Popstar Lizzo Priesterin der Selbstliebe

Wenn der Hintern Einzelapplaus bekommt: Die US-Musikerin Lizzo ist die Königin der Selbstermächtigung, aber auch musikalisch furios. Beim Konzert in Berlin stellte sie selbst Beyoncé in den Schatten.

Lizzo beim Auftritt in Berlin: Heute ziert ihr Körper das "Vogue"-Cover
Frank Hoensch/ Getty Images

Lizzo beim Auftritt in Berlin: Heute ziert ihr Körper das "Vogue"-Cover

Von Laura Ewert


Wer am Donnerstag in Berlin erzählte, am Abend würde ein Konzert von Lizzo stattfinden, der konnte darauf schon mal folgende Nachfrage erhalten: "Ah, die dicke Rapperin, oder?" Und nicht alles ist falsch an dieser Beschreibung der 31-jährigen US-Musikerin. Schließlich rappt sie. Und bezeichnet sich selbst auch als dick, auch, damit andere ihr nicht zuvorkommen, und das Attribut als Beleidigung anhängen. Nur: Wer Lizzos Shows besucht hat, dem wird zwar unbedingt ihr Hintern, nicht aber ihre Kleidergröße in vorderster Erinnerung bleiben, denn Lizzo, das ist nicht die dicke Rapperin. Lizzo ist die singende Reise-Priesterin der Selbstliebe.

"I'm crying 'cause I love you" schmettert sie von ihrer Kanzel in der Columbiahalle, in einer kurz geratenen Glitzer-Gospel-Robe: ein Bekenntnis zu Gefühlen für das Gegenüber. Sogleich aber kühlt sie sich mit einem Fächer runter und verkündet ihr erstes Mantra des Abends: "I am my inspiration. I am free". Lizzo entledigt sich ihres Überwurfs, erhält dafür Jubel und einige Insta-Stories, tanzt in einem kupferglitzernden Show-Badeanzug mit DJ und Tänzerinnen vor ihrem Chor, der heute aus ihrem Publikum besteht und klatscht sich genüsslich auf den Hintern. Lizzo fühlt sich. Und das möchte das Publikum auch.

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Musikerin Lizzo: Sie kann alles erreichen

Denn Lizzo zu hören (lesen Sie hier eine Rezension zu ihrer aktuellen Platte) ist ein Statement. Sie ist mit ihren Äußerungen zu Body Positivity - also der Idee, auch Körper schön zu finden, die bisher nicht dafür genutzt werden, um uns Joghurts und Schamhaarrasierer zu verkaufen - zur Selbstermächtigungskönigin geworden. In frühen Interviews spricht sie über Unsicherheiten bezüglich ihrer Haare und ihres Körpers, doch heute ziert dieser Körper den Titel der britischen "Vogue".

Dass sie nicht Kleidergröße 42 trägt und trotzdem eine der wichtigsten Künstlerinnen dieses Jahres ist, samt Chartplatzierungen und kraftstrotzendem Auftritt vor einem Riesenarsch bei den MTV Europe Music Awards, versetzt ihre Fans in wahre Empowerment-Euphorie. Einerseits kann man anmerken: Was ist das für eine Welt, in der es schon eine besondere Erzählung ist, dass jemand, der sich nicht allumfassend optimiert hat, Erfolg haben kann?

Andererseits erleben die Fans Lizzo eben anders: Lizzo habe in 90 Minuten mehr für sie getan als die GroKo in anderthalb Jahren, schrieb die Autorin Giulia Becker beim Kurznachrichtendienst Twitter, nachdem sie zuvor ihre Show in Köln besucht hatte. Bei der dürfte Lizzo ähnliche Motivationsreden gehalten und furios getwerkt haben.

Eine Stimme, die über die übliche R'n'B-Weichheit hinausreicht

Das Publikum, das bei der Pop-Party der Selbstliebe den Dancefloor füllt ist selbstverständlich divers: Alte Leute, sehr junge Leute, Menschen, die bei ihrem Start-up-Arbeitgeber natürlich die All-Gender-Toilette benutzen sind da und folgen Lizzos Ausführungen zu Bitches, Fuckboys und - wenn man das richtig verstanden hat - Kartoffelpuffern. Sie singen die Emanzipationshymne "It's my party and I cry if I want to" mit, schwenken die Handytaschenlampen für fulminant vorgetragene Lizzo-Balladen. Poppen, bouncen, kreischen zu den Pop-Produktionen, sind erstaunlich textsicher, nicht nur beim Hit "Truth Hurts".

