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Lena im Interview "Was heute ist, ist das, was ich will"

Wie geht man mit Kritikern um, die Urteile ausspucken? Und was denkt eine 19-Jährige, wenn sie sich keine Zukunftssorgen machen muss? Kurz vor ihrem großen ESC-Finale gibt Lena Meyer-Landrut im SPIEGEL-ONLINE-Interview Auskunft - und berichtet zudem von einem bösen Wehwehchen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Meyer-Landrut, kurz: Lena, welche der an Sie gestellten Fragen nervt Sie momentan am meisten?

Meyer-Landrut: Das könnte die Frage danach sein, wie ich mich fühle. Aber die finde ich okay. Eher nervt mich, wenn einer fragt, welchen Platz ich belegen werde. Himmel, wie soll ich das denn wissen?

SPIEGEL ONLINE: Sie waren vor knapp anderthalb Jahren noch eine unbekannte Schülerin aus Hannover und sind inzwischen ziemlich berühmt. Ist es trivial zu fragen, ob sich Ihr Leben verändert hat?

Meyer-Landrut: Ich hab viel von meiner Anonymität verloren, viel an Erfahrung gewonnen. Aber ich muss mir keine Gedanken mehr um meine Zukunft machen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich als angehende Abiturientin Gedanken um Ihre Zukunft gemacht?

Meyer-Landrut: Na klar. Was wird aus mir? Was soll ich aus meinem Leben machen? Darüber denkt doch jeder nach, der noch zur Schule geht und weiß, bald als Erwachsener solche Sachen wissen zu müssen. Was will ich mein Leben lang machen? Was studiere ich? Wozu lasse ich mich am besten ausbilden, damit ich mein Leben erstmal finanzieren kann, damit ich alles auf die Reihe kriege, damit ich vielleicht auch meine Kinder ernähren kann, damit ich mich vor allem auch wohlfühle, all so'n Kram. Das ist schon ganz schön viel Sorge, die man hat als kleiner Mensch. Und von diesen Sorgen bin ich total befreit.

SPIEGEL ONLINE: Ist das für Sie hauptsächlich beruhigend - oder hat das auch was von dem Kick genommen, den man empfindet, wenn alles noch offen ist?

Meyer-Landrut: Nee, ich hatte das lange genug, dieses Unsichere. Ich denke da schon lange darüber nach, seit ich vierzehn oder fünfzehn bin, damals fing es an. Jetzt fühle ich mich gewachsen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Wachsen gehören auch Kritiken, die sich gegen Sie richten. Sie seien nicht mehr die Gleiche wie vor einem Jahr, heißt es.

Meyer-Landrut: Natürlich bin ich das nicht. Das wäre ja auch ein Trauerspiel, um Gottes Willen.

SPIEGEL ONLINE: Perlen Kritiken an Ihnen ab?

Meyer-Landrut: Man muss erstmal differenzieren, um welche Kritiken es sich handelt. Es gibt Kritiken, die man sofort aussortieren kann, wo man schon an der Überschrift sieht: Quatsch! Dann gibt es solche, bei denen ich mich frage: Ist da was dran? Vielleicht sollte ich da was ändern, ich muss darüber nachdenken. Im Großen und Ganzen fällt es mir leichter, damit umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Es kränkt aber doch gelegentlich?

Meyer-Landrut: Klar, natürlich. Man muss sich aber im Vorhinein mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass dieser Beruf beinhaltet, dass viel zu viele Menschen sich eine Meinung über einen bilden. Das ist in meinem Job mit drin. Das betrifft nicht mich allein, sondern auch alle, die mit mir arbeiten. Alle denken plötzlich, dass sie mich kennen. Und spucken Meinungen aus.

SPIEGEL ONLINE: Spucken?

Meyer-Landrut: Ja, das ist nicht negativ gemeint, aber sie urteilen über mich, ohne mich zu kennen. Da wird was rausgespuckt. Das ist mein Beruf, so ist das.

SPIEGEL ONLINE: Wahrscheinlich können Sie nie auf die Punk-Attitüde zurückgreifen, können nie sagen: Mann, **** dich.

