Album der Woche mit Lou Reed Das Ungeheuer mal ganz urig

Frühe Demo-Aufnahmen zeigen den späteren Rock-Avantgardisten Lou Reed als daddelnden Folk-Sänger: »Words and Music, May 1965« ist unser Album der Woche. Und: Neues von Blackpink, Die Sterne, Schwesta Ewa.
Musiker Lou Reed, 1966 in New York

Musiker Lou Reed, 1966 in New York

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Adam Ritchie / Redferns / Getty Images

Album der Woche:

Lou Reed – »Words and Music, May 1965«

Demo-Archive verstorbener Musiker zu erforschen, das kann ja auch gleichbedeutend mit dem Öffnen der Pandora-Box sein: Allzu leicht könnte das honorige Popidol durch die Offenbarung früher Albernheiten oder Dilettantismen vom Sockel rutschen. Die posthume Veröffentlichung der Amateuraufnahmen des späteren Velvet-Underground-Musikers und Rock-Avantgardisten Lou Reed hat zum Glück wenig Peinliches zu bieten. Aber vielleicht ist das bei einem der zu Lebzeiten unter Kritikern wegen notorischer Arroganz und Griesgrämigkeit meistgefürchteten Stars auch ein bisschen schade, denn es wäre im Nachhinein ganz heilsam, den Perfektionisten Reed einmal kolossal an etwas scheitern zu hören.

Stattdessen, und das ist gar nicht minder kathartisch, erlebt man auf »Words and Music, May 1965« das öffentliche Ungeheuer Lou Reed oft als sympathisch daddelnden Jungspund, der über spürbar viel Talent verfügt, aber noch nicht die richtige Form, das passende Gefäß dafür gefunden hat. Das von seiner Witwe Laurie Anderson und dem US-Label Light in the Attic liebevoll kuratierte und gestaltete Archivalbum, das erste in einer geplanten Reihe, zeigt Reed als experimentellen Folksänger. Einige seiner späteren Songmonumente, darunter »Heroin«, hat er jedoch bereits fest im Griff.

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Anfang 1965 hauste der auf Long Island aufgewachsene Reed zusammen mit dem gerade frisch aus Wales eingereisten Bratschenspieler John Cale in einem Apartment an Manhattans Lower East Side. Der 23-Jährige hatte schon auf dem College begonnen, Musik zu machen und Songs zu schreiben und verdingte sich als Haus-Songwriter für das Poplabel Pickwick Records. Zusammen mit Cale formte er kurzzeitig die Band The Primitives, die mit dem parodistischen Novelty-Song »The Ostrich« einen Szenehit hatte. Reeds musikalische Karriere hätte zu diesem Zeitpunkt auch in ganz andere Richtungen gehen können, er nannte einmal den Jazzsaxofonisten Ornette Coleman als eines seiner größten Vorbilder. Doch die musikalischen Zeichen standen im New York der frühen Sechzigerjahre eher auf der Folkmusik, die Bob Dylan und Joan Baez im Village spielten, davon blieben auch Reed und Cale nicht unbeeinflusst. Das fertige Tape schickte Reed an seine alte Heimatadresse, eine damals gängige Praxis der Rechtesicherung, poor man’s copyright genannt, wo der Umschlag dann rund 50 Jahre ungeöffnet, zuletzt in Obhut seiner Schwester, überdauerte. Zu Anfang jeder knisternden Aufnahme spricht Reed den Songtitel und die Formel »Words and Music by Lou Reed« auf.

Anders als das Originaltape, das inzwischen ein Museumsstück ist, beginnt das Album hier mit einer von zwei Versionen des Velvet-Underground-Klassikers »I’m Waiting For The Man«, noch nicht im späteren, abstrakten Stakkatogetriebe, sondern in einem ruralen Talking-Blues, der mehr dem Text entspricht, in dem es ja um ein Landei geht, das in der großen City nach Drogen sucht. Die andere Demoversion des Songs spielt eher mit der Doo-Wop-Stilistik, mit der sich Reed bei Pickwick beschäftigte. Bei »Men of Good Fortune«, 1973 gründlich transformiert auf »Berlin« veröffentlicht, ist Reed im kompetenten Dylan-Modus, allerdings war sein aus der Perspektive einer Frau geschriebener Text für damalige Verhältnisse radikal originell. Dann folgt »Heroin«, sparsam auf der Gitarre gezupft, aber in all seiner Junkie-Tristesse bereits ausformuliert und von Reed mit einer Vorahnung seiner späteren, stählernen Lakonie vorgetragen. »Pale Blue Eyes« hingegen lässt in dieser traditionellen Folkie-Form noch viel von der sinistren Trägheit der späteren Velvet-Underground-Version vermissen.

