Prog-Rock-Sünde Marillion Ich liebe die uncoolste Band der Welt. Wie konnte das nur passieren?

Ihre Songs waren Pomp und Pathos pur, auf zehn Minuten ausgewalzt: In den Achtzigern wurde die Band Marillion groß, und ich ihr Fan. Es gibt sie noch immer, auch meine Liebe hat überlebt. Jetzt stehe ich sogar dazu.
Marillion 1984 mit Sänger Fish in der Mitte: Je länger der Song, desto profunder

Marillion 1984 mit Sänger Fish in der Mitte: Je länger der Song, desto profunder

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Fryderyk Gabowicz / picture alliance

Mit Erinnerungen ist es so eine Sache: Bei näherer Betrachtung wackeln selbst betonfest geglaubte Fundamente wie ein Kartenhaus. Ich war mir sicher, dass ich am 7. Mai 1985 zum Fan der britischen Band Marillion wurde, an meinem 15. Geburtstag. In meiner Erinnerung schenkten Tante Ulrike und Onkel Norbert mir an diesem Tag die – wie man damals sagte – Langspielplatte »Misplaced Childhood« mit der Single-Auskopplung »Kayleigh«, dem größten Marillion-Hit. Wird bis heute ausdauernd von Classic-Rock-Radiostationen der Republik gespielt.

Allerdings belegt eine Recherche: Die Platte erschien erst am 17. Juni des Jahres. Eine eingebildete Sicherheit weniger. Sicher dagegen ist: Zu welchem Anlass auch immer ich diese Platte bekam, sie entschied darüber, in welchem Rockmusik-Fanlager ich entscheidende Jahre meiner Adoleszenz verbringen sollte.

Ich liebte fortan eine Band, deren Symbolfigur ein Hofnarr war, der auf Plattencovern wahlweise Geige spielt, Rotwein trinkt oder durch ein Fenster springt. Des Weiteren zu sehen auf dem Cover von »Misplaced Childhood«: ein Junge in Uniform mit einer Elster auf dem Arm; ein Chamäleon in einem Vogelkäfig; Gewitterwolken und ein Regenbogen. Symbolischer Schwulst in buntem Airbrush. Der Türsteher, der am Eingang zum Lager der coolen Popmusik-Kenner steht, schickt einen damit natürlich sofort zurück.

Cover von »Misplaced Childhood«: Symbolischer Schwulst

Cover von »Misplaced Childhood«: Symbolischer Schwulst

Ich wusste damals allerdings nicht, dass es dieses Lager überhaupt gab. Oder besser: Ich dachte, ich wäre drin. Die Sache mit der Selbstsozialisation von Jugendlichen, also der Prozess des In-die-Welt-Kommens ohne die lästige Anleitung Erwachsener, ist ja die: Sie spielt sich in einer Blase ab, in der die Welt im Kleinen modelliert und Dingen eine Bedeutung zugeschrieben wird, die nur enge Vertraute verstehen.

Wir, die Bescheidwisser

Das ist ja das Wunderbare an jeder Form von Popkultur: Sie versetzt junge Menschen in die Lage, sich eine eigene Realität zu schaffen, eigene Leidenschaften zu entwickeln, sich ganz und gar vom Vorbild der Eltern abzusetzen. Für meine Freunde und mich sah die Welt der Achtzigerjahre so aus: Es gab die ahnungslosen Lemminge, die Radiomusik hörten, also die Bangles oder Tina Turner oder Wham! oder Samantha Fox oder gar Madonna.

Und es gab uns, die Bescheidwisser, die ganz andere rockmusikalische Welten entdeckt hatten. Welten, in denen die Länge eine Gitarrensolos und die Länge eines Songs überhaupt über die Tiefe ihrer Bedeutung entschieden. Je länger, desto profunder.

Dass das Genre des Progressive Rock von Bands wie den frühen Genesis, Yes, Jethro Tull, Pink Floyd oder King Crimson schon in den Siebzigerjahren entstanden war und damit in der Zeitmessung der Popmusik vor Äonen, erhöhte ihren Reiz nur. Weil es mehr Anreiz für die Flucht aus der als minderwertig empfundenen Musikproduktion der Gegenwart bot und dazu noch mehr Stoff für Expertenwissen. Diese Musik hörte man schließlich nicht auf der Tanzfläche, im Auto oder während der Arbeit. Man setzte sich dafür hin, hörte zu, sinnierte über ihre fraglos tiefe Bedeutung.

Marillion waren die Türöffner für diese Welt, denn sie spielten Neo-Progrock, also Rockmusik mit symphonischen Keyboard-Fanfaren, einem schwebend melodischen Gitarrensound, der an David Gilmour von Pink Floyd erinnerte (der in meiner Welt wie ein Gott verehrt wurde), abrupten Rhythmuswechseln und Texten, die umso poetischer klangen, je weniger wir verstanden. Alles an dieser Musik schien ein Geheimnis zu bergen, schien mystisch aufgeladen und auf mitreißende Weise verkünstelt.

