Maurice Steger Der Zauberflöter

Maurice Steger bläst die Blockflöte virtuos wie kaum ein anderer. Dass sein jüngstes Album dennoch keine Techno-Show wurde, liegt auch an dem exquisiten Repertoire.

Molina Visuals

Zum unaufhaltsamen Wiederaufstieg der Blockflöte in die Premiere League der internationalen Solisteninstrumente trugen vor sehr vielen Jahren Frans Brüggen (1934-2014) und in jüngster Zeit Dorothee Oberlinger bei. Dass die einst gern belächelte kleine, hölzerne Schwester der edlen Querflöte in hohem Ansehen bleibt, geht auf das Konto so sympathischer Virtuosen wie Maurice Steger.

Der Schweizer Holzbläser vollzieht auch den wichtigen zweiten Schritt nach dem Nachweis des technischen Könnens: Er entwickelt ein profiliertes Repertoire, das neben aller Artistik auch musikalisch überzeugt.

"Souvenirs d'Italie" (harmonia mundi) heißt seine jüngste CD, und sie vereint neben bekannteren Komponisten wie Giovanni Battista Sammartini (1700-1775) und Johann Adolph Hasse (1699-1783) auch Konzerte und Sonaten von Domenico Sarri (1679-1744) oder Giovanni Piani (1678-1759), alles mehr oder minder typische Vertreter der bis heute attraktiven neapolitanischen Musikkultur.

Zwischen Früh- und Hochbarock dominierte in Europa der leichte italienische Stil, dessen Verbindung zwischen melodischer Finesse und technischem Anspruch an den Solisten der Musik ihren klanglichen Sex-Appeal verleiht. Ohrwurmqualität meets zirzensische Virtuosität.

Musikalischer Sex-Appeal

Österreichische Politik leistete Anschubhilfe für die CD: Um 1728 schickte der Habsburger Kaiser Karl VI. seinen Adjutanten Raimund Graf Harrach als Statthalter nach Neapel, und der beschäftigte sich neben der Politik auch ausführlich mit Schriften und Kultur. Zu den Zeugnissen italienischer Kunst, die Harrach am Ende seiner Dienstzeit nach Österreich mitbrachte, gehörten auch zahlreiche Notenpakete. Von diesen "Souvenirs" zeugt Maurice Stegers Album.

Schon im dritten Satz (Allegro assai) von Sammartinis "Concerto per flautino" stockt dem Hörer beinahe der Atem bei Stegers Staccato der Flötentöne, die mit penibler Trennschärfe artikuliert werden und dank Stegers souveräner Atemtechnik übermütig fließen. Woher nimmt der Mann die Luft? Dass seine Mitmusiker - fünfzehn insgesamt auf dieser Produktion - ähnlich agieren, treibt die Faszination auf die Spitze.

Wie ein Speedboot auf dem Meer

Noch einen Gang hoch schalten seine Maurice Steger und seine Musiker dann in den gerade mal zweieinhalb Minuten des Start-Allegros von Hasses "Cantata per flauto", die eine ähnliche Technik wie bei Sammartini hören lässt, allerdings fast noch mehr rasende Fahrt aufnimmt. Wie ein Speedboot auf dem Tyrrhenischen Meer: schnell, wendig und schlank. Im äußerst knappen Adagio darf einmal durchgeatmet werden, bevor es wieder rasenden Schluss-Allegro ins Ziel geht.

Wie wunderbar man die Melodiebögen abtönen und farbig gestalten kann, zeigt Steger bei der kleinen dreistimmigen "Ciaconna" von Antonio Caldara (1671-1736), bei der Gitarre, Violine und Cembalo als akkordische Grundierung einfühlsam unterstützen. Wie sich solche lupenreine Technik auch in tieferen Lagen entfaltet, demonstriert Maurice Steger in der tosenden viersätzigen "Sonata" von Nicola Fiorenza (1700-1764), die sich nach einem melancholischen Largo-Intro zu übermütiger Freude und reinem Jubel aufschwingt.