Sie jubeln für Berlin, buhen gegen München, wo die Musikerin am nächsten Tag auftreten wird. Nur einen Takt zu klatschen, der vom Viervierteltakt abweicht, fällt dem Publikum etwas schwer. Lizzo singt derweil mit einer Stimme, die weit über die übliche R'n'B-Weichheit hinausreicht. Die mehr beeindruckt als ihre Rapskills, die ihr bei Liveauftritten oft etwas Verwaschenes geben. Wobei: Auch das macht nix, denn sie zünden trotzdem.

Gen Ende lässt sie dann noch mal die Pobacken wackeln, ihr Hintern ist der zweite Star des Abends, er bekommt sogar Einzelapplaus. Sie intoniert den Anfang von Beethovens 5. Sinfonie mit dem Wort "Bitch", zieht sich eine Hose mit der Aufschrift "Good as hell!" über und setzt zu ihrer wichtigsten Rede des Abends an: Man könne die Welt retten, wenn man zuerst sich selbst retten würde, sagt sie. Man müsse sich selbst lieben, um auch die anderen merkwürdigen Menschen zu lieben. "Schaut in den Spiegel", fordert sie auf "und sagt zu euch selbst": "I love you, you are beautiful, you can do anything!"

Das Publikum spricht das Mantra laut mit: Du kannst alles erreichen. Eine Behauptung, die nicht erst seit Lizzo die Popmusik überschreibt. Auch wenn sie leider nie so richtig stimmt, bei Lizzo kann man das kurz vergessen. Denn die Königin der Selbstliebe trägt sie überzeugender vor als alle anderen. Und das nicht, weil sie dick ist, sondern weil sie gut ist. Aber dabei nicht so streberhaft perfekt wie zum Beispiel Beyoncé. Sondern sich selbst fühlt in ihrer Musik.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Thomas Magnum 15.11.2019
1.
Der Artikel widert mich an. Wie wäre es, sich weniger herablassend zu äußern? Und nein, nicht witzig, und nicht angemessen.
blueberryhh 15.11.2019
2.
wenn die Musik schon nix taugt, wenigstens wird ein "Statement" abgegeben. Das zählt ja heutzutage mehr als alles andere ...
Thomas Magnum 15.11.2019
3.
Genau deshalb ist der Artikel bescheuert. Die Musik ist keineswegs schlecht, die Frau hat eine gute Stimme und beherrscht ihr Metier. Statt das anzuerkennen, wird jedoch über ihre Körpermaße hergezogen und das in regelrecht ehrabschneidender Weise. Und ganz nebenher, wenn sich ihre Fans und Zuhörer dank ihrer Selbstakzeptanz besser fühlen (einfach mal die Kommentare zu ihren Videos auf YouTube durchlesen!), dann ist das was Gutes und braucht nicht von der Autorin in den Dreck gezogen werden. Dieser Artikel ist ein Fall fürs Fremdschämen.
Papazaca 16.11.2019
4. Verstanden: DICK, PO, DICK, PO. Sonst noch was?
Gut die Sängerin ist dick. Sie spricht darüber. (Übrigens, über 50% unserer Bevölkerung ist übergewichtig, das Thema wird aber eher tabuisiert). Die Kritikerin des Konzertes spricht auch darüber. Eigentlich spricht sie nur darüber. Und immer wieder. Zu mindestens bleibt das bei mir hängen. War sonst noch was? Muß nochmal alles lesen, vielleicht habe ich ja was übersehen.
ambulans 16.11.2019
5. hi voodoo man,
Zitat von PapazacaGut die Sängerin ist dick. Sie spricht darüber. (Übrigens, über 50% unserer Bevölkerung ist übergewichtig, das Thema wird aber eher tabuisiert). Die Kritikerin des Konzertes spricht auch darüber. Eigentlich spricht sie nur darüber. Und immer wieder. Zu mindestens bleibt das bei mir hängen. War sonst noch was? Muß nochmal alles lesen, vielleicht habe ich ja was übersehen.
hab eben gerade mal nachgeschaut und einen interessanten auftritt (ca. eine viertelstunde) gefunden: sommer '19, tiny desk-reihe, lizzo mit einer kleinen band. ihre >musikalische präsenz füllt den raum, die stimme mehr als genug für diese kleine hütte, die texte sind manchmal ein bisschen explizit und die band macht einen guten job. sehens- und hörenswert ... mfg, dr. ambulans (alle kassen)
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