Uni oder Keller? So lernen Sie Jazz

Festivals - wie die Jazzwoche Burghausen - liefern nicht nur tollen Jazz, hier können sich auch Nachwuchsmusiker in Kursen fortbilden. Das Konzept der "Jazz Education" ist heute weltweit etabliert.

Cubus Music

Per Mail bedankte sich der Kursteilnehmer vom vergangenen Jahr. Er habe "neue Übungsideen" und "Impulse für die eigene Kreativität" erhalten. Es sei wunderbar gewesen, "Freude und Energie von Leuten zu empfangen, die man nie zuvor persönlich getroffen hat".

Zu den Leuten gehörte die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington; die Amerikanerin war die bekannteste Persönlichkeit beim Burghausener Jazz Masters Workshop 2014. In dieser Woche werden die Jazz-Studenten den Saxofonisten Kenny Garrett, den Trompeter Charles Tolliver und den Pianisten Monty Alexander kennenlernen. Denn die drei Stars spielen nicht nur mit ihren Bands auf Festival-Konzerten; sie werden ihr Wissen auch in Kursen weitergeben, die der Trompeter und Jazz-Professor Claus Reichstaller parallel zur Jazzwoche in der bayerischen Stadt organisiert.

Die zwölf Teilnehmer mussten Tonproben ihres Könnens einsenden. Es sind überwiegend Musikstudenten und aktive Musiker, denn in den Meisterkursen (Teilnahmegebühr 225 Euro) wird hohes Niveau vorausgesetzt. Unabhängig von Reichstallers Workshop während des Festivals existiert in Burghausens Mautner-Schloss seit 1972 ein Jazz-Studienzentrum. Das gründete Joe Viera. Der Münchner studierte Physik, reüssierte als Profi-Saxofonist und veranstaltete schon in den Sechzigerjahren Jazz-Seminare. "Je besser die Musiker ausgebildet sind, je besser für den Jazz", sagt der 83-jährige Urvater der Jazz-Ausbildung in Deutschland.

Viera freut sich darüber, dass heute 19 der bundesweit 24 Musikhochschulen die Studiengänge Jazz und populäre Musik auf dem Lehrplan haben; und dass das Angebot der Hochschulen durch hunderte Fort- und Weiterbildungskurse wie in Burghausen ergänzt wird. So war in diesem Monat in Berlin ein Workshop über "Improvisation, Selbstorganisation und grafische Notation" angesetzt, in Krefeld ein Drummer-Lehrgang mit dem prominenten New Yorker Schlagzeuger Adam Nussbaum und in Wuppertal ein "Vibraphone-Festival & Workshop" mit der amerikanischen Jazzgröße David Friedman. Hinweise auf Sommerkurse in Remscheid, Südfrankreich, Spanien und der Toskana finden sich in Fachblättern wie "Jazz Podium" und "Jazzthetik". Die Jazzpädagogik boomt!

Jazz-Ausbildung als Wirtschaftszweig

Dabei hatte Jazz als Genre aus dem Unterhaltungsmilieu Jazz an Konservatorien anfangs keine Chance. Mit der von Schwarzen geprägten Musik würden Sänger ihre Stimme ruinieren und Bläser ihren Ton, warnten Professoren. Doch auch viele Jazzer waren überzeugt, diese Musik könne man nicht an der Uni lernen, sondern nur im Jazz-Keller, als "learning by doing".

Anerkennung als akademisches Fach fand der Jazz erst 1973, als das amerikanische Berklee College of Music eine formelle Ausbildung anbot. Die Schule in Boston entwickelte sich bald zur bedeutendsten Kaderschmiede des Genres. Größen von Gary Burton über Pat Metheny bis zu Esperanza Spalding haben dort studiert und anschließend gelehrt. Bis heute strömen Talente aus aller Welt zum Berklee College. Einer der ersten Europäer war der Wiener Joe Zawinul. Zu den Absolventen um die Jahrtausendwende gehört der Gitarren-Aufsteiger Lionel Loueke aus dem westafrikanischen Benin.

