Auftakt der Europatour Sie ist Madonna, basta!

Madonna im Käfig, Madonna an der Stange, Madonna vorm Priester: Mit einem Konzert in Köln hat die Sängerin ihre Europatour eröffnet. Offenbar hatte sie das Gefühl, etwas beweisen zu müssen.

DPA

Von , Köln


Madonna galt schon auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, man muss es leider so sagen, als miserable Schauspielerin. Damals versuchte sie sich als ernsthafte Aktrice - und wurde zum Dank mit einer Goldenen Himbeere fürs Lebenswerk ausgezeichnet.

Am Mittwochabend in Köln, nach etwa zwei Dritteln ihres Konzerts in der dortigen Arena, versuchte sich Madonna an einer ihr offenbar sehr fremden Rolle: der einer charmanten Plauderin. Sie hatte eine Art Brautstrauß ins Publikum geworfen, scherzte mit dem Fänger, einem Kevin, und sagte zu einem ihrer Tänzer: "Na, wirst du eifersüchtig, wenn ich Kevin heirate - er hat auch Ohrringe." Es war sehr peinlich zuzuhören.

Es war aber auch eine sehr bewusst künstlich eingesetzte Anspielung auf ein allzu vertrautes Ritual und passte damit sehr gut in ein Konzertprogramm, in dem kein Schritt zufällig war, keine Geste spontan, aber auch jede Choreografie und jedes Kostüm kunstgeschichtliche oder populärkulturelle Bezüge antriggerte. So ein Madonna-Konzert fordert auch seine Zuschauer heraus.

Madonna im Käfig, an der Stange, vorm Priester

Zum Beispiel schon dadurch, dass sie ihr Publikum eine Dreiviertelstunde länger als geplant auf den Showbeginn warten ließ, unterhalten nur durch einen DJ, der tapfer Dance-Klassiker spielte. Menschen machten Fotos von sich, um zu beweisen, dass sie wirklich da waren, beim Start des europäischen Teils von Madonnas Welttournee; viele hatten sich in Schale geschmissen: Das T-Shirt mit den glitzernden Teufelshörnern stammte wohl nicht aus dem offiziellen Merchandise - und das mit der Aufschrift "Bitch, I'm Sabrina" sicher auch nicht.

Aber die Anspielung war klar, und der Song "Bitch, I'm Madonna" ließ dann nach Showbeginn, zu dem Madonna in einem Käfig von der Bühnendecke aus einschwebte, nicht lange auf sich warten. Es ist der Schlüsselslogan ihres aktuellen Albums, auch wenn das eigentlich "Rebel Heart" heißt. Ganz zentraler Gedanke: Sie will ihren eigenen Sonderstatus bekräftigen.

So mussten es in den sechs Stücken der Show gleich fünf neue Songs sein (einer allerdings im Medley mit "Vogue"), dazu das ganz frühe "Burning Up". Zu sehen waren ihre Tänzer als Rittersleute, Madonna als japanische Fächertänzerin und als Sologitarristin mit Flying V, ein letztes Abendmahl, ein Stangentanz nach Kreuzzüglermanier und Madonna, die vor einem schwarzen Priester auf die Knie ging. Das hatte schon eine ziemliche Wucht.

Alte Hits, ganz neu

Doch Shows mit Kostümwechseln und vielen Requisiten haben heutzutage viele im Angebot, und die Beatmacher und Songschreiber, mit denen Madonna heute arbeitet, sind zwar State of the Art, aber sie hat sie nicht exklusiv. Deshalb hat die Sängerin erkannt, dass zu ihrer Einzigartigkeit auch die schiere Zahl an Riesenhits zählt, die sie seit den Achtzigern angehäuft hat.

Also streute sie im Verlauf der Show immer mehr von ihren Klassikern ein, angefangen mit der Ballade "True Blue" in einem Fünfzigerjahre-Tankstellen-Setting, das sich in eine Jukebox-Optik wandelte für die Disco-Hymne "Deeper & Deeper". "Nobody fucks with the Queen", dekretierte Madonna und spielte "Like a Virgin" in einer reduzierten, aber engagierten Fassung.

