Doku über Leonard Bernstein Wie man die Welt umarmt

Die Lust an der Musik verkörperte kaum jemand besser als Leonard Bernstein. Eine ZDF-Doku porträtiert das Musikgenie in nur 70 Minuten und kommt ihm dabei erstaunlich nahe. Jetzt erscheint der Film auf DVD.

obs/ Leonard Bernstein

"Ich möchte, dass alle Welt mich liebt!" soll Leonard Bernstein zu einem Weggefährten einmal gesagt haben. "Das ist aber unmöglich!" hat dieser geantwortet. "Das ist meine Tragik", seufzte Bernstein hellsichtig.

Etwas von dieser Melancholie schwingt während der ganzen Filmdokumentation "Larger than life" mit, die den großen Dirigenten, Komponisten, Musikbotschafter und Lehrer Leonard Bernstein authentisch präsentieren wollte. 2015, zum 25. Todestag Bernsteins strahlte das ZDF die Doku aus, jetzt gibt es sie als DVD/Blu-ray (CMajor).

Ganz nah dran zu sein, das ist das Ziel des Filmes, der dem Zuschauer in schnellem Rhythmus Eindrücke, Fakten, Arbeitssituationen und Statements von Zeitzeugen serviert. Bernsteins Seelenzustand, ein offenbar beständig loderndes Feuer, gibt den Takt an: "Larger than life" startet ohne lange Vorrede und gelangt in kürzester Zeit auf Betriebstemperatur.

Kreativität, Kommunikation und Nachdenken über Musik trieben Bernstein an, sein unstillbarer Drang zu lernen und sich mitzuteilen war Triebfeder seines Schaffens und des Wunsches, mit Musik die ganze Welt zu umarmen. Dieses Kraftwerk namens Bernstein fängt die Dokumentation von Beginn an ein und belegt: die Kultur des 20. Jahrhunderts ohne Leonard Bernstein? Undenkbar. Und stets ging es ihm um mehr als nur Musik.

Es ging um mehr als nur Musik

Der musikaffine deutsche Filmemacher Georg Wübbolt, der neben Georg Solti und Herbert von Karajan auch den großen Dirigenten Carlos Kleiber porträtierte, hielt sich bei der Produktion eng an Weggefährten, Kollegen und Freunde Bernsteins, die den 1918 in Lawrence/Massachusetts geborenen Allroundmusiker hautnah erlebt hatten und anschauliche Worte für Bernsteins Wirken fanden, das fast bis zu seinem Tod 1990 dauerte. Eine stressige Pfadfinder-Arbeit, wie sich bei der Produktion herausstellte: "Innerhalb von drei Monaten Interviewpartner ansprechen und Reisen organisieren, Dreharbeiten und Schnitt, das war schon sehr sportlich. Aber durch meine intensive Vorarbeit ging es gut", erinnert sich Wübbolt.

In die tückische Doku-Falle öder verbaler Pflichtübungen zu Ehren eines großen Toten tappt Wübbolt nie. Das ist zu großen Teilen schon allein der Persönlichkeit Bernsteins geschuldet, dessen unverstellte Liebe zu den Menschen jeden überwältigte. Sein Ruhm als Lehrer und Musikvermittler reichte daher fast an den heran, den er als Komponist und Dirigent genoss: Bernsteins TV-Reihe der "Young People's Concerts" mit den New Yorker Philharmonikern schrieb Kulturgeschichte, die Ausschnitte, die Wübbolt in seinem Film zeigt, belegen das noch einmal eindrucksvoll. Anhand von "You Really Got Me" von den Kinks oder "And I Love Her" von den Beatles erläuterte Bernstein den Kids abendländische Harmoniesysteme ohne jede Trivialisierung.

Den Mahler nach Wien tragen

Das war in den Sechzigerjahren fast so revolutionär wie zuvor Bernsteins Musical "West Side Story", das wie "My Fair Lady" zum Synonym für das gesamte Genre wurde. Ein Erfolg, der den Musiker aber auch belastete: "Bernstein wollte nicht als Musical-Komponist in Erinnerung bleiben, sondern hätte sich gern in der Nachfolge von Gustav Mahler gesehen. Ist nur leider nichts geworden, und das hat ihn sehr bedrückt. Es war der permanente Stachel in seinem Fleisch", erzählt Georg Wübbolt. Dabei hat Bernstein nach Kräften versucht, die Fixierung auf die "West Side Story" zu durchbrechen. Wübbolt erinnert an andere Werke: "Unterschätzt werden seine 'ernsten' Kompositionen, die 1. bis 3. Sinfonie, seine 'Mass'. Alles sehr umstrittene Werke, anders als seine Musicals."

Die Liebe zu Maher weckte schon früh in Bernsteins Leben der Dirigent Dimitri Mitropoulos, einer seiner Lehrer. Mahlers Musik nach dem Zweiten Weltkrieg war nicht besonders populär, weder in Europa noch in den USA. Wie energisch sich Bernstein bei den Wiener Philharmonikern anfangs für die Werke des Österreichers einsetzen musste, erscheint heute schwer verständlich.