Erfolgreich auch als Dirigent

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:51 Uhr
Ohne Gewähr

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Maurice Steger
Souvenirs d'Italie (Sammartini, Hasse, Caldara, Vinci, u.a.)

Label:
STEGER, MAURICE
Preis:
EUR 12,43

Maurice Steger, 1971 in Winterthur geboren, gehört dank fleißiger Konzerttätigkeit als Solist und Dirigent inzwischen zu den erfolgreichsten Künstlern, nicht nur der Alten Musik. Seine Interpretationen maßgeblicher Werke der Barockmusik gelten als Referenzdarstellungen, ebenso markant wirkt seine leitende Tätigkeit bei Ensembles wie dem Zürcher Kammerorchester, dem English Consort auf Originalinstrumenten oder auch klassischen Symphonieorchestern in Europa und Asien.

Seine Ausbildung als Dirigent erhielt Maurice Steger unter anderen bei Marcus Creed in Stuttgart. Außer der Barockmusik widmet er sich auch zeitgenössischen Komponisten und wurde neben vielen anderen Auszeichnungen bereits mit dem BBC Music Award, dem Preis des britischen Fachmagazins Gramophone und dem Echo Klassik 2015 als Instrumentalist des Jahres ausgezeichnet.



insgesamt 4 Beiträge
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Knossos 25.12.2016
1. Die Blockflöte
gehörte in meiner Schulzeit noch zum 'Standard-Folterinstrument' and Schulen. Einschließlich eines Musiklehrers der den kommandierenden Lehrstil der Nazizeit noch nicht abgelegt hatte. Da galt es mit galoppierndem Puls einzeln vorzutreten und die Hausaufgaben vorzuflöten. Es verleidete einem die Lust auf systematischen Musikunterricht und ließ einen, wenn überhaupt eher als musikalischen Analphabeten und Improviseur zurück. Da war später fortgeschrittene Didaktik in der Oberstufe doch inspiriender, in der Stücke von Dylan und co. analysiert werden durften. Aber hauptsächlich sei zweierlei angemerkt. Dieses Instrument gilt ähnlich der Triangel als puppenleicht, doch erinnere ich mich, wie schwierig es ist, damit gleichmäßigen Ton zu erzeugen, und sich nicht zu überschlagen. Des Weiteren, nimmt es sich wohltuend aus, zu sehen, daß es Musikredaktuere gibt, deren Antenne und Kompetenz über die Einfinger-Genres der vergangenen Dekaden aus Synthesizer und Sampler hinausgehen.
melville59 25.12.2016
2. Außerdem...
... gibt es noch ein paar andere Protagonisten der Blockflöten-Renaissance: die Dänin Michala Petri und das Amsteram Loeki Stardust Quartet. Äußerst hörenswert!
stauner 25.12.2016
3.
Es gibt wenig Instrumente, die so geichmäßig von Klassik und Pop verachtet werden, wie die Blockflöte. Ein wahrer Underdog der Instrumente, ähnlich wie die Ukulele bei den Saiten-Instrumenten. Wenn Steger dieses Instrument spielt, ist man verblüfft, das stimmt. Seine Spielfreude macht Spaß, seine Technik ist wahrhaft atemberaubend. Ein E-Gitarren-Fan nickte nach einem Video von ihm als ich sagte "guck, das is der Steve Vai der Blockflöte". Respekt! Der Kerl ist fast zu schade um nur in der Klassik-Ecke zu flöten, muss ich jetzt mal hinterherwitzeln...
seeheldin 25.12.2016
4.
Als Kind/Jugendliche/junge Frau habe ich lange diverse Blockflöten gespielt. Es erfordert sehr viel Übung, um wenigstens halbwegs gut zu werden. Man sollte dieses Instrument wirklich nicht unterschätzen.
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