Lou Reed Poetischer Dealer

Onkel Lou kennt das Mittelchen gegen tiefsitzende Paranoia: Sein puristischer Rock 'n' Roll triumphiert auch auf dem neuen Album "Ecstasy".

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Lou Reed auf "Ecstasy"
WEA

Lou Reed auf "Ecstasy"

"To play possum" bedeutet im Anglo-Amerikanischen ungefähr soviel wie Toter-Mann-spielen, wenn Gefahr im Verzug ist. Abgeleitet wurde die drollige Redewendung von den Opossums aus der Gattung der Beutelratten. Mehr als 18 Minuten nimmt sich der Rockpoet Lou Reed auf seinem neuen Album "Ecstasy" Zeit, um mitzuteilen, wie oft er sich einfach nur "Like A Possum" fühlt: leblos, feige und passiv.

Die Musik, die er zu dieser Ode an die Agonie entworfen hat, wabert mit sägenden Gitarren und monotoner Akkordfolge und erinnert entfernt an die drogenschwere Paranoia seines 1982er-Albums "The Blue Mask". Doch bleibt dies der einzige, ob seiner Schwere und Länge etwas irritierende Ausflug in die Vergangenheit. Die restlichen 60 Minuten von "Ecstasy" präsentieren einen Lou Reed, der sich in Erzählfreude und Ideenreichtum seinem besten Solo-Album "New York" annähert. So intim wie in "Modern Dance", "Tatters" oder "Mad" erlebte man den als schwierig geltenden "Onkel Lou" lange nicht mehr. In den Texten geht es um die üblichen Themen: Beziehungskriege, schleichenden Wahnsinn, Hoffnung, Verzweiflung oder die ewige Sehnsucht nach dem perfekten Moment. Aber da Reed nicht 58 Jahre alt geworden ist, ohne ein paar Dinge über das Leben zu lernen, weiß er natürlich, dass man Momente, so schön sie auch sein mögen, nicht festhalten kann. Das Unheil, sei es das Chaos in New York City oder die verwinkelten Gräben eines Beziehungslabyrinths, lauert bereits hinter der nächsten Biegung.

Wohl deshalb heißt gleich der erste Song des Albums "Paranoia Key Of E". Denn selbst in der Ekstase sitzt immer ein kleiner Stachel der Beklemmung - Zynismus à la Reed. Was nicht bedeutet, dass mal wieder nur lakonisch-ironisch herumgeunkt wird. Ekstase bedeutet für den ehemaligen Sänger und Gitarristen der Avantgarde-Band Velvet Underground vor allem eins: firlefanzloser Rock 'n' Roll. Über die minimalistischen Gitarrenriffs wird beobachtet und philosophiert, gelegentlich auch schwadroniert. Doch das verzeiht man dem notorischen Sonnenbrillen- und Lederjackenträger Reed gerne angesichts eines abwechslungsreichen Albums, das über die enorme Laufzeit von 78 Minuten hinweg kaum langweilig wird. Jegliche opossumartige Angststarre ist wie weggeblasen. Nur von Rock-Hymnen wie "Big Sky" sollte er in Zukunft lieber die Finger lassen. Sonst beklagt sich demnächst John Mellencamp über die freche Wilderei in seinem Revier.

Lou Reed, "Ecstasy" (WEA)



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