Poprätsel Lana Del Rey Wer wird schlau aus dieser Frau?

Niemand reimt so schön "Beaches" auf "Peaches" wie Lana Del Rey: Mit dem neuen Album entdeckt die Queen der lasziven Transusigkeit die Lebensfreude - und politisches Bewusstsein.

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Von Ariana Zustra


Lana lächelt jetzt. Auf dem Cover ihres neuen Albums "Lust For Life" posiert Del Rey mit breitem Grinsen und Margeriten im Haar im Spitzenkleid vor einem Truck. Was alt ist: ihr Look. Was neu ist: die Lebenslust. Damit wäre auch fast schon alles gesagt über das neue Album der Königin der Trübsal.

Fast.

Als Lana Del Rey 2011 auf den Plan trat, erfasste sie mit ihrer Ästhetik einen Zeitgeist, den sie mit "Video Games" in knapp fünf Minuten auszuformulieren schien, ohne ihn jemals auf den Punkt zu bringen. Daraus schöpft sie noch sechs Jahre später.

In einem Interview mit dem "Guardian" sagte die Songschreiberin mal: sie wolle nicht mehr leben. Was sie vermutlich meinte: Sie wolle nicht in der Gegenwart leben. Ihre Vergangenheitsverliebtheit perfektionierte die inzwischen 32-jährige Elizabeth "Lizzy" Grant mit Retro-Sound und Vintage-Gebaren auf drei Alben. Während sie auf ihrem Debüt noch geboren war, um zu sterben ("Born To Die"), hat sie nun mit ihrer vierten Platte "Lust For Life" die Antithese dazu produziert - zumindest will es die PR-Kampagne so. Was ist da dran?

Zunächst: Die Chanteuse leidet noch immer an der Liebe ("Cherry"), sie schmachtet noch immer die bösen Buben an ("Groupie Love") und sie verkörpert dies noch immer mit Originalität. Das, was Lana Del Rey tut, macht nur Sinn, wenn es von ihr getan wird. Nur sie kann mit ihrer in den schläfrigen Songs gedeihenden Stimme bescheuert "Beaches" auf "Peaches" reimen und einem damit singend das Höschen ausziehen.

Ihre neuen Lieder klingen wie Echos der alten, aber da die alten gut sind, ist das ja nicht schlecht. Es ist Lana doing the Lana. "Tomorrow Never Came" ist eine Hommage an "Tomorrow Never Knows" der Beatles, passend dazu ist dabei Sean Ono Lennon an ihrer Seite - es ist eines der Lieder des Albums, das am meisten atmet. Für "Beautiful People With Beautiful Problems" gewann sie Fleetwood-Mac-Veteranin Stevie Nicks.

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Neues Album: Lana Del Rey lächelt jetzt

Die Unterstützung von Rapper A$AP Rocky ("Groupie Love", Summer Bummer") wäre hingegen nicht nötig gewesen. Überhaupt hat sie leider die trashigen Hip-Hop-Beats ihres Debüts wiederentdeckt, die sie beim Nachfolger "Ultraviolence" zugunsten von Psychedelic Rock und bei "Honeymoon" zugunsten von Filmmusik hinter sich ließ, um ihrem Lana-Del-Rey-Film, in dem sie spielt und der zugleich sie selbst ist, mit einem ikonischen Soundtrack ein Denkmal zu setzen.

Das Rezept ist noch immer verführerisch oder langweilig oder beides: Erhabene Stimme, opulentes Arrangement, gekonnte Elegie. Soweit, so gut, könnte man sagen.

Doch die politische Lage in den USA ließ auch die ehemalige Sozialarbeiterin nicht unberührt: In "When The World Was At War We Kept Dancing" fragt sie: "Is it the end of America?" In "Coachella - Woodstock On My Mind" bangt sie: "What about all their children/ And what about all their wishes/ Wrapped up like garland roses/ Round their little heads?"

Darin besteht die Irritation des Albums: Dass nun die Femme Fatale (of all people!) sich berufen fühlt, die politische Lage der Welt zu besingen, statt immerzu irgendeinen Typen oder ihr rotes Kleid, das sie wahlweise an- und wieder auszieht, noch dazu inspiriert vom Coachella Festival (of all places!), einem Urban-Outfitters-Musical für Hipster, die sich für Hippies halten, das ist schon drollig.

Ein One-Trick-Pony, das plötzlich gestrig wirkt

Denn Lana Del Rey hat keine Haltung im Sinne einer Stellungnahme - bei ihr zählt Ästhetik. Diese Künstlerin nennt ihre Lieder "Art Deco", lässt in Videos minutenlang Claude Debussy laufen oder rezitiert Walt Whitman - weil es halt schön ist. Ihr scheues Wesen und die vagen Antworten in Interviews bestätigen die Uneindeutigkeit ihrer Kunst und machen sie schwer greifbar.

