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Lena, die Zweite: Soulpampe à la Raab

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Lenas zweites Album Viel Geträller, keine Killer

Statt Mörderhits nur Füllmaterial: Stefan Raabs Strategie, den deutschen Eurovision-Vorentscheid als Werbeshow für Lenas neues Album zu nutzen, täuscht nicht über eine mittelmäßige Platte hinweg: "Good News"? Von wegen! Fast alles plätschert im typischen "TV-Total"-Pseudosoul-Sound dahin.

"All Killer, No Filler" lautet ein Slogan, mit dem amerikanische Künstler gerne ihre Alben bewerben: nur Mörderhits, kein Füllstoff. Das Konzept von Stefan Raab, die deutsche Vorauswahl für den Eurovision Song Contest als Vehikel zur Promotion von Lenas zweitem Album zu nutzen, hätte durchaus aufgehen können - wenn er sich bei der Songzusammenstellung an diesen Leitspruch gehalten hätte.

Das war aber leider nicht der Fall: Schon in der ersten "Unser Lied für Deutschland"-Show war verdächtig viel die Rede davon, was für eine große stilistische Bandbreite die Lieder abdecken würden; und in der zweiten Sendung wirkte die Raab/Meyer-Landrut-Komposition "Mama Told Me" vor allem deshalb so beschwingt, weil die Lieder zuvor allesamt recht ruhig daherkamen. Von den zwölf Songs, die in den beiden Shows zu hören waren und die nun auch auf der am Dienstag veröffentlichten CD "Good News" enthalten sind, galt für viele der euphemistische Musikgeschäftssatz: Das ist eher ein Albumtrack.

Gutes Fernsehen ergab das bisher nicht - und dem Publikum ist das nicht entgangen, wie die fallenden Einschaltquoten zeigen. Der Vorgänger "Unser Star für Oslo" 2010 war dagegen gutes Fernsehen, weil es die dem Genre Castingshow zugrundeliegende Wettkampfspannung paarte mit einem relativ seriösen Umgang mit Popmusik und es zudem mit Lena Meyer-Landrut früh schon eine Favoritin gab, mit der man mitzitterte.

Vielleicht zittert man mit einem Song sowieso nicht so mit wie mit einem Sänger, aber man hätte sich behelfen können, indem man den Aspekt des Komponistenwettbewerbs stärker betont hätte. Doch in den bemühten Einspielfilmen waren dröge Profis zu sehen, deren pflichtgemäßes Schwärmen für Lena nicht überdecken konnte, dass die ihnen ebenso egal sein dürfte wie der Eurovision Song Contest - Hauptsache, die Songs haben einen Abnehmer gefunden.

Befreit vom Showband-Tschingderassassa

Ganz offensichtlich ist, dass die Auswahl nicht davon bestimmt war, zwölf Songs zu suchen, die den Contest gewinnen könnten und die dann von Lena Meyer-Landrut singen zu lassen. Es ging wohl vor allem darum, ein Album zu bestücken. Man kann das verstehen, es hätte Lena zu einer Karaokesängerin herabgewürdigt - und Stefan Raab ging es eher darum, die Karriere seines Schützlings zu festigen. Deshalb fielen all die Statements über die erwachsenere, ernstere Lena. Eine, der man ein richtiges Album zutrauen können soll.

Wenn diese Songs also schon kein gutes Fernsehen ergaben, ergeben sie dann wenigstens ein gutes Album? Die Antwort ist ein klares Jein.

Dass sie mehr als nur die hibbelige "Lovely Lena" kann, beweist die Hannoveranerin schon; auch den oft diskutierten Pseudo-Cockney-Akzent setzt sie seltener und dafür bewusster als komischen Effekt ein. Besonders die Titel des Songwriter-Duos Daniel Schaub und Pär Lammers ("Maybe" und "Push Forward" - beide schafften es auch ins Showfinale) gewinnen in den Studioversionen deutlich, da befreit vom Showband-Tschingderassassa der Raab-Hausband Heavytones. Schaub und Lammers, die unter dem Namen Jack Beauregard bei dem rührigen Indielabel Tapete Records Platten herausbringen, gelingt es, in dem gefälligen Geplätscher, das die meisten Songs auf dem Album bestimmt, gelegentlich hübsche Überraschungen unterzubringen.

Schlimm sind allerdings die provinziellen Soul-Surrogat-Arrangements, in die besonders die von Stefan Raab (alleine oder mit Lena) geschriebenen Songs verpackt sind. Dieser Sound, den Raab aufrichtig zu schätzen scheint, passte vor allem zu Max Mutzke, jenem früheren Eurovision-Talent aus einem Raab-Casting, der immer noch brav Alben veröffentlicht, dessen Starruhm aber von arg kurzer Dauer war.

Nicht gespenstig genug

Kurioserweise sticht ausgerechnet "Taken By A Stranger", das vom Publikum der ersten Show bejubelte Elektro-Stück, auf dem Album weniger heraus als beim Live-Vortrag - die Produktion betont nicht genug das Gespenstische an dem Song, der aber trotzdem klar der Modernste in dieser Auswahl ist.

Die ARD-Intendanten betonten am Dienstag, dass sie weiterhin hinter dem Auswahlmodus des Eurovisions-Titels stehen; NDR-Chef Lutz Marmor würdigte ausdrücklich die Verdienste von Stefan Raab für den Wettbewerb. Zu recht selbstverständlich, auch wenn Raab mit dem Konzept Titelverteidigung ein funktionierendes Fernsehformat geopfert hat, um in so noch nie dagewesener Weise ein Album im Fernsehen zu bewerben.

Nach den beiden Halbfinals auf Raabs Stammsender ProSieben kommt nun die Lena-Show ins Erste. Am 18. Februar wird dann per Massenakklamation das getan, was normalerweise in den Marketing-Abteilungen von Plattenfirmen entschieden wird: Es wird die Single aus dem Album gesucht.

Um beim Eurovision Song Contest zu bestehen, bräuchte es wohl eine wahre Killersingle. Doch die ist auf "Good News" nicht zu hören. Dafür aber viel Geträller.

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