Umso mehr Spaß machen die ungestümen Experimente, in denen Reed sich in den Trends jener Zeit ausprobiert und sich schon merklich von ihnen absetzt, indem er eine eigene Sprache, seinen später unverwechselbaren, stoischen Gesangsstil sucht, seinen Willen, Harmonie und Lieblichkeit mit Sarkasmus und abgründigen Erzählungen zu kontern. »Too Late« könnte auch ein launiges Studio-Gimmick der Beatles sein, der hinreißend überkandidelte »Buttercup Song«, komplett mit Hillbilly-Geheul und der ohnehin inflationär eingesetzten Mundharmonika, ist pures Vaudeville-Theater, infiziert von frühem Psychedelic-Rock.

Zum Schluss gibt es noch Fragmente, die aus anderen Demos stammen, darunter eine schöne, allerdings auch sehr brave Fingerpicking-Version von Dylans »Don’t Think Twice, It’s All Right« und ein Cover des frommen Highwaymen-Schlagers »Michael, Row The Boat Ashore«, bei der man den Zyniker und Zweifler Reed tatsächlich mehrfach »Hallelujah« säuseln hört, ganz unironisch.

Wie gut für die Rockhistorie, dass sich der damals schon mit Fluxus-Philosophie und Drones experimentierende John Cale eher durch Orignale wie »Heroin« beeindruckt und schließlich veranlasst sah, mit dem jungen, wilden Freak, der damals gerade noch Gitarre spielen lernte, eine Avantgardeband zu gründen. Die trieb den Sechzigerjahren alsbald die Folkseligkeit und andere Traditionen aus. Aber das ist bekanntlich Rockhistorie, die nun durch die Veröffentlichung der Reed-Demos um ein aufschlussreiches – und auch sehr unterhaltsames – Kapitel reicher ist. (ohne Wertung)

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Kurz abgehört:

Blackpink – »Born Pink«

Die spannende Frage ist nicht, wie erfolgreich Blackpink mit ihrem sechsten Album in fünf Jahren werden (sehr erfolgreich), sondern wie lange sie sich noch den Zwängen der südkoreanischen Popindustrie unterwerfen – oder ob sie sich zugunsten von Soloprojekten auflösen. Der Vertrag der Rekorde brechenden Girlgroup mit dem marktdominanten Label YG Entertainment läuft jedenfalls 2023 aus, denkbar wäre, dass sich die in den USA seit einem Coachella-Auftritt von 2019 immens populäre Band nach Übersee absetzt und von Langzeit-Sounddesigner Teddy Park emanzipiert. Features mit internationalen Stars und Produzenten, die hier auffällig fehlen, wären interessant – und würden das K-Pop-Genre aus seiner manchmal allzu engen Bubble befreien. Die kompakten, zumeist glitzerglatten, größtenteils auf Englisch gesungenen 25 Minuten von »Born Pink« bieten genügend Ansätze und globales Pop-Potenzial dafür: In der mit UK-Grime spielenden Single »Shut Down« wird sogar ein Violinenmotiv von Klassik-Rebell Paganini verwendet, im Text wagen sich die ansonsten eher keuschen K-Pop-Girls mit »Whip it, whip it«-Ansagen auf keckes Empowerment-Terrain: Wer die schwarz-pinke Erfolgsära für beendet erklärt, bekommt die Beats-Peitsche zu spüren oder wird mit dem »Rat-tat-tat-tat«-Refrains aus dem giftigen Battle-Track »Pink Venom« niedergemäht. »Yeah Yeah Yeah« zeigt, dass sie auch das Synthiepop-Revival aus den Achtzigern kompetent verinnerlicht haben. »I Say ›Fuck it‹ when I feel it«, heißt es, an imaginären Gefängnisgittern ratternd, im schön verschleppten R&B-Track »Tally«. Ausbruch aus der Puppenstube. (7.0)

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Die Sterne – »Hallo Euphoria«

