Jazzlegenden Ein Country für alte Männer

Neue Kapitel des deutschen Jazz begannen in den Sechzigern und Achtzigern, als zwei Plattenprofis ihre eigenen Labels gründeten. Die Protagonisten von damals mischen heute noch immer mit.

Luca dAgostino/ Phocus Agency

In Sachen Altersdiskriminierung kann man der Jazzszene keinen Vorwurf machen: In seiner August-Ausgabe verkündet das US-Jazz-Magazin "Down Beat", dass das von der Redaktion berufene internationale Kritiker-Gremium die Münchner Plattenfirma ECM - wieder mal - zum "Label of the Year" und ECM-Chef Manfred Eicher zum "Producer of the Year" kürte. Eicher ist 72 Jahre alt, sein Label gründete er 1969.

Für US-Musiker ist ECM oft gleichbedeutend mit deutschem Jazz, obwohl der berühmteste Künstler der Münchner Plattenfirma ein Amerikaner ist - der Pianist Keith Jarrett. Zu den bekanntesten Europäern, die das Label beherbergt, gehört der italienische Trompeter Enrico Rava. Sein neuestes Album "Wild Dance" erscheint in diesem Monat, und es ist ebenfalls eine Gratulation an Manfred Eicher wert.

Es gibt noch einen Labelchef, der im besten Rentenalter erfolgreich seine Firma betreibt: Siegfried "Siggi" Loch, Chef von ACT, wird am 6. August 75 Jahre alt und feiert sich quasi selbst mit der Fünf-CD-Box "A Life in the Spirit of Jazz". Sie enthält neben Jazz auch Einspielungen des Blues-Barden Muddy Waters und von Beat-Bands wie den Rattles. Sie wurden alle von Siegfried Loch selbst produziert. Der "Plattenboss aus Leidenschaft" (so der Titel von Lochs Autobiografie) hatte schon im internationalen Musikbusiness Karriere gemacht, als er 1988 seine eigene Firma ACT gründete und sich auf sein Lieblingsgenre Jazz konzentrierte. Inzwischen bringt ACT in Deutschland die meisten Jazzplatten heraus und gewinnt mehr Echo-Jazz-Preise als alle anderen Labels.

Neue Töne aus Wuppertal

In diesem Jahr wurde einem ECM-Künstler dieser Jazz-Echo für sein Lebenswerk verliehen: Dem 75-jährigen Eberhard Weber. Eine schöne Ehrung für den Bassisten, der seit einem Schlaganfall sein Instrument nicht mehr spielen kann und sich aufs Schreiben verlegt hat. In seinem zu Jahresanfang erschienenen Buch "Résumé" beschäftigte er sich mit der Freejazz-Szene der Sechzigerjahre. Mit der befasst sich nun - in Romanform - der Jazzschlagzeuger und Autor Dietrich Rauschtenberger, und auch er gehört zur gleichen Altersgruppe wie Weber, Loch und Eicher. "Wie wir den Freejazz erfunden haben", hat der 76-Jährige sein Buch betitelt. Rauschtenberger war als Schlagzeuger in Peter Brötzmanns erstem Trio dabei, als Avantgardisten im miefigen Wuppertal neue Töne suchten.

In Rauschtenbergers Roman dreht die Combo des Titelhelden Paul Trombeck während des Stiftungsfests eines Turnvereins durch. Statt Schmusejazz spielen die Musiker plötzlich schrille Chaos-Töne. "Es klang wie Variationen über ein schweres Eisenbahnunglück." Im Sportlerheim an der Wupper beginnt eine Orgie; ein Unwetter bricht los, Blitze entzünden den Bau. "Ein Vorhang von Bengalischem Feuer färbte den Horizont rot, und Trombeck wurde klar, dass dahinter die Zukunft begann. Es war die Geburtsstunde des Freejazz." Also Wuppertal vor New York!

Rauschtenberger beschreibt die Zeit und die Szene mit Ironie und findet treffende Vergleiche. So antwortet Trombeck einer Frau, die sagt, "dass Freejazz bei mir nur geht, wenn ich sehe, wie er gemacht wird". "Das unterscheidet den Freejazz von der Wurst, da will man das lieber nicht sehen."

Im Kontrast zu dieser Zeit steht das spannende neue Buch "Musiktraumzimmer". Dozenten der Basler Hochschule für Musik hatten vor Jahren ihre Vorstellungen für eine ideale neue Ausbildungsstätte skizziert. Architekten mit Fantasie und Mäzene mit Geld machten sie möglich. 2014 wurde auf dem Areal einer ehemaligen Maschinenfabrik im Gassengewirr der Altstadt von Basel der Jazzcampus eröffnet. Der in den historischen Kontext des Ortes passende Neubau hat Unterrichts- und Proberäume in unterschiedlichen Größen und einen verspiegelten Bewegungssaal, in dem Musiker ihr Auftrittsverhalten prüfen können; ein Aufnahme- und ein Konzertsaal verfügen über beispielhafte Akustik. Ein Klub für 150 Gäste öffnet den Campus zur Stadt.

Im "Musiktraumzimmer" wird nun der Planungs- und Bauprozess geschildert. Fotos und perspektivische Zeichnungen ergänzen Texte von Architekten. Musiker und Dozenten beschreiben den Weg der Baseler Jazzausbildung von den Anfängen 1986 bis zum heutigen Jazzcampus. Dabei wird durchaus eingestanden, "dass die Jazzschule nach wie vor nicht der einzige Weg ist, um Jazzmusikerin oder -musiker zu werden". Ein Interview des Jazzpublizisten Peter Rüedi mit dem in Basel lehrenden Star-Gitarristen Wolfgang Muthspiel läuft unter der Überschrift "Jazz kann man nicht unterrichten - also versuchen wir's!". Dem Buch zufolge verläuft der Versuch bestens, man kann das Werk daher auch als Anleitung zum Nachmachen verstehen.

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Gute Ideen für die Schule gesucht!



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palmiet 02.08.2015
1. Meine
Helden seit Jahren
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