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Westernhagen: "Freiheit" und Beklemmung

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Marius Müller-Westernhagen "Die Leute sind zu dumm für Demokratie geworden"

Einer der erfolgreichsten deutschen Musiker veröffentlicht ein Akustikalbum als Werkschau: Ein Gespräch mit Westernhagen über moralische Verantwortung und politischen Protest aus der falschen Richtung.
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Marius Müller-Westernhagen, 1948 in Düsseldorf geboren, ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger. Ende der Siebziger wurde er im Kino als "Theo gegen den Rest der Welt" bekannt und brachte provokante Rock-Alben wie "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" heraus. In den Neunzigern füllte er Stadien, zog sich aber 1999 von der großen Bühne zurück. Jetzt erscheint in der Reihe "MTV Unplugged" eine in der Berliner Volksbühne aufgenommene Werkschau seiner größten Hits als CD und Film (Regie: Fatih Akin).

SPIEGEL ONLINE: Herr Westernhagen, Sie veröffentlichen gerade ein Best-of-Album in der Akustikreihe "MTV Unplugged". Zu Beginn der Neunziger wurden Sie als erster deutscher Musiker schon einmal von dem Sender gefragt, lehnten aber ab. Warum?

Westernhagen: Ich hatte Angst davor und wäre viel zu nervös gewesen. Die Anfrage kam zur gleichen Zeit, als der ganze große Hype um mich entstand, womit ich schon genug zu kämpfen hatte. Ich habe ja nie geglaubt, dass ich dieses heilige Männchen bin, das alle damals in mir gesehen haben. Es ging ja schon so, dass Mütter mir ihre Kinder auf die Bühne hochreichten. Das war eine Rolle, die ich nicht ausfüllen konnte. Ich musste erst mal reflektieren: Was passiert hier eigentlich gerade mit dir?

SPIEGEL ONLINE: Und warum war ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt?

Westernhagen: Ich dachte, es könnte interessant sein. Ich habe "MTV Unplugged" sehr geliebt am Anfang, die Alben von Nirvana oder Neil Young, das waren tolle Sachen, die immer sehr intim waren. In den letzten Jahren ist die Reihe aber sehr inflationär behandelt worden. Da treten auch Leute auf, die haben gerade mal ein Album gemacht. Für mich sollte das aber eine Werkschau sein, ein Rückblick auf das, was du gemacht hast. Du hörst deinen eigenen Scheiß ja nie.

SPIEGEL ONLINE: Auch "Freiheit" ist auf dem Album, der Song, der wie wenige andere zur Hymne der deutschen Wiedervereinigung wurde. Was bedeutet es für Sie, das Lied heute wieder zu singen?

Westernhagen: Ich hielt "Freiheit" nie für einen so fantastischen Song. Ich hatte die Melodie seit Jahren und dachte immer: Was schreibst du denn bloß darauf? Die Idee zu dem Text kam mir dann bei einer Sightseeing-Fahrt durch Paris. Dabei tauchte auch ein Satz aus der Französischen Revolution auf, dass unsere Enkel auf unseren Gräbern tanzen würden. Dazu habe ich dann frei assoziiert. Der Song wurde damals auf dem Album überhaupt nicht beachtet: Nur Klavier und Gesang, sonst passierte da ja nichts. Auf den Konzerten bekam er dann eine Bedeutung, die mir erst gar nicht bewusst wurde. Songs nehmen ja immer ein Eigenleben an, und wenn du Glück hast, ist es gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden später sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wissen Sie, wo das gerade ist?

Westernhagen: Ja, das ist irgendwo im Schrank.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Auszeichnung für Ihre Texte, aber auch für Ihr soziales Engagement und gegen Rechtsextremismus bekommen. Nimmt einen so eine staatliche Ehrung besonders in die Pflicht?

Westernhagen: Ich habe mich gewundert, dass die mir so etwas geben, weil ich diesem Staat ja immer sehr kritisch gegenüberstand, weil ich ja immer gerade dieses Deutschtum kritisiert habe. Ich dachte damals, es wäre eine Bürde, ist es aber gar nicht. Ich war ja immer schon der Meinung, dass du, wenn du etwas publizierst, auch eine politische Verantwortung hast. Dass du dir überlegen musst, was du da tust.

SPIEGEL ONLINE: Das ist heute nicht mehr so?