Überhaupt bekamen die alten Hits durch die Bank neue Arrangements: "Music" überraschte mit einem Swing-Intro, nach "La Isla Bonita" bekamen in einem Medley auch "Dress You Up" oder "Into the Groove" einen spanischen Anstrich. Und als "Material Girl" rollte Madonna ihre Tänzer eine schiefe Videoebene herunter und kam selbst hinterher - eine von vielen Übungen, die dermaßen akrobatisch kaum eine 57-Jährige noch so durchstehen kann.

Schön schrecklich

Nur "Holiday", die allererste Hitsingle, damals im Jahre 1984, wurde fast unverändert gespielt - der Sound so ansteckend wie vor 30 Jahren, das Herumhüpfen dazu aber naturgemäß nicht mehr so leichtsinnig. Es war der Song, der das Publikum (nach Veranstalterangaben wurden für die beiden Auftritte in Köln 29.000 Tickets verkauft) in die angebrochene Nacht entließ.

Dass sie Madonna ist, Bitch, das hat Madonna nachhaltig unterstrichen. Man wird in Europas Konzerthallen in den kommenden Wochen wohl kaum eine andere derart disziplinierte, abwechslungsreiche Show sehen können. Doch sie steht nur für Madonna; auf den Versuch, gesellschaftlich wirken zu wollen, verzichtet sie diesmal.

Lieber bringt sie ihre charmante Seite auf die Spitze, kokettiert mit einem muskulösen Tänzer aus dem Publikum. Schön anzusehen, aber die Dialoge, da bleibt sich Madonna treu, sind schrecklich.


Am 5.11. tritt Madonna im Rahmen ihrer "Rebel Heart"-Tour ein zweites Mal in Köln auf, am 10.11. und 11.11. steht sie in Berlin auf der Bühne, am 29.11. in Mannheim.



insgesamt 30 Beiträge
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erkelenzer 05.11.2015
1. Besenrein...
Was?! Am 5.11. direkt nochmal in Köln? Sie soll dann aber schön sauber machen, nicht dass Dave Grohl und die Foo Fighters am 6.11. auf den MakeUp-Resten ausrutschen!
tmhamacher1 05.11.2015
2. Ganz sicher nicht!
Man kann nicht glauben, dass Menschen freiwillig einen viel zu hohen Betrag für diesen durchchoreographierten Quatsch bezahlen und sich dann auch noch über die schiefen Töne der sogenannten Künstlerin erfreuen. Kult hat Qualität ersetzt! Schade!
argumentumabsurdum 05.11.2015
3. Seit Jahren überschätzt
2 Freunde von mir sind schwul; die stehen auf Madonna, aber sonst... Ich glaube der selbstinszenierte Kult um die Frau ist das Größte an ihr, überragt nur von ihrem Ego. Ach ja, die 57jährigen sind heute insgesamt fitter als noch vor 30 Jahren. Aber ich bin kein Fan und wahrscheinlich nicht sehr objektiv.
kiltbear 05.11.2015
4. Hat sie auch
etwas live gesungen, oder ist sie bloss zu Playback auf der Bühne herumgehüpft und -gestolpert? Beim vorletzten Konzert in Zürich war das so, deshalb war beim letzten das Stadion halb leer.
0815jrb 05.11.2015
5. Waren sie da?
Zitat von tmhamacher1Man kann nicht glauben, dass Menschen freiwillig einen viel zu hohen Betrag für diesen durchchoreographierten Quatsch bezahlen und sich dann auch noch über die schiefen Töne der sogenannten Künstlerin erfreuen. Kult hat Qualität ersetzt! Schade!
Ich frage mich ernsthaft wie man etwas burteilen will wenn masn es nicht sebst gesehen hat? Was gefällt ihnen denn? Die HipHop Girils von denen es hundete gibt und geben wird, die irgendwelchen "Talstshows" entstammen?
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