Dass Marillion mit diesem Stil eine Todsünde beging, war mir damals nicht im Geringsten klar. Denn pop-kanonischer Konsens war, dass diese Art von Musik ausgestorben war, toter als die Dinosaurier, um die Ecke und endlich zum Schweigen gebracht von Punk und Post-Punk.

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Nie wieder sollten die Bands von verhinderten Kunststudenten, deren Gitarristen bei Konzerten auf einem Stuhl hockten oder wirrhaarige Querflötenspieler, die auf einem Bein 15-minütige Soli spielten, in der Rockmusik den Ton angeben. Rock sollte wieder sich selbst gehören, Rebellion sein, Avantgarde, Nihilismus. Und dann kamen Marillion und spielten Songs weit jenseits der Drei-Minuten-Grenze und mit genau der Theatralik und dem Bombast, der doch endgültig und für alle Zeiten überwunden geglaubt war.

Marillion – mit französischem Nasal

Warum ich damals Marillion hörte statt Siouxsie and the Banshees oder The Fall, Bands also, die mir mit ihren ganz anders gelagerten musikalischen Experimenten in den Augen so vieler cooler Kenner so viel mehr credibility verschafft hätten – ich bin mir nicht sicher. Wahrscheinlich war es zum Teil eine Frage des Milieus.

Die niederrheinische Provinz der Achtziger war nicht Hamburg oder West-Berlin. Als ich mit dem Biertrinken begann, gab es ausschließlich Alt. Wer Pils trank, wurde schräg angesehen. Weizenbier galt als exotische Spezialität. Und Marillion orientierten sich dann doch sehr viel stärker an der klassischen Rockmusik, die ich von Eltern, Onkel und aus dem Radio kannte, als die Avantgarde aus den Großstädten.

Dazu war es Mitte der Achtzigerjahre nicht so einfach, mit neuer Musik in Berührung zu kommen. Man musste zum Plattenladen gehen, dort unter den gestrengen Augen der Verkäufer sehr vorsichtig Langspielplatten auflegen und innerhalb von Minuten entscheiden, ob man das, was man über die Kopfhörer hörte, gut fand oder nicht.

Der einzige Plattenladen in meiner Heimatstadt hieß »Musik-Boutique« und führte größtenteils Musikproduktionen der Münchener Freiheit und der Klaus Lage Band. Selbst Marillion galten dort schon als Indie – eine Verkäuferin sprach den Bandnamen mit französischem Nasal am Ende aus.

Oder man musste über Musik lesen, ohne sie hören zu können. Was ich immer leidenschaftlicher tat. Bei meinem Studium diverser Musikzeitschriften geschahen gleich mehrere, teils krass widersprüchliche Dinge.

Überraschende Feindseligkeit

Ich lernte zumindest theoretisch, dass auf dem Kontinent Popmusik ganze Staaten existierten, von deren Existenz ich noch nie gehört hatte. Ich spürte, dass es das war, was ich einmal machen wollte: Über Musik und Filme und Bücher schreiben, die Dinge also, die wirklich wichtig waren. Und ich lernte, dass die Kritiker, deren Handwerk ich zunehmend interessant zu finden begann, die Band hassten, die ich liebte.

Eine verwirrende Situation für jemanden, der gerade dabei ist, sich ein Ich zu konstruieren und dazu ein anscheinend perfektes Bühnenbild aus doch zweifellos grandioser Musik kreiert. Vor meiner Bühne wurde aber nicht applaudiert, sondern ausdauernd gebuht.

Was mich überraschte, war die enorme Feindseligkeit der Kritiker. Noch 2013 schrieb ein englischer Musikjournalist im Rückblick über Marillions Debütalbum »Script For A Jester’s Tear«: »Das Resultat ist alles andere als ideal: affektiertes Hofnarr-Gehampel und mäandernder, aufgeputzter britischer Prog-Rock, dargeboten wie eine Konservendose voller Pisse, die dich am Hinterkopf trifft.«

Wer Teil einer Jugendbewegung sein will, der muss verdammt aufpassen, dass er auf der richtigen Seite steht. Entsprechend der Wichtigkeit der Kunstform Popmusik für die Schaffung einer Identität – einer eigenen wie einer kollektiven – geht es bei den Glaubenskriegen, die zwischen den Lagern wüten, höchst ideologisch zu.

Die Identitätskonstruktion, die sich dabei in den formativen Jahren herausgebildet hat, bleibt danach relativ stabil, was auch noch für einen überraschend ausgeprägten Konservatismus sorgt, sowohl aufseiten der Fans als auch auf der der Musikpresse. Was einmal als ästhetisch unakzeptabel gebrandmarkt wurde, hat wenig Chancen auf Erlösung.

Ohne Fish keinen Hunger

1988 trennten sich Marillion und ihr baumlanger Sänger Fish: zu viele Drogen, zu viel Druck, zu viel Ego. Mein bester Freund, der nebenan wohnte und ebenfalls Fan war, überbrachte mir die Nachricht kurz vor dem Mittagessen. Ich hatte keinen Hunger mehr und saß stumm zwischen meinen Eltern, die nicht recht verstanden, wie eine solche Nebensächlichkeit einen 18-Jährigen so aus der Fassung bringen konnte.