Westernhagen: Popmusik war zu meiner Zeit Bob Dylan, das war Led Zeppelin, Jimi Hendrix, James Brown. Die kriegten heute alle keinen Plattenvertrag mehr, weil das Musik ist, die stört. Die würde heute kein Radiosender mehr spielen. Ich bin aber der Meinung, dass Kunst auch dazu da ist, zu stören. Heute ist alles nur darauf ausgelegt, Erwartungen zu erfüllen. Und das hat nichts mit einem künstlerischen Ansatz zu tun, und auch nicht mit Gesellschaftskritik. Die Leute denken auch nicht mehr in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Es gibt die politische Polarisierung zwischen Rechts und Links nicht mehr, es gibt nur noch wirtschaftliche Interessen. Man muss sich ja nur angucken, was in England mit dem Brexit oder in den USA mit Donald Trump passiert: Die Menschen sind über Jahre derart entpolitisiert worden, dass sie zu dumm für Demokratie geworden sind. Und ich glaube, dass das auch in gewissem Maße so gewollt war.

SPIEGEL ONLINE: Von wem?

Westernhagen: Von denen, die herrschen, weil dann vieles einfacher ist. Das geht jetzt sehr weit, ich weiß. Aber nehmen Sie doch allein die letzte TV-Debatte mit Trump: Das ist doch der Wahnsinn. Wie ist denn das möglich, dass so einer überhaupt Präsidentschaftskandidat ist? Da ist doch nichts!

SPIEGEL ONLINE: Von Entpolitisierung kann ja aber keine Rede sein. Die Menschen, die für Pegida auf die Straße gehen oder die AfD wählen, formulieren ja, ähnlich wie Trumps Sympathisanten in den USA, ein Unbehagen an den Verhältnissen.

Westernhagen: Ja, aber das geht leider in die falsche Richtung! Wo führt denn das hin? Es gibt da kein demokratisches Bewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich als Theo in den Filmen und in ihrer Musik jahrelang in den kleinen Mann von der Straße hineingedacht. Können Sie sich die Wut der Bürger erklären?

Westernhagen: In der Geschichte gab es immer dann Konflikte, wenn die Schere zwischen Arm und Reich zu groß wird und wenn es bei Ärmeren ans Existenzielle geht. Die werden dann wütend. Auch wenn sie es intellektuell nicht begründen können, warum. Die werden wütend, weil sie sich verscheißert fühlen, und das ist im Grunde auch richtig so. Wenn es von der linken Seite kommen würde, würde ich wahrscheinlich sogar sagen: Gar nicht schlecht. Das hat viele Jahre gefehlt.

SPIEGEL ONLINE: Vielfach sind die wirtschaftlichen Sorgen der Protestierenden mit Fremdenfeindlichkeit und Unmut gegenüber den Flüchtlingen verknüpft. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Westernhagen: Ich bin kein Merkel-Freund, wirklich nicht. Außenpolitisch hat sie Großes geleistet, aber innenpolitisch war sie genau wie Kohl, sie hat immer alles ausgesessen. In der Flüchtlingsfrage aber lag sie nicht falsch, weil Politik immer einen moralischen Überbau haben muss.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie diese Position auch schon einmal öffentlich vertreten?

Westernhagen: Ich habe vor ungefähr einem Jahr in Dresden gespielt. Meine Frau hatte damals schon gesagt: Sag nichts. Aber ich konnte die Schnauze natürlich nicht halten und habe irgendwann gesagt: Hört mal zu, hier kommen Leute her, die verlieren ihre Existenz, das sind Ärzte, das sind Ingenieure, das sind Architekten, die wollten nicht weg aus ihrer Heimat, die hatten ein gutes Leben, bis der Krieg anfing. Und dann denkt mal an unsere Geschichte, wie wir hier von einem Tag auf den anderen die Juden verjagt haben. Getötet haben. Und wir sagen, wir helfen euch nicht? Wo sind wir denn!? Die Reaktion war erst mal: Totenstille. Da war kein Jubel. Es gab sogar Pfiffe. Das fand ich erschreckend. Ich dachte, was sind denn das für Leute? Die kommen in mein Konzert und sagen nicht: Natürlich muss man den Flüchtlingen helfen, keine Frage. Da versagt's mir.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie nicht genau der Richtige, um eine künstlerische Gegenbewegung zu formieren?

