Manic Street Preachers im Interview "Tony Blair hat einen Messias-Komplex"

Punk und linke Parolen: Anfang der Neunziger nannten sich die Manic Street Preachers "Generation Terrorists". Heute ist das Rebellentum der erfolgreichen Band aus Wales einem hymnischen Polit-Pop gewichen. Sänger James Dean Bradfield, 35, sprach mit SPIEGEL ONLINE über alte und neue Ideale und die Kritik an Tony Blair.


Polit-Rocker Manic Street Preachers: "Wenn Geld die Wurzeln verändert, muss man etwas zurückgeben"

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SPIEGEL ONLINE:

Herr Bradfield, die Manic Street Preachers waren seit ihrer Gründung 1991 eine Band, die sich linken Kampfgeist und Rebellion gegen die politischen Zustände in England auf die Fahnen geschrieben hat. Wogegen begehrten Sie auf, als Sie jung waren?

Bradfield: Gegen falsche Gesetze. Wir kämpften zum Beispiel für das Recht auf Versammlungsfreiheit, um einem Anliegen auch unter extremen Umständen Ausdruck zu verleihen. Ich rede hier von den Bergarbeiterstreiks in Großbritannien 1984. Damals verbot ein Gesetz den Arbeitern, sich an den Toren den Streikbrechern entgegen zu stellen. Die Versammlungsfreiheit wurde beschnitten.

SPIEGEL ONLINE: Was Sie für ein falsches Gesetz halten, empfinden andere als richtig.

Bradfield: Es existiert immer die andere Seite, das stimmt. Ein gutes Beispiel: Kürzlich gab es in London Proteste gegen das Verbot der Fuchsjagd. Ich persönlich verstehe nicht, was Menschen daran finden, mit roten Mänteln und Dudelsack einem Tier hinterher zu rennen. Theoretisch verfolgen diese Menschen aber dasselbe Ziel wie wir damals. Sie wollen ein Gesetz kippen, weil sie sich entrechtet fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die regierende Labour-Partei mit dem Fuchsjagd-Verbot noch mehr Feinde gemacht?

Bradfield: Na ja, die Befürworter behaupten, die Demokratie sei hier fehlgeleitet. Natürlich nicht. Im Manifest der Labour-Partei stand, dass sie die Fuchsjagd verbieten wird. Aber auch in Mittelengland wurde Labour gewählt. Wenn die Menschen eine Partei wählen, müssen sie vorher deren Programm lesen. Mich ärgert, wenn sich Menschen nur kleine Beispiele herauspicken und daran erklären, wie falsch die Demokratie heutzutage arbeitet. Sie arbeitet höchstens falsch, weil heutzutage nur noch 60 Prozent wählen gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was soll man dagegen tun?

Bradfield: Man sollte Wählen für alle verpflichtend machen. Aber dann wäre es leider nicht demokratisch. Mich stört die Heuchelei vieler Menschen: Sie gehen nicht wählen und werfen dann der Regierung vor, ihre Arbeit nicht zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Braucht Ihr Land ein neues Wahlsystem?

Politiker Brown, Blair: "Wir brauchen Männer, die ihre Sache besser machen, als man es selbst könnte"
AP

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Bradfield: Nein, ich glaube an das Mehrheitswahlrecht. Es hat für die Toies funktioniert - und nun arbeitet es für uns.

SPIEGEL ONLINE: Mit uns meinen Sie die Labour-Partei?

Bradfield: Ich sollte das nicht sagen, oder? Das nächste Mal wähle ich die Liberal-Demokraten. Versprochen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie gegen Tony Blair?

Bradfield: Ich bin ihm gegenüber skeptisch, denke aber, Finanzminister Gordon Brown wäre ein phantastischer Premierminister.

SPIEGEL ONLINE: Warum gerade er?

Bradfield: Er denkt über viele Probleme gründlicher nach. Brown ist ein Mann der Gegensätze: Einerseits kommt er aus einer schottischen Sozialistenfamilie, andererseits liebt er Amerika. Er stammt aus traditionellen Verhältnissen und passt sich modernen Themen an. Er ist ein Intellektueller. Zu ihm kann ich aufblicken. Wir brauchen Männer, die ihre Sache besser machen, als man es selbst könnte.

SPIEGEL ONLINE: Blair ist also nicht mehr der richtige Mann?

Bradfield: Nein, er hat einen Messias-Komplex.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Bradfield: Er hielt vor einigen Jahren eine Rede auf dem Labour-Parteitag, in der er wortwörtlich sagte, er würde Hunger, Dürre und Aids ausrotten. In dem Augenblick wusste ich, es ist vorbei. Aber ich finde trotzdem, dass Blair viele Sachen geschafft hat, von denen niemand in London mehr redet.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Bradfield: Die Dezentralisierung. Denken Sie an das Parlament in Schottland. Das ist doch phantastisch. In Wales sind wir auch auf dem besten Weg. In Nordirland hat er sich für die Kontinuität des Friedensprozesses eingesetzt. Er hat keine Angst, Zugeständnisse zu machen.

Manic Street Preachers, Sänger Bradfield, M.: "Die Lücke zwischen den Schichten ist kleiner geworden"

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SPIEGEL ONLINE: Es wäre also falsch, ihn nur an der Entscheidung für den Irak-Krieg zu beurteilen?

Bradfield: Es ist falsch, seine gesamte Regierungszeit daran zu messen. Reden wir einmal über eines der unglamourösesten Themen: die Wirtschaft. Mit Blair haben wir einen lang anhaltenden Aufschwung. Die Wirtschaft ist stabil wie selten zuvor. Den Wechsel von Boom und Niedergang gibt es derzeit gar nicht. Ich glaube nicht an den Kapitalismus, aber er funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie gemischte Gefühle, wenn Sie an den Kapitalismus denken?

Bradfield: Ja. Eines der grundlegenden Prinzipien der Sozialisten war die Selbstverwaltung unserer Ressourcen und Bodenschätze - Kohle, Öl, Wasser. Ich finde es falsch, dass sie nun einem Konglomerat aus Kanada oder auch Deutschland gehören könnten. Sie gehören uns.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch gute Seiten des Kapitalismus?

Bradfield: Die Lücke zwischen den Schichten ist kleiner geworden. Ich komme selbst aus der Arbeiterklasse. Als ich jung war, kämpfte man finanziell darum, ein Auto zu haben. Man wusste nicht, ob man die Telefonrechnung bezahlen konnte. Heute kämpft man damit, zwei Autos zu unterhalten, man fährt in den Urlaub, jeder hat ein Mobiltelefon. Menschen können zur Arbeiterklasse gehören, aber gleichzeitig viel Geld haben.

SPIEGEL ONLINE: Gehören Sie als gut verdienender Popstar noch zur Arbeiterklasse?

Bradfield: Nicht mehr, nein. Das zu behaupten wäre wahnwitzig von mir. Trotzdem verfechte ich eine höhere Versteuerung. Wenn Geld die Wurzeln verändert, muss man etwas zurückgeben. Aber glauben Sie mir: Das ist eine unpopuläre Forderung, die keinen großen Konsens findet.

Das Interview führte Ulf Lippitz



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