Wie aber Bernsteins Können und Temperament auch diese europäische Musikinstitution eroberte, macht die Doku deutlich: Die "Wiener" wurden neben dem Orchester des Bayerischen Rundfunks Lieblingsensemble des unermüdlichen Motivators. In Deutschland setzte er sich 1987 als Gründer der internationalen Orchesterakademie des Schleswig-Holstein-Musikfestivals ein Denkmal.

Leonard Bernsteins Einfluss als Dirigent wirkt für Georg Wübbolt ganz aktuell nach: "Als Beispiel fällt mir der polnische Dirigent Krzystof Urbanski ein, dessen 'Sacre du Printemps' ich letztes Jahr gesehen/gehört habe: großartig!"

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    Regie: Georg Wübbolt;
    Darsteller: Leonard Bernstein, Gustavo Dudamel, Kent Nagano, Marin Alsop

    DVD; C Major
    25,13 Euro.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
LJA 29.05.2016
1. Klingt nach
einer weiteren Heiligsprechnung des Mannes. Dabei sind seine Passion für und seine Verdienste um die Musik natürlich unbestritten. Aber es gab da auch den anderen Bernstein, der es geschafft hat, mit seiner Familie fast komplett zu brechen. Den absolut intoleranten Bernstein, der seine Popularität auch zur Durchsetzung seiner politischen bzw. philosophischen Ansichten zu nutzen wusste. Der eine ganze Oper geschrieben hat, um Leibniz zu diskreditieren, weil ihm dessen Ideen nicht zusagten. Wird dieser Mensch hier auch gewürdigt ? Wir werden sehen.
elsenberg 29.05.2016
2. Ein Großer
Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als kleiner Junge die "Young People's Concerts" im Deutschen Fernsehen sah. Einige Jahre später sah ich die "Westside Story" in einem englischen Militärkino. Unvergessen sind auch seine Einspielungen der Beethoven Symphonien mit den Wiener Philharmonikern. Werde die DVD kaufen!
JaWeb 29.05.2016
3.
Schade, dass gerade im Klassik-Bereich oft so hohe Preise für CDs oder in diesem Fall DVDs verlangt werden. So gewinnt man kaum Menschen, die sich 25 Euro für eine DVD von 76 Minuten Länge nicht leisten können. Wie gesagt, schade.
io_gbg 29.05.2016
4.
Sicher, als Person "larger than life". Zur Qualität der Westside-Story würde ich übrigens auch Teile von "Candide" rechnen. Allein die spritzige Ouverture ist genial. Spaß macht es, seiner Probenarbeit zuzusehen (wie selten ist das nicht viel interessanter als Konzerte ...). Hier beim Schleswig-Holstein mit einem Orchester aus Studenten: https://www.youtube.com/watch?v=ohMSpqxIZFc Das gelegentliche Gesülze des Moderators ist zwar auf Italienisch, aber davon nicht abschrecken lassen: Der Löwenanteil besteht aus der Probenarbeit und ist untertitelt, so dass man Bernsteins Dialoge und Erklärungen auf Englisch, gelegentlich Deutsch gut verstehen kann. Interessanterweise ist seine Weise, den Sacre "sexier", "fleischiger" zu verstehen, nicht in seinen eigenen späteren Interpretationen wiederzufinden, während seine geradezu erd-erschütternde Version mit den New York Philharmonic aus den späten 1950ern stammt (vor wenigen Jahren endlich auf CD neu aufgelegt).
LJA 29.05.2016
5. Ganz
Zitat von io_gbgSicher, als Person "larger than life". Zur Qualität der Westside-Story würde ich übrigens auch Teile von "Candide" rechnen. Allein die spritzige Ouverture ist genial. Spaß macht es, seiner Probenarbeit zuzusehen (wie selten ist das nicht viel interessanter als Konzerte ...). Hier beim Schleswig-Holstein mit einem Orchester aus Studenten: https://www.youtube.com/watch?v=ohMSpqxIZFc Das gelegentliche Gesülze des Moderators ist zwar auf Italienisch, aber davon nicht abschrecken lassen: Der Löwenanteil besteht aus der Probenarbeit und ist untertitelt, so dass man Bernsteins Dialoge und Erklärungen auf Englisch, gelegentlich Deutsch gut verstehen kann. Interessanterweise ist seine Weise, den Sacre "sexier", "fleischiger" zu verstehen, nicht in seinen eigenen späteren Interpretationen wiederzufinden, während seine geradezu erd-erschütternde Version mit den New York Philharmonic aus den späten 1950ern stammt (vor wenigen Jahren endlich auf CD neu aufgelegt).
zweifellos. Mit dieser Ouverture gelang Bernstein eine grandiose Symbiose von Musikstilen des 19. und des 20. Jahrhunderts. Trotzdem sollte man sich die Anschaffung der Gesamtaufnahme gut überlegen. Das Stück als solches ist im Stile einer Buffo-Oper des frühen 18. Jahrhunderts gehalten. Mit endlosen Solo-Arien und Rezitativen. Nur etwas für Liebhaber dieses besonderen Stiles. Bernsteins Eröffnungsrede zeigt dann auch wieder die schon genannten negativen Aspekte seines Wesens.
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