Manic Street Preachers Er war dann mal weg

Vor 21 Jahren verschwand Richey Edwards, Gitarrist der Manic Street Preachers, spurlos. Mit "Everything Must Go" kehrten die Waliser Brit-Rocker 1996 zurück. Ein Triumph, der jetzt neu aufgelegt wurde.

Manic Street Preachers zu Beginn der Neunziger
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Manic Street Preachers zu Beginn der Neunziger


Am 1. Februar 1995 checkte Richey Edwards gegen sieben Uhr morgens aus dem Embassy-Hotel in London aus. Eigentlich hätte er an jenem Tag mit seinem Kumpel James Dean Bradfield in die USA fliegen sollen, um dort Werbung für ihre Band zu machen.

Stattdessen setzte er sich ins Auto und fuhr zu seinem Apartment in Cardiff. Danach verliert sich seine Spur. Fest steht bis heute nur, dass Edwards in den zwei Wochen vor seinem Verschwinden täglich 200 Pfund von seinem Bankkonto abgehoben hatte. Am 17. Februar 1995 fand man sein Auto verlassen in der Nähe der Severn Bridge bei Bristol, einem beliebten Ort für Menschen, die mit dem Gedanken spielen, ihrem Leben frühzeitig ein Ende zu setzen. Der Rest ist Legende. In den folgenden Jahren wurde Edwards mal in Goa, auf Lanzarote, Fuerteventura und in Tokio gesichtet. Angeblich. Offiziell für tot erklärt wurde er am 23. November 2008.

Zurück blieben, neben seiner Familie, James Dean Bradfield, Nicky Wire und Sam Moore - besser bekannt als Manic Street Preachers.

Die Musiker sind seit ihrer Schulzeit in Wales miteinander befreundet. Richey Edwards, Sohn eines Bergarbeiters, fiel früh als besonders klug auf, lehnte aber die zahlreichen ihm angebotenen Stipendien ab, weil er keine Lust hatte, sein gewohntes Umfeld zu verlassen. Als seine Freunde dann als Manic Street Preachers loslegten, war Edwards erst als Fahrer und Roadie an Bord, stieg dann aber auch als Gitarrist und Texter in die Band ein.

Zu Beginn der Neunzigerjahre wummerte Acid House in den britischen Charts und verhuschte Shoegaze-Rocker sorgten in der Musikpresse für Schlagzeilen. Die Manic Street Preachers fanden das alles entsetzlich und krakeelten, dass sie angetreten seien, um dem Rock'n'Roll wieder Wucht und Substanz zu verleihen. In Interviews zitierten sie französische Philosophen und polnische Filmemacher und galten alsbald als intellektuelle Krawallmacher. Ein Konzept, das Richey Edwards zusammen mit Nicky Wire ausgeheckt hatte. Edwards war belesen, sah blendend aus, warf sich gern in Schale und ging keiner Konfrontation aus dem Weg. Von einem Journalisten des Fachblattes "NME" mal gefragt, ob er das alles tatsächlich ernst meine, zückte Edwards eine Rasierklinge und schnitt sich "4REAL" in den Unterarm. Anschließend ging es dann direkt ins Krankenhaus, um die Verletzung zu versorgen.

Gitarrist Richey Edwards 1993
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Gitarrist Richey Edwards 1993

Als Gitarrist setzte Richey Edwards keine Maßstäbe, trotzdem war sein Einfluss auf die frühen Alben der Manic Street Preachers enorm; Er lieferte viele Songtexte, gab die Richtung und den Sound vor. Nach dem anfänglichen Medienwirbel unterzeichneten die Waliser einen Multimillionen-Plattenvertrag. Ihr Debütalbum mit dem schönen Titel "Generation Terrorists" ging dann zwar nicht 16-Millionen-Mal weg, wie die Band erwartet hatte, sorgte aber mit einem charmanten Gemisch aus Punk, Glamrock und Größenwahn für Aufsehen.

