Madonna live in Brixton Dolce & Gabbana im Tex-Mex-Restaurant

Ein Superstar feiert sich selbst: Wer zum erlesenen Kreis der prominenten Gäste zählte oder bereit war, über 3000 Mark zu berappen, durfte Madonna in der Londoner Brixton Academy bei einer halbstündigen Selbstinszenierung betrachten.

Von Heiko Hoffmann


Luxus-Showcase: Madonna Anfang November im Roseland Ballroom, New York
REUTERS

Luxus-Showcase: Madonna Anfang November im Roseland Ballroom, New York

"Dieses Konzert ist ein Dankeschön an meine Hardcore-Fans", sagte Madonna, als sie ihr Konzert in Londons Brixton Academy ankündigte. Was eine glatte Lüge war. Immerhin mussten jene Hardcore-Fans mehr als 3000 Mark für ein Ticket bei Wohltätigkeitversteigerungen oder auf dem Schwarzmarkt bezahlen. Der Rest des Publikums in der 3500 Besucher fassenden Academy bestand aus Bekannten Madonnas, Prominenten, Plattenfirmen- und Medienmitarbeitern und einigen wenigen Glücklichen, die bei Verlosungen in Radio, Internet oder Presse eine Eintrittskarte gewannen.

Doch selbst bei diesem ausgewählten Publikum waren nicht alle gleich. "Bourgeoisie" und "Rebellen" mögen durch Musik zusammenkommen, wie Madonna auf "Music" singt. Doch die Gewinner im Parkett und die Promis auf dem Balkon blieben strikt voneinander getrennt. Zu Letzteren übrigens gehörten unter anderem die Musiker Jarvis Cocker (Pulp), Kylie Minogue, Liam Gallagher, All Saints und Mel C sowie Star-DJs wie Pete Tong und James Lavelle.

Konzerte von Stars in kleinem Rahmen sind ja längst keine Seltenheit mehr. Robbie Williams spielte dieses Jahr während der Musikmesse Popkomm auf einem Kölner Museumsdach, Paul McCartney trat im intimen Liverpooler Cavern Club auf und erst kürzlich stellten U2 ihr neues Album im exklusiven Pariser Man Ray Club vor. Doch das Luxus-Showcase von Madonna stellte all diese Veranstaltungen in den Schatten. Bereits für die Record-Release-Party für ihr neues Album "Music" vor einigen Monaten in Los Angeles wurden 4,5 Millionen Mark ausgegeben. Und auch der Auftritt in der Brixton Academy, der neben einer ähnlichen Veranstaltung im New Yorker Roseland Ballroom das einzige Konzert von Madonna in diesem Jahr darstellt, dürfte einiges gekostet haben. Als Support-Acts engagierte Madonna die Texas-Sängerin Sharleen Spiteri, den ehemaligen Verve-Frontmann Richard Ashcroft und die DJs Goldie und Liam Howlett (The Prodigy).

Die Dekoration aus mit Goldlametta behängten Plastikkakteen, Cowboyhüten, Strohballen und Holzfässern erinnerte zwar an die Innenausstattung eines Tex-Mex-Restaurants zur Weihnachtszeit, stammte aber von Dolce & Gabbana. Der Backstage-Bereich wurde auf Anweisung von Madonna mit einem roten Teppich versehen und um einen ausgestopften Zebrakopf bereichert. Passend dazu erschien auch die Diva selbst als Disco-Cowgirl mit Stetson-Hut.

Madonna-Fans: Kylie Minogue und Modedesigner Stefano Gabbana
REUTERS

Madonna-Fans: Kylie Minogue und Modedesigner Stefano Gabbana

Beim Showcase in New York hatte die 42-Jährige ein T-Shirt von Britney Spears getragen, bei den MTV Europe Awards in Stockholm eines von Kylie Minogue (während der Proben soll sie übrigens noch im All-Saints-Shirt gesehen worden sein). Doch anstatt erneut ihre Sympathie für jüngere Pop-Prinzessinnen zu bekunden, verwies Madonna diesmal auf ihren eigenen Nachwuchs. "Rocco" und "Lolo", die Namen ihre Kinder, prangten in Glitzerbuchstaben auf ihrem schwarzen Hemd. Zwischen zwei Bühnen - mit Pick-ups und weiteren Strohballen versehen - pendelte Madonna während ihres halbstündigen Sets hin und her. Mit dabei Debi Mazar und Nikki Harris, die beiden Backgroundsängerinnen aus dem "Music"-Video, vier Tänzer, zwei Keyboarder, ein Schlagzeuger, ein Bassist sowie ein komplettes Streichorchester. Letzteres spielte zur neuen Single "Don't Tell Me" auf, während der französische Produzent Mirwais Madonna auf einer Akustik-Gitarre begleitete.

Als der vor dem Song von Madonna aufgefordert wurde, doch etwas zum Publikum zu sagen, hörte sich das, was aus seinem Mund drang, nach "Ich bin müde" an. Falls dem so war, war er der Einzige an diesem Abend. Das Publikum bejubelte jeden der perfekt choreografierten Schritte von Madonna und ihren Tänzern. Egal ob sie sich auf Händen tragen ließ, sich an der Videoleinwand räkelte oder Pirouetten wie im "Beautiful Stranger"-Video drehte - die Gunst des Publikums war ihr gewiss. Besonders groß war die Begeisterung, als Madonna als einzigen älteren unter den sechs aufgeführten Songs ihren Hit "Holiday" spielte. Den absoluten Höhepunkt bildete jedoch "Music" als Abschluss-Song: Die wummernden Bässe und trockenen Beats passten perfekt zu dem Veranstaltungsort, in dem sonst Gruppen wie die Chemical Brothers oder Leftfield auftreten.

Die Zuschauer, die per Internet an dem Spektakel teilnahmen, bekamen davon allerdings nur bedingt etwas mit. Zwar verkündete Microsofts Netzdienst MSN - der die Rechte an der Übertragung ergattern konnte -, dass stolze neun Millionen Zuschauer online mit dabei waren, was den bisherigen Rekord für einen Online-Musik-Event darstellen dürfte. Doch viele User beklagten sich über mangelhafte Übertragungsraten und Server-Probleme. Ob das Publikum der Welttournee, die Madonna für nächstes Jahr angekündigt hat, wesentlich mehr mitbekommen wird, ist ebenfalls fraglich. Angenehm übersichtliche Veranstaltungsorte in der Größe der Brixton Academy werden dann sicher nicht mehr auf dem Tourplan stehen.



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