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ESC: Die queere Supergottheit

Foto: Orit Pnini/ KAN/ AFP

Madonna beim ESC Die größte Zeremonienmeisterin der Gay Culture

Von Johannes Kram
Madonna wurde für ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest verspottet. Doch dort geht es nicht um Gesangstalente, sondern um ein Lebensgefühl, um Toleranz. Das zelebrierte sie beim queeren Superbowl perfekt.

Vorab: Sie hat beim diesjährigen Eurovision Song Contest wirklich schlecht gesungen. Das kann, das muss man natürlich kritisieren. Niemand hat sie gezwungen und sie hat gutes Geld dafür bekommen. Doch wer die Güte eines Madonna-Auftritts allein daran misst, ob diese live gut singen kann, hat keine Ahnung, wer Madonna ist.

"Alle haben besser gesungen als Madonna", sagte die deutsche Punktevergeberin Barbara Schöneberger. Auch der NDR-Kommentator Peter Urban deutete in einem Radio-Interview an, man hätte sich den Auftritt ja gleich sparen können, wo doch sogar die weit abgeschlagenen deutschen Teilnehmerinnen besser bei Stimme gewesen seien.

Doch ganz abgesehen davon, dass es ganz handfeste Gründe dafür gibt, warum Madonna ausgerechnet bei diesem Auftritt Probleme mit der Stimme hatte (der Tenor Björn Casapietra erklärt auf Ruhrbarone.de , warum sie keine Töne "vergeigt" habe), zu Madonnas Kunst gehörte es nie, eine große Sängerin zu sein. Genau wie die Attraktivität des ESC entgegen Urbans Vermutung so gut wie nichts damit zu tun hat, dass hier großartige Stimmen gegeneinander antreten, geht niemand auf ein Madonna-Konzert, um eine solche zu hören. Und nochmal: Natürlich wäre es trotzdem gut gewesen, sie hätte es beim ESC gut hinbekommen!

Worum es an dem Abend eigentlich ging: Madonna ist neben ihrer singulären Bedeutung für die Pop-Geschichte vor allem eine Art queere Supergottheit. Da das auch für den ESC gilt, sollte durch ihre Performance zelebriert werden, was eigentlich gar nicht geht: zwei der großen queeren musikalischen Weltreligionen in einer heiligen Messe vereint. Und das ausgerechnet im Jahr 50 nach dem Stonewall-Aufstand, dem Beginn der modernen Homosexuellenbewegung. Dieses Jubiläumsjahr hatte Madonna in der Silvesternacht am Ort des Geschehens eingeläutet, in der New Yorker Bar Stonewall Inn mit einem Überraschungsauftritt vor nur 150 Menschen, bei dem sie "Like a Prayer" sang.

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ESC: Die queere Supergottheit

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Vor wenigen Wochen wurde Madonna in New York noch mit dem Advocate for Change Award der Gay & Lesbian Alliance Against Defamation (GLAAD) ausgezeichnet. In der Laudatio hieß es, die Sängerin "war und ist die größte Verbündete der LGBTQ-Community und wird es auch immer sein". Madonnas Songs sind auch heute noch ein gemeinsamer Nenner aller Gay-Clubs der Welt, viele Jahre waren sie der einzige.

Mit ihrer Musik und allem, was sie an Riten, Mystik und Selbstbeschwörungen darum gebaut hat, ist sie die größte Zeremonienmeisterin der Gay Culture. Und ausgerechnet ihr 30 Jahre altes "Like a Prayer", das sie im Stonewall Inn vor dem kleinstmöglichen Publikum performt hatte, sang sie dann beim ESC vor dem größtmöglichen. Der Song, der gerade für marginalisierte sexuelle Minderheiten Gospel und emanzipatorisches Glaubensbekenntnis zugleich ist, weil er die religiös erzeugte sexuelle Scham zerstört und in selbstbewusste Lust umwandelte.

Als Mensch zu erkennen gegeben

All das ist eine Wahnsinnsgeschichte in diesem historischen Jahr, jedoch nicht für den NDR, der das Spektakel für die ARD überträgt. Dieser versucht seit Langem, den traditionellen queeren und vor allem schwulen Kontext des ESC unkenntlich zu machen. Schon Peter Urbans Off-Kommentar zur Ankündigung von Conchita Wurst 2014 klang eher wie eine Entschuldigung vor dem Fernsehzuschauer. Als der Sender dann auch noch damit klarkommen musste, dass eine offen schwule Dragqueen mit Bart den Wettbewerb gewann und mit einer politischen Botschaft verband, ließ man den wichtigsten Satz des Abends ("We are unstoppable") lieber unübersetzt und unkommentiert.

Für den Contest, dessen schwuler Hintergrund sich nach Worten des Kulturwissenschaftlers Johannes Arens einst auch durch die "Geschichten von Triumph und Scheitern" auszeichnete, ist der Madonna-Auftritt jedoch gerade durch den verkorksten Gesang ein Riesengewinn. Denn ja, sie hat es vermasselt.

Doch andererseits: Dass sich die Göttin ausgerechnet beim queeren Superbowl als Mensch zu erkennen gibt, hat seine Wirkung nicht verfehlt und dem mittlerweile perfekt durchchoreografierten Eurovision Songcontest wieder die Fallhöhe gegeben, die einst seinen Reiz und sein Drama ausmachte.

In den sozialen Netzwerken wird sie dafür auch von vielen Schwulen leidenschaftlich verteidigt, wie bestraft. Und nicht wenige - so wirkt es - verzeihen ihr auch ihr öffentliches Altwerden nicht. Die Enttäuschung ist dabei verständlicherweise genau so groß wie die Solidarität.

Fast scheint es, als würde Madonna zum 50. Jahrestag der queeren Revolution nun die Unterstützung von der queeren Community zurückfordern, für die sie von dieser einmal heiliggesprochen wurde: "I close my eyes, oh God I think I'm falling /Out of the sky, I close my eyes - Heaven help me !"

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