Von allen Popstars versteht man Lana Del Rey am allerliebsten falsch: Weil sie unter falschem Namen singt, kann sie ja nur eine falsche Schlange sein - so die (falsche) Schlussfolgerung. Dass sich diese Persona nun auch politisch äußert, weil ihr in die Jahre gekommenes Konzept sonst zu blass wäre, könnte man als manieristisch missverstehen - oder schlicht unglaubwürdig finden. Doch Lana Del Rey hat das Narrativ des American Dream nie nur reproduziert.

Vielmehr besang sie immer schon auch den Albdruck, der sich aus geplatzten Träumen ergab - und verkörperte beides in ihrem Look zwischen White-Trash-Flittchen und Noir-Diva, zwischen Heiliger und Hure. So assoziativ ihre Lyrics sind, so subtil sind ihre Kommentare: Im Pseudo-Loblied "God Bless America - And All The Beautiful Women In It" erklingen Panzerschüsse als Percussion.

Schwierig wird es jedoch, wenn sie mit sich selbst in ihrer Kernkompetenz konkurriert: in der Rolle der Schmerzensfrau. Lana Del Rey ist berühmt für Zeilen wie "He hit me and it felt like a kiss" und wurde als Anti-Feministin verketzert, die häusliche Gewalt romantisiere, während Lana bloß in ihrer Lana-haften Leidensfähigkeit eine weitere Metapher gesponnen hatte für ihr Herzensthema: sich eine Liebe schönzureden, an der man eigentlich krankt.

Vermutlich ist Lana Del Rey gerade aus Versehen wirklich glücklich verliebt, denn sie scheint es mit der Lebensfreude tatsächlich ernst zu meinen: Im Video zur Single des Titeltracks sitzt sie mit dem in Schmerzensdingen ebenfalls erfahrenen R&B-Star The Weeknd auf dem H des Hollywood-Schriftzugs und besingt die Kraft der Liebe. Wenn es halt nur nicht so dick aufgetragen daherkäme, als wäre dieses gute Gefühl auch nur wieder ein Zitat eines guten Gefühls - man könnte es ihr glatt glauben.

Ja, Lana Del Rey ist noch immer irgendwie grandios - in ihrem Feld. Doch "Lust For Life" wirkt wie eine weitere Staffel der Lieblingsserie, bei der einen das schale Gefühl beschleicht, sie hätte sich auserzählt. Sie ist ein One-Trick-Pony, das plötzlich gestrig wirkt. Darüber müsste sie vermutlich selbst schmunzeln.

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insgesamt 18 Beiträge
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Papazaca 19.07.2017
1. Die Preisfrage: Lana by her self oder ferngesteuert?
Mir ist nie klar geworden, ob Lana nur Ausführende eines Marketingkonzeptes ist. Ob jemand Ihr Namen, Styling, Kompositionen und Texte "verpasst"hat. Also ein allumfassendes Marketingkonzept für einen Popstar. Wie gesagt, ich weiß es nicht, aber ich habe so ein Gefühl .....
langenscheidt 19.07.2017
2. #1
Kommst selbst drauf, wenn Lana del Rey mit ihrem Künstlernamen May Jailer suchst und ihre damalige Platte "Sirens" hörst. Da war sie bereits in diesem Sprechgesang, allerdings mit weitaus höherer Stimme.
lewerworscht 19.07.2017
3. Was hören wir da?
Jedenfalls keine Melodien ,Gesang oder Stimme ? Fehanzeige! Ist doch eher ein weiterer Begleitsound für pupertierende 14 jährige Mädchen die sich vor den Zug schmeißen wollen. Dagegen waren The Cure ja die reine Lebensfreude. Aber trotzdem, tolle Frisur, so mit Blümchen......... Waitin´for the train!
cineast_hg 19.07.2017
4. Wer hatte die arme Lana bloß in Werchter 2016 ...
... vor dem Boss auftreten lassen. Letztes Jahr im Werchter war der Headliner Bruce Springsteen mit seiner E Street Band. Eine großartige Performance vom Boss. Das Gros der Front Stage Karteninhaber erschien rechtzeitig zum Auftritt vom Boss - die arme Lana hatte eine ziemlich leere Front Stage. So auch ich - aber ich habe noch ein paar Songs dieser depressiven 'Selbstmörder-Musik' gehört - ich hatte sie zuvor nicht ernsthaft wahrgenommen. Wie konnten die Veranstalter das arme Mädel bloß direkt vor dem Boss auftreten lassen - ein Mega Kontrast - sie hat mir wirklich leid getan als sie ständig deprimiert das Publikum fragte, ob es sehnsüchtig auf die Show vom Boss wartet und dann in den nächsten Deprimiert-Song einstimmte. Ich wünsche Lana Del Rey gute Besserung und das ihr in Zukunft besser geht ... ;-) Die Show vom Boss war großartig.
cave68 19.07.2017
5. immer wieder interessant...
...wie man solch einen langen Beitrag über eine solch uninteressante Jammer-Sängerin schreiben kann...furchtbar dieses Gejülpse...
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