Leben mit dem ESC-Kult Freud und Leid eines Fanclub-Vorsitzenden

Der Eurovision Song Contest im eigenen Land - das sollte den Vorsitzenden des größten deutschen Fanclubs in Freudentaumel versetzen. Doch Klaus Woryna ist mit dem Grandprix in Düsseldorf nicht glücklich: Die Fans seien von den Veranstaltern zu wenig in die Planung eingebunden worden.

SPIEGEL ONLINE

Von , Düsseldorf


Mitten in der Düsseldorfer Altstadt träumt Klaus Woryna von Istanbul. "Das war ein wirklich toller Grandprix", sagt er. "Diese mediterrane Lockerheit!" Woryna ist seit zehn Jahren Vorsitzender der deutschen Sektion des Fanclubs "Organisation générale des amateurs d'Eurovision" (OGAE), dem größten nationalen ESC-Fanclub der Welt. Eigentlich müsste 2010 mit Lenas Sieg für Woryna ja ein Traum in Erfüllung gegangen sein - das erste Mal seit 1983 wieder ein Grandprix in Deutschland. Doch nach Begeisterung muss man lange suchen im freundlichen Gesicht des 40-jährigen Münchners.

"Ich hätte mir ein bisschen klarere Absprachen gewünscht", sagt Woryna. Das bezieht sich auf den NDR, der den diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) federführend organisiert. Sanfter ist Kritik kaum zu formulieren. Denn hört man Woryna ein bisschen länger zu, reihen sich Kleinigkeiten an Kleinigkeiten, mit denen er in diesem Jahr nicht glücklich ist, bis sie eine mittelgroße Unzufriedenheit ergeben.

Warum stehen Stände mit ESC-Fanartikeln nicht in der Düsseldorfer Innenstadt, sondern nur in der Arena, wo nur die Fans mit Eintrittskarten hinkommen? Warum läuft zur selben Zeit parallel eine Verpackungsmesse in Düsseldorf, so dass es noch schwieriger ist, an ein halbwegs bezahlbares Hotelbett zu kommen? Warum wird im Finale nach den 25 Länderbeiträgen zur Überbrückung der Auswertungspause noch ein Music Act gezeigt?

"Manche von uns sind schon seit zehn, fünfzehn Jahren dabei", sagt Woryna. "Für den NDR ist es aber der erste ESC überhaupt. Da hätte man uns schon stärker in die Planungen mit einbeziehen können." Beim NDR war der verantwortliche Produzent der Show nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Wem gehört der ESC eigentlich?

Jenseits der aktuellen Missstimmungen zielt Worynas Kritik auf einen immer wieder aufbrechenden Konflikt ab - nämlich die Frage, wem der ESC eigentlich gehört. Den manischen Fans, die auch noch beim schwächsten Beitrag aus einer Splitterrepublik für Stimmung sorgen? Oder den Veranstaltern, die dafür sorgen, dass die Splitterrepublik überhaupt auftreten kann?

Lösen lässt sich dieser Konflikt kaum. Denn die Fernsehsender brauchen die Fans, um aus dem ESC das weltweite Spektakel zu machen, das für immer neue Einschaltrekorde sorgt. Und die Fans können bei aller Zeit und allem Geld, die sie in den Grandprix investieren, den Organisationsapparat einer Fernsehanstalt nicht ersetzen.

Außerdem gibt es schon ein paar kuriose Ausnahmen, die dem besonderen Charakter des ESC Tribut zollen. So können sich auch Fans für den Wettbewerb akkreditieren, also eine offizielle Registrierung, wie sie Journalisten für die Berichterstattung brauchen, erhalten. Damit haben die Fans Zutritt zum Pressebereich und können zum Beispiel die Pressekonferenzen der verschiedenen Länder hautnah verfolgen.

Zehn solcher Fan-Akkreditierungen gibt es in diesem Jahr pro teilnehmendem Land. Für Fans und Presseleute aus Gastländern übrigens kein Grund zum Klagen. Sie sind allgemein sehr angetan vom Düsseldorfer ESC: gute Organisation, tolle Show, freundliche Volunteers. Nur die deutschen Fans scheinen angesäuert zu sein - warum gibt es für Deutschland genauso viele Fan-Akkreditierungen wie für San Marino?

Infos, Karten, Clubzeitschriften und der "Second Chance Contest"

Für Klaus Woryna ein weiterer Punkt, den er bei der Organisation des Düsseldorfer ESC nicht versteht, denn die Fans leisten echte Arbeit. Viele haben sich als Volunteers beworben und arbeiten nun unentgeltlich am Infostand am Düsseldorfer Hauptbahnhof oder betreuen die Länder-Delegationen. Woryna selbst ist täglich im Einsatz im offiziellen "Euroclub", zu dem die Party-Location Schlösser Quartier Bohème in der Ratinger Straße für die Dauer des ESC umfunktioniert wurde. Abends werden hier die Aftershow-Partys gefeiert. Tagsüber baut der OGAE hier ab 11 Uhr seinen Stand auf und versorgt Fans mit Infos und Karten.

