ihrer Stücke selbst geschrieben, Gaga zeichnet für alle ihre Songs verantwortlich -, sondern vor allem als Star: Gaga tut alles dafür, niemals ein Opfer der Umstände zu werden.

Der Irrsinn des Superstar-Daseins dürfte indes der gleiche sein. Gaga hat eine Kunstfigur erfunden, um all die Dinge abwehren zu können, die Britney Spears schließlich in den Abgrund rissen.

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