Meyer-Landrut: Doch, könnte schon. Ja, das könnte ich sagen. Wäre nicht so meine Art, aber wenn ich mich richtig aufrege, dann passiert es, dass ich ein-, zweimal **** schreie im Auto ... Das sage ich ganz selten, wirklich, aber manchmal ... Ich bin nicht so der Typ für viel Negativität, aber wenn ich das könnte, würde ich das ausleben.

SPIEGEL ONLINE: Ist nicht jeder Jugendliche ziemlich negativ?

Meyer-Landrut: Ja, ich aber nicht so. Ich bin immer grundfröhlich gewesen. Zu Schulzeiten war ich grundglücklich und immer fröhlich, durch den Beruf ist es auch mal gekommen, dass ich traurig war. Und auch mal unzufrieden war. Ich glaube, das ist aber normal.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen Beruf - wie nennt sich der Ihre?

Meyer-Landrut: Künstlerin, Sängerin, wahrscheinlich inzwischen auch Unterhalterin. Ich bin ja viel bei "TV total" und drehe Tagebücher.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie manchmal darüber nach, dass sich Ihre Präsenz in den Medien und in der Öffentlichkeit vermindern könnte?

Meyer-Landrut: Ja, und ich glaube, das wird ganz schön, mal zur Abwechslung.

SPIEGEL ONLINE: Alle Künstler haben Furcht vor der Zeit, in der sie nicht mehr im Licht stehen.

Meyer-Landrut: Ich nicht. Ich habe ja nicht so verbissen für meinen Erfolg gearbeitet. Was heute ist, ist das, was ich will. Wenn es nicht mehr so wie im Moment wäre, würde ich daran nicht zerbrechen. Ich habe das Gefühl, noch so viele Energien für andere Sachen zu haben, für Sachen, die ich aufbauen will. Ich glaube, dass ich so begeisterungsfähig bin, auch noch andere Sachen gut hinkriegen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eine typische deutsche Jugendliche?

Meyer-Landrut: Wie ist denn so eine?

SPIEGEL ONLINE: Keine Ahnung, aber sie werden als wenig typisch beschrieben - weil sie so optimistisch scheinen.

Meyer-Landrut: Bin ich auch. Und in meinem Freundeskreis sind auch alle gut gelaunt. Ich bin jedenfalls froh, in Deutschland zu sein. Ein gutes Leben habe ich hier. Und all die Wege, die ich gehen kann! Ich bin so froh, dass ich hier geboren, dass ich so gut erzogen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie am Samstag eigentlich wirklich gewinnen?

Meyer-Landrut: Im Optimalfall ja. Gewinnen ist aber nicht das Wichtigste. Wenn man sich die Olympischen Spiele anguckt, dann wird alles nach Tabellen gelistet. Nicht beim Eurovision Song Contest. Da macht man seine Sache.

Fotostrecke

Lena im Interview: "Künstlerin, Sängerin, wahrscheinlich Unterhalterin"

Foto: Cornelius Poppe/ DPA

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gut reden - Sie haben schon einmal gesiegt.

Meyer-Landrut: Das stimmt. Aber mir geht es darum, andere zu unterhalten. Wie wir, Brainpool, ARD, ProSieben und vor allem Stefan (Raab, d. Red) die Sache aufgezogen haben, muss man es nicht so verbissen sehen.

SPIEGEL ONLINE: Einer, der nicht so viele Punkte wie Sie erhält, ist doch anders drauf, oder?

Meyer-Landrut: Vielleicht. Aber wenn man mit sich im Reinen ist, kann das auch okay sein. Ich versuche, es gut zu machen. Ob die Medien mit einem im Reinen sind, ist etwas anderes.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind insgesamt mit sich zufrieden?

Meyer-Landrut: Relativ, ja.

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie?

Meyer-Landrut: Man hat ja immer seine Wehwehchen. Ich bin zum Beispiel vor einigen Tagen mit dem Zeh über den Asphalt geschrappt und habe jetzt eine Wunde unterm Zeh. Es tut schweinisch weh.

SPIEGEL ONLINE: Es war aber keine Erbse unter dem Asphalt?

Meyer-Landrut: Nein!

Das Interview führte Jan Feddersen