Der Erfolg von Berklee ermutigte Universitäten und andere Institutionen, Jazz-Fakultäten aufzumachen oder Lehrgänge zu organisieren. Ein "Jazz Education Guide" im Internet listet 2271 Anbieter von Jazz-Programmen. Viele Veranstalter buhlen in Anzeigen im US-Magazin Down Beat um Studenten. Jazz-Ausbildung ist in den USA ein Wirtschaftszweig, eine "Industrie", wie die Amerikaner sagen. Ältere Musiker beklagen die "Verschulung des Jazz" - und sind froh, wenn sie als Dozenten angeheuert werden. Denn von Klub-Gigs und vom Tonträger-Verkauf können sie nicht leben.

Und was soll aus all den Jazz-Studenten werden? Der deutsche Ausbildungsveteran Viera weist daraufhin, dass es auch für klassische Musiker und Absolventen von Kunsthochschulen keine Arbeitsplatzgarantien gebe. "Ich sage meinen Studenten, was sie erwartet." Nach einem Seminar ist das zunächst ein Auftritt: In Burghausen werden die Teilnehmer des Jazz Masters Workshop am Freitag bei einem Konzert im Mautnerschloss vorführen, was sie in vier Tagen mit ihren berühmten Lehrern erarbeitet haben.


Jazzwoche Burghausen 17. - 22.3. Karten: b-jazz.com

Aktuelle Alben von prominenten Workshop-Dozenten:
Kenny Garrett: Pushing The World Away. Mack Avenue; 16 Euro.
Monty Alexander: Harlem Kingston Express 2. Motema; 13,89 Euro.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
paulroberts 15.03.2015
1. aber ja
natürlich kann man Jazz studieren.Eines Tages wird man auch Liebe oder Sex studieren können, Schemata vermitteln, sich von den Kollegen aus der BWL ein paar selbst erfundene Formeln ausleihen und die Absolventen werden so Liebe machen, wie unsere studierten Jazzer spielen: perfekt, vollkommen identisch wie ihre Kollegen, kalt, gefühllos und langweilig.
mipez 15.03.2015
2. paulroberts
Dann haben Sie noch nie jemanden nach einem musikalischem Studium spielen hören. Sie würden sich wundern wieviele Künstler genau von dort kommen. Falls Sie genau diesen Anschub brauchen um Ihr gezwungenes Denken abzuschalten: Martin Miller (Martin Wischmann).
criticos 15.03.2015
3. Zufall? Seit 1973 ist im Jazz auch nicht mehr viel passiert
Die Akademisierung hat zu endlosen Dudelein, zur Kammermusikalisierung und zur Inflation von "Standards" geführt. Technisch alles super, musikalisch oft trivial. Im Konzert gehts noch gerade so, obwohl einem klar ist, dass die Musiker davon nicht leben können. Den Livemitschnitt kann man sich dann kaum noch anhören. Die weltweit erste akademische Jazzausbildung hat es übrigens in Frankfurt am Main gegeben, lange bevor "Racemusic" in den USA kommerziell erfolgreich wurde.
Sam_Dicamillo 15.03.2015
4. Authenticjazzman
an criticos, sie haben gesagt : "Zur Inflation von Standards geführt", eine skurille aussage. Was haben sie gegen Cole Porter, oder George Gershwin, oder Jerome Kern, oder Johnny Mercer, oder Harold Arlen. Es ist klar dass die Deutschen keine Beziehung zu dem "Great Amerikanischen Songbook" haben, aber Jazz, ob es den Deutschen passt oder nicht, besteht nun mal aus Improvisieren über "Standards", basta.
Sam_Dicamillo 15.03.2015
5. Authenticjazzman
reifes, "Melodisches" Improvisierung, kann man nicht "lehren". Auf den Unis kann man aber solide Harmonische Kenntisse bekommen, was auch seinen Wert hat.
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