Matthew Herbert Der politische Tanzlehrer

Er hat vier Pseudonyme und noch mehr Musikstile. Matthew Herbert, das Chamäleon der elektronischen Musik, bringt Geräusche zum Tanzen.

Von Holger In't Veld


Bumm! Matthew Herbert klopft auf den Tisch. "Eine Gitarre ist nicht mehr als über Holz gespannte Drähte", doziert er. "Es gibt keinen Grund, warum dieser Stuhl und dieser Tisch nicht auch Instrumente sind." Für ihn sind sie es längst. Das Öffnen einer Cola-Dose, ein Wasserkocher in Betrieb, Stein, Plastik, Holz - das ist Herberts Orchester. "Ich versuche, keinerlei bereits existente Sounds zu verwenden" sagt der waschechte Avantgardist. Gleichzeitig ist der 28-jährige Engländer ein DJ, der jedes Wochenende viele Menschen zum Tanzen bringt. Oder vielmehr: sie zum Tanzen erzieht. "Ich habe viel aufgelegt, und mit der Zeit kannst du 'I-tse-I-tse' nicht mehr hören. Also habe ich es mal mit 'I-dr-frk-tse-ka' versucht - und es geht. Wenn du vor tausend Leuten stehst, findest du sehr schnell heraus, was funktioniert und was nicht."

Avantgardist Herbert: "Niemand hört nur eine Art Musik"

Avantgardist Herbert: "Niemand hört nur eine Art Musik"

Herbert, ein kleinwüchsiger Mann mit hoher Stirn, spricht ruhig und besonnen. Mit dem gängigen Klischee eines Dance-Produzenten hat er nichts gemein. Ein einziges Mal hat er versucht, Tanzmusik für die breite Masse herzustellen. Das war zu Beginn seiner Karriere, und er wollte Geld für Geräte zusammenbekommen. Doch der Plan ging nicht auf: Das kommerzielle Stück kostete mehr, als es einbrachte. "Das", so sagt er, "war die beste Lektion überhaupt." Seitdem widmet er sich konsequent und kompromisslos seiner Sound- und Strukturforschung. Und kam zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass es für den höchst experimentellen Ansatz, aus Umweltgeräuschen Rhythmen zu erstellen, genug Publikum gibt, um ihn überleben zu lassen.

Eine Viertelmillion Platten hat er in den letzten fünf Jahren verkauft. Dabei macht er es den Fans durch eine Vielzahl von Pseudonymen doppelt schwer. Ist die Musik warm und freundlich, dann schreibt er seinen Nachnamen drauf. Wenn sie hüpft und knarzt und splittert, so heißen die Künstler Wishmountain, Radioboy oder Doctor Rockit. "Niemand hört nur eine Art von Musik" erklärt er seine zahlreichen Alter Egos. "Ich sehe nicht ein, warum ich nicht unterschiedliche Musik machen kann." Die Namen sind sein Weg, Musik an diverse Zielgruppen zu verkaufen. So findet man seine Produkte sowohl unter House und Techno, wie auch in den Experimental- und Jazz-Sektionen der Plattenläden - eine Tatsache, die ihn in der auf Eindeutigkeit und Funktionalität ausgerichteten Dance-Szene zusätzlich zum Paradiesvogel macht. "Meine Sachen" stellt er diesbezüglich klar, "haben nichts mit der sogenannten Club-Kultur zu tun. Die Medien, vor allem die englischen, haben sich darauf versteift, die Intelligenz aus Dance zu entfernen. Als wären alle tanzenden Menschen blöd, als wollten sie ausschließlich abschalten."

Herbert trauert der Techno-Frühzeit nach, als "die Musik noch Teil einer politischen Idee war. Jetzt ist es eine große kommerzielle Maschinerie. Überall Zigarettenfirmen mit ihren dreckigen Anzeigen auf den Tickets." Nicht nur musikalisch ist der Künstler ein Idealist. In den Grußworten seiner Veröffentlichungen wie auch auf seiner Internet-Site empfiehlt er politische Bücher und träumt davon, "dass all der Enthusiasmus, all die Ideen zusammenkommen und wirklich etwas bewirken. Dass keine Waffen mehr verkauft werden. Dass keine 'McDonald's' und 'Starbucks' mehr die Welt gleichmachen." Die erste Gruppe von Leuten hat er dafür schon zusammen. Auf seiner neuesten CD, der ersten unter seinem bürgerlichen Namen, sind all seine Pseudonyme versammelt und tanzen im DJ-Mix. Das Ergebnis heißt "Let's All Make Mistakes", denn "die aufregendsten Dinge passieren zwischen Magie und Unfall. Das ist es, wonach ich im Leben suche."



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