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01. Oktober 2010, 09:08 Uhr

Lennon-Editionen

Zum Geburtstag viel - aber wenig Glück

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Am 9. Oktober hätte John Lennon seinen 70. Geburtstag gefeiert - für die Plattenfirmen Gelegenheit, zahlreiche Boxen mit Altbekanntem auf den Markt zu werfen - garniert mit dem üblichen Wischiwaschi-PR-Quatsch. Immerhin: Manche seiner Alben werden spannender, je weiter sie zurückliegen.

Die Lennon-Industrie ist quicklebendig ist und stellt zu jedem möglichen Jubiläum selbstverständlich allerlei "neue" Tonträger bereit. Wäre John Lennon nicht vor dreißig Jahren erschossen worden, wäre er am 9. Oktober siebzig Jahre alt geworden, und das ist wieder eine schöne Gelegenheit für die Plattenfirma, Wiederauflagen in neuer Verpackung auf den Markt zu bringen.

So wurden bereits acht Lennon-Solo-Alben wie "Imagine" oder "Mind Games" im Lennon-Mix neu abgemischt und restauriert; die Vier-CD-Box "Gimme Some Truth" mit Altbekanntem zusammengestellt, und ein CD/DVD-Doppelpack namens "Power To The People - The Hits" mit Lennon-Dauerbrennern wie "Jealous Guy" komplettiert. Für betuchtere Lennonnisten gibt es als Krönung die "Signature Box" mit den neu gemischten Alben plus zwei Bonus-CDs, Büchlein und Kunstdruck.

Würdevoll gealtertes Werk

Nach dem spektakulären Verkaufserfolg der aufgepimpten Beatles-Werke soll nun also rechtzeitig zu Weihnachten das Solo-Werk von John Lennon in die Läden kommen. Und was die Musik angeht, ist John Lennon auch in diesem Jahrtausend noch interessant, manche seiner Alben werden sogar spannender, je länger sie zurückliegen. So wie das einst unter äußerst turbulenten Verhältnissen mit dem irren Produzenten Phil Spector eingespielte "Rock'n'Roll"-Album voller Coverversionen. Auch "Walls And Bridges" mit dem traumhaften "#9 Dream" ist immer wieder herrlich wiederzuentdecken.

Ja, selbst "Double Fantasy", Lennons letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk, ist erfreulich würdevoll gealtert. Dass die Achtziger-Jahre-Produktion dieser finalen Songs unter Fans stets umstritten war, registrierte auch Yoko Ono und beschloss, das Album entschlacken zu lassen. Die "Stripped Down"-Version von "Double Fantasy" ist tatsächlich ein Gewinn und lässt Songs wie "(Just Like) Starting Over" oder "Watching The Wheels" frisch und kraftvoll erstrahlen.

Ärgerlich dagegen ist die Veröffentlichungspolitik. Denn alle diese feinen Lennon-Platten wurden vor gut fünf Jahren schon mal "remastered" unters Volk gebracht. Auch damals wurde damit geworben, dass "Yoko Ono persönlich" die Überarbeitung überwacht habe - was immer das bedeuten mag (Spirituell aus dem Dakota Building heraus? Oder mit strengem Blick neben dem Mischpult?). Ein klanglicher Unterschied zwischen beiden Editionen ist für normale Ohren jedenfalls nicht auszumachen, und die hier beschworenen "John's Original Audio Mixes" sind auch nur ein Wischiwaschi-PR-Quatsch wie die sogenannten "Premium"-Biere. Ein interessanter Unterschied der beiden CD-Editionen besteht allerdings darin, dass die vor einigen Jahren dazuaddierten (und teilweise spannenden) Bonus-Lieder jeder CD für die aktuelle Auflage ersatzlos gestrichen wurden. Gut, diese Edition wird als Digipacks gefertigt, dass die Coverbilder aber teilweise (zum Beispiel "Milk And Honey") ausschauen wie schlechte Farbkopien, sei nur am Rande erwähnt.

Julian Lennon schwurbelt über Johns Einsatz für den "Frieden"

Dünn sind auch die Kaufargumente für die "Signature Box": Das "rare", hier exklusiv beigepackte Doppel-Set enthält auf CD1 fünf "Singles" wie "Instant Karma (We All Shine On)" oder "Happy Xmas (War is Over)", die wohl jeder Interessierte hat, CD2 bietet 13 "Studio Outtakes/Home Recordings", von denen die Hälfte bereits in der letzten Lennon-CD-Box zu haben war. Das beigepackte Büchlein ist nett, aber egal, das Faltblatt mit "Essays" von Yoko und Sean und Julian Lennon reine Papierverschwendung. Insbesondere Julian, der bis vor kurzem noch jammerte, was für ein Rabenvater John Lennon war, schwurbelt nun über dessen Einsatz für "Frieden". Besonders abgeschmackt wird die Box durch den Umstand, dass "Double Fantasy - Stripped Down", die einzig interessante "neue" Platte, nicht beigepackt wurde, sondern extra dazugekauft werden muss.

Jeder Mensch, der über den Kauf der "Signature Box" überhaupt nur nachdenkt, sollte wissen, wie berstend voll die Archive mit unveröffentlichter Lennon-Musik sind. Davon zeugen Unmengen illegaler Tonträger und unzählige Blogs im Internet, was die Veröffentlichungspolitik noch unerfreulicher macht. Egal: Lennons 70. Geburtstag ist sowieso läppisch. Spannend wird es zum 80. Oder spätestens zum 100., zu dem dann wohl die "Super-Definitive-Ultimative-Box" mit neuem "Remastering" droht.

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