Lana Del Rey in Berlin Nähe? Gibt's nur in der ersten Reihe

Lana Del Rey gab in Berlin-Spandau ein kurioses Open-Air-Gastspiel. Nichts passte zusammen - am Ende herrschte gespenstische Stille.
Lana Del Rey (Archivbild): Unüberwindliche Distanz zum Publikum

Lana Del Rey (Archivbild): Unüberwindliche Distanz zum Publikum

Foto: Frazer Harrison/ Getty Images for Coachella

Die Zitadelle im schönen Spandau bei Berlin ist ein idyllischer, aber auch ein lauter Ort. Zum einen düsen ständig startende Flugzeuge vom nahen Airport Tegel über sie hinweg, zum anderen werden im Sommer im Inneren der mittelalterlichen Mauern unter freiem Himmel Rock-Konzerte gegeben. Es ist also ein Ort der Widersprüche, und das passte ganz gut zum vorerst einzigen Deutschland-Auftritt von Lana Del Rey am Freitagabend.

Die US-Sängerin, die an diesem Samstag 28 Jahre alt geworden ist, hat vor gut einer Woche ihr sehr gutes zweites Album "Ultraviolence" veröffentlicht und tourt zurzeit durch die europäische Festivalsaison. Eigentlich wollte sie ja nach ihrem mit somnambul-betörenden Suizidhymnen gefüllten Debüt-Album "Born To Die", das 2012 erschien und sie zu einem der unwahrscheinlichsten Popstars unserer Zeit werden ließ, gar keine Musik mehr machen. Das hatte sie jedenfalls irgendwann angekündigt.

Aber Elizabeth Grant, wie Lana Del Rey bürgerlich heißt, wirft anscheinend gern mal Bemerkungen in den Raum, an die sie sich dann nicht mehr erinnern kann. So liegt sie aktuell mit dem britischen "Guardian" im Clinch, der vor rund zwei Wochen gemeldet hatte, Del Rey wäre am liebsten schon tot. Stimmt gar nicht, habe sie nie gesagt, behauptet die Künstlerin nun . Blöd nur, dass der Interviewer ihre fatalistische Aussage auf Band hat.

Der Eklat mit der britischen Presse habe, so hörte man, nicht nur dazu geführt, dass die meisten Interviewtermine in Deutschland abgesagt wurden. Angeblich hätte die empfindsame Sängerin fast auch noch den Zitadellen-Auftritt storniert, zu dem sich immerhin um die 5000 Fans und Interessierte eingefunden haben dürften. Die Ticketpreise lagen bei knapp 50 Euro.

Best-of der größten Hits statt neue Songs

Aber sie war dann doch da. Im oben züchtig hochgeschlossenen, unten gefährlich kurzen und enthüllend auskragenden weißen Kleid kam sie nach einem kurzen Intro ihrer Tourband auf die Bühne und sang dort zunächst "Cola", dann das zum "Tropico"-Kurzfilm gehörende "Body Electric", bevor es zum einzigen musikalischen Höhepunkt des Abends kam, die Darbietung ihrer spannungsreichen, im Refrain dramatisch verlangsamten neuen Single "West Coast". Leider blieb es - neben dem Titelsong - das einzige, was in der knappen Stunde vom neuen Album gespielt wurde. Stattdessen gab es ein Best-of mit Publikums-Pleasern wie "Summertime Sadness", "Born To Die" und natürlich "Video Games", die Single, mit der sie einst über Nacht zu einer Internetberühmtheit wurde.

Dort, im virtuellen Raum, kann sich eine Kunstfigur wie Lana Del Rey, eine aus popkulturellen und musikalischen Zitaten zusammengesampelte Avatarin aus Femme fatale, Lolita und Nancy Sinatra für Depressive, prächtig entfalten. Sobald sie aber als reale Person eine Bühne betritt, schafft sie es nicht, in ihrer akribisch ausgearbeiteten Rolle der lasziven Sixties-Schmerzensfrau zu bleiben.

Stattdessen versucht sie, mit befremdlich emotionslosen Ansagen ins Publikum und viel zu ambitioniert wummernder Band im Rücken eine Mainstream-Rockperformance zu liefern, für die ihr aber sowohl das passende, stadiontaugliche Songmaterial als auch das nötige Charisma fehlen. Angesichts ihres zwar schönen, aber zu angestrengten, manchmal ins Heulen kippenden Gesangs und ihrer hölzernen Live-Präsenz werden die Imaginationsräume, die sich beim Hören ihrer Musik oder Anschauen ihrer Video-Kunstwerke eröffnen, plötzlich sehr eng.

Am Ende einfach Stille

Das Ergebnis, so war es auch schon bei ihrem letzten Berlin-Konzert im für sie ebenso überdimensionierten Velodrom vor einem Jahr, ist eine unüberwindbare Distanz zwischen Künstlerin und Zuschauern. Aber nicht, weil eine betont unterkühlte, artifizielle Inszenierung es so vorsieht, sondern weil schlicht keine Intimität entsteht. Dabei sucht Lana Del Rey durchaus die Nähe zu ihrem Publikum, allerdings nicht zu allen: Gleich dreimal stieg sie in den Graben vor der Bühne hinab, um lange und ausführlich Selfies mit ihren vorne drängelnden Ultra-Fans zu knipsen, Autogramme zu kritzeln oder sich zutraulich knutschen und knuddeln zu lassen. Übertragen wurde das auf eine Videoleinwand.

Die Tuchfühlung machte ihr so viel Spaß, dass sie im Finale des letzten Songs, "National Anthem", gar nicht wieder auf die Bühne zurückwollte, während die Band, sich selbst überlassen, in immer bombastischere Stadionrock-Gefilde abdriftete. Das dankte das restliche Publikum, das vom Gekungel in der ersten Reihe natürlich nichts hatte und sich langweilte, mit demonstrativer Applausverweigerung, als das Konzert dann sang- und klanglos vorbei war. Ein unheimlicher, selten erlebter Moment: kein Beifall, kein Buhruf, keine Zugabenforderung, einfach Stille und unaufgeregtes Streben gen Ausgang.

Lana Del Rey ist eine faszinierende, talentierte und vielleicht sogar sympathische Künstlerin. Aber das mit den großen Hallen und Open-Air-Veranstaltungen, das sollte sie vielleicht lieber lassen.

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