Woryna ist seit zwei Wochen im Einsatz. Zuhause in München arbeitet er als Rechtsanwalt mit den Schwerpunkten Familien- und Jugendstrafrecht. Vielleicht sagt er auch aus beruflichen Gründen nicht, wie viel Zeit er in den ESC privat investiert. Seine Klienten könnten sich sonst wundern, wie ihr Anwalt noch Zeit für ihre komplizierten Scheidungsfälle findet.

Der OGAE gibt gleich zwei Clubzeitschriften heraus, in denen der diesjährige ESC analysiert und viel historischer Rückblick geübt wird. Neben Fan-Treffen mit Teilnehmern aus zum Teil sehr weit zurückliegenden Jahren organisiert die Dachorganisation des OGAE außerdem einen Fan-Grandprix, den "Second Chance Contest": Jedes Mitgliedsland kann einen Song aus dem nationalen Vorentscheid, der es nicht ins ESC-Finale geschafft hat, auf CD aufnehmen und für den internen Wettbewerb einreichen. In einem aufwendigen Jury-Verfahren wird dann der Gewinner ermittelt.

Für Fernsehsender, die mit dem Großevent mehr als 120 Millionen Zuschauer in der ganzen Welt erreichen wird, ist es natürlich schwierig, dieser Art von Besessenheit gerecht zu werden - zumal NDR und ProSieben den Anspruch haben, dem Grandprix einen moderneren, sprich mainstreamigeren Anstrich zu verleihen. Von einer "Entschwulung", frei nach einer These des Kulturwissenschaftlers Johannes Arens, hat deshalb bereits ESC-Experte Jan Feddersen geschrieben.

Diese These teilt Woryna aber nicht. "Wenn der Grandprix ein reines Schwulen-Event wäre, woher kommen dann die hohen Zuschauerzahlen? Gibt es in Deutschland etwa zwanzig Millionen Schwule, die ganz allein für die Einschaltquoten sorgen?", sagt Woryna. Er wünscht sich nur, dass sich der ESC seiner Geschichte und seines Kultcharakters bewusst bleibt - und zum Beispiel am Samstagabend bei der Übertragung des Finales kurz Lys Assia einblendet. Sie ist die erste Grandprix-Gewinnerin aller Zeiten und wird auch in der Arena sein, wenn Lena zur Titelverteidigung antritt.

Bei aller Kritik am diesjährigen ESC - Woryna ist großer Lena-Fan. Ihr Lied "Taken by a Stranger" findet er sogar deutlich besser als Vorjahres-Gewinner "Satellite": "Ich sag' seit Wochen: Lena gewinnt wieder!" Die Aussichten auf einen weiteren Grandprix in Deutschland scheinen Woryna wohl doch nicht zu stören.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
markusmm 14.05.2011
1. ...
Klar stehen die Chancen für Lena wieder besser! Warum? Weil im zweiten Halbfinale zwei haushohe Favoriten hochkant rausgeflogen sind, und da kamen die Stimmen zu 50 Prozent aus der deutschen Jury. Die Teilnehmerliste, die nun steht, ist ein Witz. Danke deutsche Jury, ihr seid genauso lachhaft wie der ESC dieses Jahr selbst.
zappamagma 14.05.2011
2. Aha
Zitat von markusmmKlar stehen die Chancen für Lena wieder besser! Warum? Weil im zweiten Halbfinale zwei haushohe Favoriten hochkant rausgeflogen sind, und da kamen die Stimmen zu 50 Prozent aus der deutschen Jury. Die Teilnehmerliste, die nun steht, ist ein Witz. Danke deutsche Jury, ihr seid genauso lachhaft wie der ESC dieses Jahr selbst.
Wer war das denn, und wo kann man das mit den Jurystimmen nachlesen?
Imre, 14.05.2011
3. Oha!
Ist das der aktuelle Stand der ESC-Verschwörungstheorien? Also nach der Balkan-Connection nun der deutsche Klüngel? Mich würde mal interessieren, welche beiden Favoriten das gewesen sein sollen. Ich habe mir alle Lieder angehört und keiner der ausgeschiedenen Kandidaten hätte bei mir (musikalisch) gepunktet.
JJJJ2000 14.05.2011
4. @markusmm
Wie kommen Sie bitte darauf, dass das Votum der deutschen Jury zu 50% in die Abstimmung ALLER daran beteiligten Länder fließt?
nununa 14.05.2011
5. @
@ unseren Verschwörungskönig: Die Stimmen ALLER Jurys - das heißt im Halbfinale aller Stimmberechtigten Länder und im Finale aller Länder - gehen zu 50% in die Wertung ein...die deutsche Jury kann also niemanden so einfach rauskegeln, da machen noch ganz viele andere mit... Zum Artikel: Auch wie traurig, da kann der Fanclub mal nicht über den verpassten Sieg jammern - dann sucht er sich was anderes...buh hu, buh hu...Eine Runde Mitleid. Ist sowas bei SPON wirklich einen Artikel wert?
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