Madonna vs Beyoncé Game of Thrones

Stell dir vor, Madonna bringt eine neue Single heraus - und alle reden nur über Beyoncé: Im Mainstream-Pop ändern sich die Regeln. Und die Hoheiten.

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Schöner hätte man die Battle dieser zwei Pop-Königinnen nicht inszenieren können: Sowohl Madonna, 60, als auch Beyoncé, 37, kündigten vergangene Woche an, dass etwas passieren würde. Bei Madonna, die aus der alten Schule der Musikindustrie stammt, war klar, dass es eine neue Single geben würde - und die Ankündigung, wann ihr neues Album erscheint, das erste seit 2015. Sensationell genug.

Aber Beyoncé Knowles, von Fans auch "Queen Bey" genannt, verfügt über die Aura des Unberechenbaren: Klar war, dass am Mittwoch auf Netflix die rund zweistündige Dokumentation ihres Auftritts beim Coachella-Festival 2018 veröffentlicht würde. Aber würde es auch noch ein neues Album dazu geben? Knowles ist bekannt dafür, neue Musik einfach mal so zu "droppen", wie es neumodisch heißt, also ohne große PR-Strategie in den Markt fallen zu lassen. Und so kam es dann also gestern zu einem Showdown. Eine Siegerin wurde nicht ermittelt, aber es gibt Tendenzen.

Zunächst der Klassiker: Madonna, im 20. Jahrhundert lange unbestrittene "Queen of Pop", brachte um 18 Uhr pünktlich zum Feierabend ihren neuen Track "Medellín" heraus, der erste Song aus ihrem Album "Madame X", das am 14. Juni veröffentlicht wird. "One, two, one, two, cha cha cha", flüstert sie zu Beginn, dann setzt ein lateinamerikanisch inspirierter Shuffle-Beat ein. Gastsänger und -rapper der Single ist der kolumbianische Reggaeton-Popstar Maluma, produziert wurde das Stück von Langzeitkollaborateur Mirwais, Inspiration für viele Songs ihres Albums fand Madonna unter anderem in Portugal, wo sie zuletzt viel Zeit verbrachte.

Dem Altstar nun vorzuwerfen, sie spränge opportunistisch auf den Latin-Zug auf, der seit zwei Jahren durch die Mainstream-Charts rauscht, wäre ahistorisch: Madonnas Faible und Experimentierlust mit südamerikanisch-hispanischen Rhythmen und Stilen geht bis zu "La Isla Bonita" zurück. She's been there, she's done it all.

Dennoch haben sich hier Vorzeichen verändert: Die Nummer ist nicht der Dancefloor-Banger, den sich Fans vielleicht erhofft haben, sondern simmert eher verhalten vor sich hin - immerhin fast fünf Minuten lang. Für einen potentiellen Sommerhit vielleicht allzu flächig, trotz Mitklatsch-Appeal und einem ordentlichem Hook, der von Madonna gemeinsam mit Maluma gesungen wird.

Früher wäre es so gewesen, dass die Star-Power Madonnas dem unbekannteren Künstler Aufmerksamkeit und Ruhm versprochen hätte. Auf "Medellín" scheinen die Rollen jedoch vertauscht: Vor allem jüngere Hörer könnten auf die Idee kommen, es handele sich um einen Maluma-Track, featuring Madonna. Der Kolumbianer gehört, neben seinem Landsmann J Balvin zu den derzeit populärsten Gästen im Latin-süchtigen US-Pop. Junge Sängerinnen wie die Mexikanerin Sofia Reyes oder die Spanierin Rosalía gehören bereits zu einer neuen Generation, an der sich dann irgendwann auch Beyoncé wird messen müssen.

