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14. Januar 2011, 10:04 Uhr

Lindenberg-Musical

Alles unterm Udo-Hut

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Deutschland, einig Udo-Land? Das Lindenberg-Musical in Berlin ist ein musikalisch nicht ganz überzeugender Comic zur deutsch-deutschen Geschichte - der aber durchaus Laune machen kann. Um Udo Lindenberg geht es darin weniger, dafür spielt die "Bild"-Zeitung eine verdächtig wichtige Rolle.

Der Vorhang hat sich noch nicht gehoben, da fließen schon die ersten Tränen. Gerade hat Udo Lindenberg persönlich zum Publikum gesprochen, vom Tonband zwar nur, man solle doch die Mobiltelefone ausschalten, keine Tonbandaufnahmen machen, und auch kein "Knipsefix", keine Fotos, übersetzt er - aber immerhin: den ersten Udo-Wortwitz des Abends hätten wir geschafft. Dann: Schwarzweiße Doku-Aufnahmen aus der Zeit, als Deutschland noch geteilt war. Ja, so war das damals, die Dame aus der Reihe weiter hinten ist ganz gerührt: "Wir Ostler haben da andere Gefühle", klärt sie ihre Nachbarin auf.

"Hinterm Horizont", das Udo-Lindenberg-Musical im Theater am Potsdamer Platz in Berlin, Premiere eigentlich geplant für November 2010, aber dann verschoben auf Januar 2011. Das Vorbild der Hauptfigur war zunächst angeblich nicht zufrieden mit dem Gesang. Mal sehen.

Die Story basiert auf Episoden aus dem realen Lindenberg-Leben, insbesondere auf seinen Erlebnissen mit und in der DDR. Fürs Musical hat sie Thomas Brussig in Dialoge gefasst - mit lustigen Darstellungen des Realsozialismus kennt der sich aus: "Sonnenallee" ist von ihm, "Helden wie wir" auch.

Aber bevor abgetaucht werden kann in die irre Udo-Zeit mit Sonderzug und Gitarren statt Knarren, muss noch schnell eine Rahmenhandlung her, und die geht so: Wir befinden uns in einer heutigen Zeitungsredaktion. Kachelmann-Scherz, Boris-Becker-Besenkammer-Scherz, iPad-Scherz, Aktualität! Junge Journalistin recherchiert zu einem alten Foto: Wer ist die junge Frau, die Udo L. in Ost-Berlin am Tag seines Auftritts im Volkspalast im Oktober 1983 geküsst hat? Schnell gefunden: eine gewisse Jessy, heute (in der gealterten Version gespielt und gesungen von Anika Mauer) unglücklich verheiratet und Mutter eines rebellischen Sohnes, damals (in der jungen Version gespielt und gesungen von Josephin Busch) zwar bei der FDJ, dabei aber doch sehr systemkritisch.

Jessy erinnert sich, die Geschichte ihrer Romanze mit Lindenberg (Serkan Kaya) wird in Rückblenden erzählt. Da tanzen FDJ-Mädchen im Minirock zu "Boogie-Woogie-Mädchen", Elmar, der freiheitsliebende Bruder Jessys, springt zu "Ich bin ein Rocker" übers Sofa im heimischen Plattenbau-Wohnzimmer, uniformierte Stasi-Offiziere singen "Straßen-Fieber", in "Moskau" steigt eine Liebesnacht und "Hinterm Horizont" geht's dann auch noch weiter: insgesamt 26 Lindenberg-Songs werden getanzt und gesungen, manche davon nur angespielt, alle irgendwie in die Handlung verwoben, bis es dann zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung kommt und auch zur Familienzusammenführung von Udo, Jessy und einem lange geheimgehaltenen Udo-Jessy-Sohn.

Nuscheln und torkeln wie das Original

Man ahnt schnell, warum so lange geprobt werden musste: Zwar rockt die Liveband ordentlich ab hinter und manchmal auch auf der Bühne, doch der jungen Jessy-Darstellerin Busch bleibt dabei öfter mal die Luft weg - jedenfalls in der für diesen Artikel besuchten Vorpremiere. Etwas besser ergeht es da zwar dem Lindenberg-Imitat Kaya, aber dem wird ja auch nicht viel mehr abverlangt als möglichst so vernuschelt zu singen wie das Original und dabei authentisch zu torkeln. Die kleinen, vielleicht der Aufregung geschuldeten Schwächen machen aber wenig aus, denn wie bei Lindenbergs Songs geht es hier in Wahrheit nicht um hohe Musikalität, sondern um die Einstellung.