Als Meisterwerk der "Richey-Edwards-Jahre" gilt das 1994 veröffentlichte Album "The Holy Bible". Ein eindrucksvoll düsteres Werk bei dem Edwards überwiegend Regie führte. Das Finstere, dass er dort einbrachte war keine Pose. Nach der Veröffentlichung ließ sich Edwards in die Psychiatrie einweisen. Unter Depressionsschüben hatte er schon lange gelitten, hinzu kam sein Drang, sich zu verletzten. Bevorzugt drückte er brennende Zigaretten auf seinen Armen aus. Den Rockstar-Ruhm empfand er zunehmend als bedrohlich.

Kollege James Dean Bradfield räumte später ein, dass die Band Edwards' offensichtliche Probleme ausgeblendet habe. Eines Morgens war Richey dann weg. Nachdem klar war, dass er vermutlich nicht zurückkehren würde, machte die Band als Trio weiter. Richey zu ersetzen, stand nie zur Debatte. "Everything Must Go", 1996 veröffentlicht, war das vierte Album der Band und das erste ohne Edwards. Wenige trauten der Band noch eine große Zukunft zu. Auch die Musiker selbst waren verunsichert und debattierten während der Aufnahmen endlos darüber, wie es weitergehen sollte.

Die Veränderungen sind auf dem Album deutlich zu hören, obwohl noch einige von Edwards' Lyrics benutzt wurden. Der Sound wurde deutlich zum poppiger, massenkompatibler. Auch die Provokationen wurden dezenter, der Erfolg dann, wenig überraschend, umso gewaltiger. Mit "Everything Must Go" präsentierten sich die "Manics" als gewitzte, politische Britpop-Band. Das ging auf: Das Album wurde ein Multimillionen-Seller, Songs wie "A Design For Life" stürmten in die Charts.

20 Jahre nach der Veröffentlichung wird dieser Triumph nun mit einer erweiterten Neuauflage gefeiert. Die Box bietet neben dem restaurierten Original, auf CD und Vinyl, eine weitere CD mit B-Seiten, eine Konzert DVD sowie ein Buch.

Nach der Veröffentlichung von "Everything Must Go" stiegen die Manic Street Preachers in Großbritannien zu einer der Bands auf, die dort bis heute Arenen füllt. Ob das auch mit Richey Edwards geklappt hätte, darüber zerbrechen sie sich auch immer mal wieder den Kopf. Aber vielleicht sitzt Edwards tatsächlich auf Lanzarote oder in Goa - und ist froh, dem Rock-Zirkus entkommen zu sein.

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insgesamt 3 Beiträge
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Q9653 17.06.2016
1. if you tolerate this your children will be next
Ja - und nicht zu vergessen das ... melodiöse? 1998er Album "This Is My Truth Tell Me Yours". Hübsch und weissagend der 2. Song "if you tolerate this your children will be next". Es geht da wohl um das ewige Vorhandensein latend-faschistoider Strukturen und den Kampf dagegen. Ich sagma: Wenn gilt "Wer ohne Schuld, der werfe den ersten Stein" sollte man/fra stets danach streben, "sauber" zu bleiben! Der ist doch mal ein hübsches Erbe für ne einfache BritRockBand mit Hang zum BritPop :)
silberwoelfin 17.06.2016
2. oh ja
"if you tolerate this" ist immer noch einer ihrer großartigsten Songs. Wo auch immer Richey ist, vielleicht lebt er ja irgendwo noch, er bleibt unvergessen. Falls er noch lebt, geht es ihm hoffentlich gut. Die Manix sind bis heute eine meiner Lieblingsbands. Leider hierzulande kaum noch bekannt.
oil-peak-fan 18.06.2016
3. Ich kenne nicht...
...viel von den MSP, aber die EP mit dem Cover von Johnny Mandel Song "Suicide is painless" aus 1992 kann ich empfehlen.
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