Studie zu Musik und Gender Weniger als 15 Prozent der Singlehits in Deutschland haben Urheberinnen

Nicht nur auf den Festivalbühnen, auch in der Musikproduktion ist der Frauenanteil niedrig. Das zeigt eine Studie der MaLisa-Stiftung von Maria und Elisabeth Furtwängler. Quoten könnten helfen, sagen sie.
Immer noch Seltenheit: Frauen auf Festivalbühnen, hier Gitarristin Whitney Petty und Sängerin Molly Sides von der Band Thunderpussy

Immer noch Seltenheit: Frauen auf Festivalbühnen, hier Gitarristin Whitney Petty und Sängerin Molly Sides von der Band Thunderpussy

Foto: Mat Hayward / Getty Images

Die Klage darüber, wie unterrepräsentiert Frauen auf deutschen Festivalbühnen sind, war schon mehrmals zu hören und zu lesen gewesen; Carolin Kebekus drehte im Juni den Spieß um und organisierte in Köln ein Festival mit einem rein weiblichen Line-up . Doch die Statistik ist immer noch deutlich, wie nun eine aktuelle Studie zeigt.

Der Frauenanteil auf deutschen Festivalbühnen liegt laut einer Untersuchung der MaLisa-Stiftung zur Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche weiterhin bei weniger als 20 Prozent. Für die Studie wurden die Line-ups von mehreren Festivals unterschiedlicher Größenordnung in den Jahren 2010, 2015, 2019 und auch 2022 untersucht.

Immerhin lässt sich der Studie zufolge auf den Festivalbühnen im beobachteten Zeitraum eine leichte Steigerung des Frauenanteils beobachten. Auf den ausgewerteten Festivalbühnen standen 2010 etwa 7 Prozent Musikerinnen, 2019 waren etwas über 12 Prozent. Für das zusätzlich ausgewertete Jahr 2022 wurde mit einem Frauenanteil von 16 Prozent ein positiver Aufwärtstrend beobachtet. Gerade kleinere Festivals zeigten eine deutliche Verbesserung für den Anteil von Musikerinnen. »Von einer gerechten Verteilung sind die Zahlen aber weiterhin weit entfernt«, heißt es in der Studie deutlich.

»Meistens produzieren Männer mit Männern«

Noch eindrücklicher waren die Zahlen, die für die Verhältnisse hinter den Kulissen erhoben wurden, im Bereich des Songwriting. Die Musik in den deutschen Charts werde zu mehr als 85 Prozent von Männern komponiert, heißt es in der Studie. Im untersuchten Zeitraum habe sich sogar ein Zuwachs des Männeranteils gezeigt: In den Top 100 Single-Charts 2010 waren 86 Prozent der Urheber*innen männlich, 2019 war ihr Anteil mit 91 Prozent noch höher, hat die Auswertung ergeben.

Rein weibliche Songwritingteams haben absoluten Seltenheitswert, waren sie 2010 noch für 3,3 Prozent der Singlehits zuständig, sank der Anteil 2019 auf 0,5 Prozent. »Meistens produzieren Männer mit Männern«, lautet die Zusammenfassung der Studienautorinnen.

Elisabeth Furtwängler, die mit ihrer Mutter Maria die MaLisa Stiftung 2016 gegründet hat, sagte in einem Interview  mit der »Frankfurter Rundschau« zu den Studienergebnissen: »Die stärksten Barrieren gibt es in der Produktion.« Frauen als Sängerinnen seien akzeptiert und gewollt. »Aber die technische Seite, die Produktion etwa am Computer, der Aufbau eines Songs, die Manipulation von Klängen und Arrangements«, reklamierten Männer für sich. Elisabeth Furtwängler ist selbst Musikerin unter dem Namen Kerfor.

»Schon sehr krass«

Die Urheberrechteverwaltungsgesellschaft Gema kooperierte mit der Stiftung bei der Studie. Sie stellte unter anderem Daten zu den Mitgliedern zur Verfügung. Seit 2019 sind demnach 85 Prozent der Gema-Mitglieder männlich (2011: 86 Prozent). Mitglieder, die an mindestens einem Werk/Song beteiligt sind, sind über den betrachteten Zeitraum zu nahezu 90 Prozent männlich (2010: 88, 2015: 87, 2019: 86). Und der Blick auf die bei der Gema angemeldeten Songs zeige ein noch größeres Ungleichgewicht: Während die Anzahl der jährlich angemeldeten Songs deutlich gestiegen sei seit 2010, sei der Anteil der beteiligten Frauen von unter 9 Prozent in 2010 auf 6 Prozent in 2019 gesunken.

Beim Branchenkongress auf dem in Hamburg stattfindenden Reeperbahn-Festival soll die Studie am Donnerstag vorgestellt werden. Geplant ist unter anderem eine Podiumsdiskussion mit dem Titel »Das Ende vom Buddy Business? Wer gestaltet den Sound der Zukunft?«.

Studieninitiatorin Furtwängler findet die Ergebnisse jedenfalls »schon sehr krass«, die »extreme Schieflage« zeige sich sowohl in den Charts, bei Werkbeteiligungen gemeldeter Songs und auf Festivalbühnen. Sie glaubt: »Wenn man nicht mit Quoten als einem Teil der Lösung arbeitet, dann ändert sich auch nichts. Es würde sich so viel bewegen, wenn es für die Playlists der Sender eine 50:50-Quote gäbe.«

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