Und da kann die Truppe durchweg überzeugen: Mit großer Spielfreude und höchst sympathisch geht das gesamte Ensemble zur Sache, die so tatsächlich eine runde wird, wenn man sich denn darauf einlassen mag. Lindenbergs Wortwitz ist so legendär wie mittlerweile abgegriffen, aber in diesem Kontext und mit der richtigen Laune kann man die in die Dialoge eingebauten Versatzstücke aus seinen Songtexten durchaus noch mal witzig finden: die "Olga von der Wolga" oder die "bodenlose Lodenhose", in welcher, was sonst, "die Hoden" hängen, und zwar "lose". Nun ja, das muss einfach sein, ist ja schließlich ein Lindenberg-Musical.

Bedauernswert hässliche Wesen aus der Vergangenheit

Bemerkenswert sind jedoch insbesondere: Der Schauspieler Thomas Schumann, der als Jessys Vater und in zwei weiteren Nebenrollen hoch präsent ist. Dazu der eigentlich als Synchronsprecher und Dialogautor ("Die Zwei") legendäre Rainer Brandt, der den trotteligen Stasi-Minister mit perfektem Timing auf die Bühne bringt. Außerdem Kim Duddy, verantwortlich für die stets stimmige und oft witzige Choreografie. Und schließlich die Kostümbildnerin Ilse Welter. Sie hat den Darstellern so erschreckend authentische DDR-Klamotten und Frisuren verpasst, dass man glaubt, diese bedauernswert hässlichen Wesen seien gerade erst einem zeitreisenden Trabi entstiegen.

Ein wenig penetrant schiebt sich hingegen die "Bild"-Zeitung auf die Bühne. Schon Wochen vor der Premiere des Musicals machte sie mit ganzen Artikelserien Werbung für "Hinterm Horizont", dennoch ist es etwas überraschend, dass die mutmaßliche Medienpartnerschaft sogar so weit geht, ihr gleich mehrere Auftritte ins Skript zu schreiben. Der jüngst von dem Blatt auf der Titelseite veröffentlichte "Karriereplan" Lindenbergs, vor langen Jahren auf eine papierne Tischunterlage gekritzelt, wird auch im Musical groß eingeblendet, mit besonderem Zoom auf die Notiz, "Bild geschmeidig" - das soll wohl bedeuten, Udo L. habe von Anfang an in bester Freundschaft mit dem Boulevardblatt gelebt.

Der Panikpräsident erinnerte sich anders

In Lindenbergs Autobiografie "Panikpräsident" ist vom Wohlwollen des Springer-Verlags für den Rocker noch nichts zu lesen. Im Kapitel über den (im Musical zentralen und gefeierten) Auftritt im Palast der Republik schreibt Lindenberg über das Presseecho zu seinem DDR-Engagement: "'Die Welt' giftet: 'Marketing eines gefallenen Friedensengels. Der Popclown als Hiwi der Waffen SS 20. 'Bild' titelt: 'Udo Lindenberg: Zugpferd vor Ostberliner Propagandakarren'". Den historischen "Karriereplan" habe Lindenberg kürzlich noch ergänzt, schreibt "Bild" nun. Man kann sich gut vorstellen, um welche Passage.

Wenn Udo Lindenberg also im Interview sagt, man habe "großen Wert darauf gelegt, nicht nur Trallala und nicht nur Hits, sondern eine echte Geschichte zu erzählen, wie es wirklich war", und der RBB von diesem Musical als einer "realen Geschichte" berichtet, dann muss, bevor das Bühnenwerk bald offiziell als historische Darstellung der deutsch-deutschen Historie gilt, doch noch angemerkt werden, dass das von Lindenberg verehrte reale "Mädchen aus Ost-Berlin" nach seiner eigenen Darstellung nicht blond, sondern schwarzhaarig war, und auch keine systemkritische Rebellin, sondern eine überzeugte Kommunistin, die dann doch lieber einen NVA-Offizier geheiratet hat als zu ihm rüberzumachen. Unwahrscheinlich auch, dass ihr die Bösewichter von der Stasi in den schwangeren Bauch geboxt haben, um sie zur Stasi-Mitarbeit zu zwingen - so wie im Musical.

Spätestens jedoch, wenn im Musical die Mauer fällt und Hajo Friedrichs' historische "Tagesthemen"-Sendung eingeblendet wird, wenn Ampelmännchen über die Bühne laufen und Sandmännchen aus beiden Teilen Deutschlands zueinander finden, wenn im Publikum allseits Tränen fließen der Erinnerung und der Rührung, wenn alten Fernsehbildern applaudiert wird und dem Udo-Darsteller, der sagt: "Jetzt brauchen wir nur noch die Reste der Mauer in unseren Köpfen wegzukloppen" - dann ist klar: Um Udo Lindenberg geht es sowieso nicht im Udo-Lindenberg-Musical. Es geht um Deutschland Ost und Deutschland West und Deutschland einig Vaterland.

Und ums Gefühl. Auch wenn es nicht ganz so gewesen ist.

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