Westernhagen: Da schätzen Sie meine Position stärker ein, als sie es ist. In Berlin wurde neulich ein Konzert vorbereitet, um zu sagen: Wir finden es richtig, dass die Flüchtlinge hier sind. Aber das Ganze ist gescheitert, weil der eine mit dem anderen nicht spielen wollte. Da denke ich: Worum geht's denn hier? Da geht es doch nicht um künstlerische Empfindlichkeiten, sondern einfach darum zu sagen: Hier, wir, die wir Musik machen, wir stehen hinter dieser Entscheidung! Und dann stellt man alle auf die Bühne, die gerade am erfolgreichsten sind. Da gehört dann auch Helene Fischer dazu, da kann die dann auch mal Profil zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Da hätten Sie mitgemacht?

Westernhagen: Ich stelle mich für so etwas jederzeit mit Helene Fischer auf die Bühne. Warum denn nicht? Aber wenn du so etwas machst, dann musst du es richtig machen. Dann musst du es groß machen, dass es einen richtigen Impact hat. Da findest du dann aber wieder keine Leute, die das finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen Sie es nicht selbst?

Westernhagen: Das Geld habe ich gar nicht, das kostet richtig.

SPIEGEL ONLINE: Wird denn wenigstens Ihr nächstes Album ein politisches?

Westernhagen:Ich fand meine letzte Platte "Alphatier" schon wieder sehr viel politischer. Aber bisher habe ich noch keine Zeile. Ich fahre im Winter nach Südafrika und werde schreiben. Ich glaube aber, der Einfluss von Musik ist nicht mehr gegeben.

SPIEGEL ONLINE: War das mal anders?

Westernhagen: Oh ja, so ein Konzert für Nelson Mandela, das hat damals, Ende der Achtziger, richtig was gebracht. Das würde heute niemanden mehr interessieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Westernhagen: Weil die Jugendlichen heute andere Leitbilder haben. Das sind heute eher Sportler. Erstens verdienen die besser, und zweitens sehen sie besser aus und stehen auch mehr im Rampenlicht. Es ist immer noch immens viel Talent da, es sind sicher auch junge Musiker da, die unglaublich engagiert sind, die das alles eben nicht nur für Geld machen. Aber die werden nicht im Radio gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Sie schon.

Westernhagen: Ja, vielleicht. Aber egal, was du für Platten machst, du findest beim jüngeren Publikum irgendwann kein Gehör mehr, einfach, weil du in deren Augen, nachvollziehbar, zu alt bist.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten ja wieder auf Stadiontournee gehen.

Westernhagen: Dafür war ich zu der Zeit, als ich das noch gemacht habe, viel zu unglücklich. Das macht dich zu einem paranoiden Menschen, es verändert dich auf eine ungute Weise. Ich bin froh, dass ich da den Korken rechtzeitig rausgezogen habe.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Sie gar nicht mehr in Versuchung?

Westernhagen: Macht ist sexy, das weiß ich durchaus. Als ich damals die Entscheidung traf, keine Stadionkonzerte mehr zu spielen, ging ich von der Bühne runter - 110.000 Leute in Hamburg - und mir war klar: Eine gewisse Machtposition, die du in diesem Business hast, die gibst du jetzt auf. Aber es war die richtige Entscheidung. Macht korrumpiert auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten manchmal Vorträge an der Pop-Akademie in Mannheim. Welche Ratschläge geben Sie dem Nachwuchs?

Westernhagen: Ich rede da meistens über das, was wirklich wichtig ist. Denn die Sachen, die man sich am Anfang der Karriere vorstellt, Geld, Ruhm, alle finden einen toll, die sind es nicht. Erst wenn du anfängst, dich in dem, was du erschaffst, zu erkennen. Dass du genau das sagst, was du sagen willst und ganz bei dir bist, das macht dich glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Und wo ist da die moralische Verantwortung?

Westernhagen: Natürlich machst du das alles in erster Linie für dich, sonst wäre es nicht ehrlich. Aber im tiefsten Herzen hat jeder von uns doch den Wunsch, was zu verändern, mit der Kunst ein Spiegelbild der Gesellschaft zu sein. Das beinhaltet aber immer auch die Frustration, die du hast, wenn du vor Hunderttausenden Menschen singst, und ein Publikum siehst, in dem viele verschiedene soziale Schichten, Generationen und Religionen zusammenkommen. Auf einmal ist da eine Solidarität, alle schwingen auf einem Level. Und dann gehen die raus… und am nächsten Tag hast du gar nichts geändert. Alles geht weiter wie vorher.

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