Das hätte das Ende der Band sein sollen. Aber sie hat überlebt und veröffentlichte mit ihrem Sänger Steve Hogarth, der seit 1989 dabei ist, gerade ihr 18. Studioalbum mit dem Titel »An Hour Before It’s Dark«. Trotz des Banns der britischen Musikpresse, der viele Jahre anhielt. Obwohl Plattenfirmen sie fallen ließen und Radiostationen ihre neuen Songs nicht spielten.

Die Band, hier mit Sänger Steve Hogarth, ist alt und grau geworden, aber sie hat alle Angriffe überlebt

Die Band, hier mit Sänger Steve Hogarth, ist alt und grau geworden, aber sie hat alle Angriffe überlebt

Foto: Anne-Marie Forker

Marillion wurden Pioniere im Crowdfunding, die Fans der Band finanzierten Studioaufnahmen und Tourneen vor. Frei von der Bewertung ihrer Musik ist das eine erstaunliche Karriere. Und die Musik klingt längst ganz anders als in den Achtzigerjahren. Der Hang zum Bombast ist noch da, die Songs sind teils 15 Minuten lang, aber Marillion klingen heute wie eine Mischung aus U2, den späten Talk Talk, Radiohead und Pink Floyd.

»Hätten uns einen anderen Namen geben sollen«

Im Interview mit Steve Hogarth sitzt man einem äußerst entspannten 65-Jährigen gegenüber, der belustigt davon erzählt, wie entsetzt er selbst gewesen sei, als er das Angebot bekam, für Marillion vorzusingen: »Ihr Ruf war ihnen vorausgeeilt. Ich hatte zuvor selbst in einer Post-Punk-Band gesungen und dachte sofort an diesen Hofnarren.«

Ein Freund riet ihm, den Termin trotzdem wahrzunehmen, obwohl Hogarth gerade auch das Angebot bekommen hatte, mit der damals angesagten Indie-Band The The als Keyboarder auf Tour zu gehen. Schließlich entschied er sich doch für Marillion: »Ich mochte die Jungs einfach, wir konnten über die Musik sofort miteinander kommunizieren.« Aber: »Wir hätten nicht als Marillion weitermachen, sondern uns einen anderen Namen geben sollen. Vielleicht hätten wir es dann leichter gehabt.«

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Hogarth sagt, er habe seinen Frieden damit gemacht, wie seine Karriere gelaufen ist: »Das Wichtigste ist doch, dass wir immer die Musik machen konnten, die uns vorschwebte. Ohne Kompromisse, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Und dass es Menschen gab, sie uns hören wollten.«

Heute deutet sich sogar so etwas wie ein kleines Comeback an. Marillions letztes Album »Fuck Everyone And Run (FEAR)« von 2016 schaffte es bis auf Platz vier der britischen Charts (Platz zehn in Deutschland) und wurde mit überraschend nostalgischer Warmherzigkeit besprochen. So, als dürfe man diese Band jetzt plötzlich mit offenen Armen empfangen, einfach, weil sie immer da war. Weil zumindest Elemente des Progrock auch von anderen Bands zitiert werden, etwa den hochgelobten Black Midi. Und weil der ungebrochene Trend zur Nostalgie auch Marillion zugutekommen könnte.

Das Totschweigen ist vorbei

Ich höre jetzt ja auch wieder Marillion, zumindest manchmal, nach Jahren des Fremdelns. Nach dem Entdecken all der anderen musikalischen Kontinente kamen sie mir lange vor wie die peinliche Verwandtschaft, die man am liebsten totschweigen würde. Nach Grunge, Techno, Metal und Indierock hielt ich mich jetzt schließlich auch endlich für ein Mitglied im Lager der Popkenner, und wenn sich in schwachen Stunden doch mal wieder ein Marillion-Song in meine Kopfhörer verirrte, hatte ich das Gefühl, mich mit Dinosaur Jr. oder Laurent Garnier reinwaschen zu müssen.

Das ist vorbei, und das ist auch eine Befreiung. Vielleicht hat man als in die Jahre kommender Popmusik-Konsument zwei Möglichkeiten: Man kann zum Classic-Rock-Stalinisten erstarren, der davon überzeugt ist, dass die beste Musik schon lange erschienen ist und da nichts Gutes mehr nachkommt.

Oder man kann sich des Erwachsenseins freuen und Entdeckungen machen. Manchmal findet man dabei Dinge wieder, die einen daran erinnern, wie viel Zeit vergangen ist, seitdem man sich auf diesen Weg gemacht hat. Das muss kein schlechtes Gefühl sein, im Gegenteil. Wer kann ernsthaft etwas gegen Nostalgie haben, solang sie sich nicht gegen den wachen Blick auf die Gegenwart stellt?

Ich habe mir kürzlich ein T-Shirt mit dem Marillion-Schriftzug gekauft, den ich in der Schule auf meine Schulhefte kritzelte. So viel zu der Frage, ob 50-Jährige Bandshirts tragen sollten. Noch dazu von peinlichen Bands aus ihrer Jugend.

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