Weil die Band die Referenz mit ihrer gelungenen und schön tristen Blumfeld-Hommage »Gleich hinter Krefeld« es ja selbst anbietet: Sie hätte ihr 13. Album auch »Testament der Ratlosigkeit« nennen können statt so Sponti-ironisch »Hallo Euphoria«. Die Sterne haben sich nach der personellen Neugestaltung durch Sänger und Texter Frank Spilker komfortabel zwischen domestiziertem Funk, Easy Listening und Krautrock eingerichtet, man könnte es Diskurspop für Erwachsene nennen. Mit dem Alter verflüchtigt sich aber auch die Wut und lässt Raum für viel Einerseits-andererseits-Melancholie, böswillig könnte man es auch ein Vakuum nennen, aber es funkelt noch im Sterne-Kosmos: Spilker benennt die Übel unserer Gegenwart – Klimawandel, Kapitalismus – durchaus prägnant und lässt die Band sogar auf den altgedienten Clash-Groove von »The Magnificent Seven« aufsatteln, um mit »Die Welt wird knusprig« eine effektive Öko-Doomsday-Hymne für seine Alterskohorte zu liefern. Über ähnlichen Mahndruck verfügt auch »Die Kinder brauchen Platz«, die eigentlich bitterböse Konsumismus-Anklage »Niemand kommt unschuldig raus« verläppert jedoch trotz aufrüttelnder Noise-Intermezzi in behäbigem Element-of-Crime-Geschunkel. Spilker, der traditionell hüftlockerste Intellektuelle der sogenannten Hamburger Schule, weiß: »Prätentiöse Pseudo-Lyrik bringt uns nicht die Revolution«, ahnt in der lässigen Durchdringung der alltäglich-widersprüchlichen »Ping Pong«-Dialektik die eigene Irrelevanz (»Nur weil ich hier irgendwas skandiere, muss es das noch lange nicht geben«) und konstatiert im schönen, ungewohnt elegischen Schluss-Chanson »Wir wissen nichts«. Stimmt natürlich. Und so weiß man am Ende leider auch nicht, ob »Hallo Euphoria« nun eine gute Platte ist – oder in ihrer ästhetischen Spiegelung des großen, allgemeinen Haderns und Zauderns schlicht egal. »Es ist ein bisschen traurig / Und es ist auch gemein«, singt Spilker an einer Stelle. So sieht’s aus. Und die Revolution? Müssen halt die Jüngeren machen. (7.5)

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Eliza – »A Sky Without Stars«

Es gibt im britischen R&B wohl gerade kein effizienteres Duo als Sängerin Eliza Sophie Caird und ihren langjährigen Produzenten und Programmierer Finlay »Phairo« Robson. Zumindest muss man nach dem Hören von »A Sky Without Stars« zu diesem Schluss kommen: Das zweite Album von Eliza nach der emanzipatorischen Abkehr vom Major-Plattenvertrag und ihrem fabrizierten, unbequemen Pop-Alter-Ego Eliza Doolittle ist ein Meisterwerk der Reduktion. Die 34-Jährige singt schlafwandlerisch, aber mit viel Intensität Sinnliches und durchaus Komplexes über Lichtverschmutzung, Naturverlust und mutwillig einsame weibliche Drifterinnen unter sternenlosen, nächtlichen Großstadthimmeln. Dazu zirpen manchmal leise Streicher, werden behutsam Gitarren gezupft, tuten Moog-Synthesizer wie ferne Industriesirenen; die treibenden, letztlich bezwingenden Kräfte dieses Trip-Hop-Souls sind jedoch die sparsamen, skelettierten, aber schneidend klar in den Vordergrund gemischten Breakbeats und Bassrhythmen, die Elizas aufreizend honigartigen Flow vor dem Erstarren bewahren und ihn zu einer in diesem Genre zurzeit einzigartig minimalistischen Musik formen, die süchtig nach den magischen, existenziell klärenden Stunden vor der nächsten Dämmerung macht. (8.5)

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Schwesta Ewa – »Awanta«

Lange dachte man, die ehemalige Zuhälterin Ewa Malanda trage ihre Karriere als Rapperin nur als Accessoire zur Schau, ihr reales Leben schien jedenfalls immer aufregender als ihre Reime. Nach überstandener Haft (wegen Körperverletzung und Steuerhinterziehung), Enthüllungsbuch und eigener RTL-Doku müsste sich Schwesta Ewa nun eigentlich noch weniger Mühe geben, der Voyeurismus der Medien und ihrer Insta-Follower, wenn sie wieder leichtbekleidet posiert, ist der 38-Jährigen aus Frankfurt ohnehin sicher. Umso erfreulicher, dass ihr viertes Album »Awanta« ihr bisher bestes und überzeugendstes geworden ist.

Ewa gibt in der ersten Hälfte kompetenter denn je die vom Leben gehärtete Gangsterchefin des Deutschraps, die mehr Eier hat als männliche Kollegen – und auf Pop-Appeal pfeift (»Lass mal die Harmonien, ich bin nicht Cardi B.«). Beats und Verse sitzen gut, produziert wurde erneut von Kumpel und Labelboss Xatar, Gäste wie Bausa erhöhen den Genre-Marktwert. In der zweiten Hälfte bekommt »Awanta« dann verblüffende Tiefe, wenn Ewa ihre Seifenoper mit Balladen wie »190 Tage« und »Keine Hilfe« vertont, in dem auch ihre zweijährige Tochter Aaliyah zu Wort kommt, die nun angeblich nach Sex und Crime zu ihrem Lebensinhalt geworden ist: Original Mother statt OG. Ob man ausgerechnet Ewa die geläuterte Rolle als #Metoo-Solischwester in charttauglichen Stücken wie »Nein heißt nein« oder »Die Schwester die du niemals hattest« abnehmen möchte, das muss jede(r) für sich selbst entscheiden. Der immer noch um Kredit kämpfende weibliche Deutschrap kann sich in jedem Fall über eine so selbstsicher auf dem Thron sitzende Queen Bitch freuen. (7.3)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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Die Wiedergabe wurde unterbrochen.