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Madonna und Beyoncé: Latin-Groove gegen Black History

Bis auf Weiteres aber herrscht sie zumindest über den US-amerikanischen Markt. Ein neues Studioalbum brauchte sie noch nicht einmal zu "droppen", mit "Homecoming" reichte der Live-Mitschnitt des Coachella-Auftritts, um Madonna in den US-Medien reichlich Rampenlicht zu stehlen. Tatsächlich wirkt der auch inhaltlich eher banale Track "Medellín", zu dem es gestern noch nicht einmal einen Videoclip gab (erst ab 24. April) sehr blass, gemessen an der popkulturellen Wucht, die Beyoncé mit ihrem audiovisuellen Doppelschlag aus Netflix-Film und Live-Album entfaltet.

Zumal der längst "Beychella" genannte Festivalauftritt von Knowles auch noch eine identitätspolitische Komponente besitzt, die ihn weit über ein hinreichend bombastisches Konzert mit 100 TänzerInnen, zahlreichen Gästen (u.a. J Balvin) und 125.000 Zuschauern allein vor Ort in Kalifornien hinaushebt. Mit der prominenten Teilnahme einer aus historisch schwarzen Universitäten (HBCU) rekrutierten Marching-Band wurde das Konzert auch zur sinnstiftenden Hommage an die Relevanz von Bildungseinrichtungen für Afroamerikaner.

Beyoncé selbst besuchte nie ein College, stiftete aber in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit "Homecoming" Stipendien für High-School-Absolventen im Wert von rund einer Million US-Dollar. Pop ist bei Beyoncé längst mehr als Entertainment. Sie kann eine große Party schmeißen, und die ist auch noch politisch.

So "edgy" war das bei Madonna früher oft auch. Aber heute? In "Medellín" wird sie ein bisschen nostalgisch und sehnt sich nach verlorener Jugend: "I took a pill and had a dream/ I went back to my 17 year/ Allowed myself to be naive/ To be someone I've never been", singt sie über ihren herbeifantasierten Trip nach Kolumbien.

Das politischste an dem Song bleibt jedoch ein leichtfertig hingeworfener Verweis auf die Vergangenheit der kolumbianischen Stadt als Drogenhändler-Metropole: "We built a cartel just for love". Ob "Madame X" noch mehr zu bieten hat als das?

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels behaupteten wir irrtümlicherweise, Beyoncé Knowles hätte an der Howard Universität studiert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
weblurch 18.04.2019
1. Naja
Ich glaube kaum das eine Beyonce, die durchaus eine Daseinsberechtigung hat, 2041 noch auf der Bühne steht. Zumal ich persönlich diesen Vergleich an den Haaren herbeigezogen finde.
crimadiloca 18.04.2019
2. "Shuffle Beat"
Wie kommt der Autor auf den Begriff "Shuffle Beat"? Shuffle bedeutet, dass die Unterteilung eines Beats ternär (also quasi triolisch) ist. Das ist in dem Song definitiv nicht der Fall.
ayee 18.04.2019
3. Madonna langlebiger
Madonnas 30 Jahre alte Musik hört man heute noch gerne. Ich frage mich, ob man Beyonces Musik noch 30 Jahre nach ihrem Erscheinen hören wird.
Zita 18.04.2019
4. Generationenfrage
Meine 12-jährige Tochter heute beim Musikgespräch während des Mittagessens: "Wer ist Madonna?"
vera gehlkiel 18.04.2019
5.
Ich höre, obzwar erst 77 geboren, als sie glaube ich schon Musikerin war, im Auto, wo ich meine Musik meistens höre, Debbie Harry, die eigentliche Queen aller populärmusikalischen Queens. Madonna wurde von mir immer bewundert, obwohl ihr Feminismus relativ aufgesetzt wirkt, und ihre Filmchen schon mehr mit Bill Kaulitz korrespondieren als mit kunstaffinem Artwork von Extraklasse. "Heart Of Glass" ist von so einer unkaputtbaren Direktheit und referenziellen Eleganz zugleich, dass es nicht vorkommt, auch nach vierzig Jahren nicht, dass man nach der charakteristischen Eingangssequenz jemals den genau gleichen Song nochmals hört. Allein dieser Smasher wäre ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, allerdings hatte Debbie Harry geilen Sound und grosse Lieder in jeder Preislage und Kragenweite.
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