Abgehört - neue Musik Houston, wir hatten da ein Rap-Problem...

- aber es hat sich erledigt: dank des furiosen Debüts von Megan Thee Stallion. Außerdem: die verführerische Stubenhockerin Faye Webster, Pop-Stratege Andreas Spechtl und Wild-Beasts-Sänger Hayden Thorpe.

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Megan Thee Stallion - "Fever"
(300 Entertainment, seit 24. Mai)

Megan Thee Stallion ist eine Rapperin, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Zumindest, wenn man jenen Hip-Hop-Puristen glaubt, die sich gefühlt seit 1996 darüber echauffieren, dass die Rap-Kultur tot sei. Weil Leute wie etwa Young Thug erfolgreich sind, ohne jemals ein Battle auf dem lokalen Supermarkt-Parkplatz gewonnen zu haben.

Bei Megan Pete, wie die 24-jährige bürgerlich heißt, muss man sich über solche Eckdaten keine Sorgen machen. Denn schon auf ihren beiden Debüt-EPs "Make It Hot" und "Tina Snow" zeichnete sie sich durch etwas eigentlich längst als überkommen Abgeheftetes aus: Skills. Hip-Hop klang bei ihr noch ein wenig nach Kraftsport, wo man erst mal jedes Gewicht gestemmt haben muss, um mit den big cats plauschen zu dürfen.

Irgendwie logisch also, dass Petes Debüt "Fever" nun so wirkt, als würde sie nacheinander in 14 Muckibuden trainieren, um alle Anwesenden zu deklassieren. Dabei räumt sie mögliche Nachfragen gleich zu Beginn aus dem Weg: "I keep it realer than real/ Fuck all the critics and fuck how they feel", rappt sie in "Realer". Ganz frei übersetzt: Wer Probleme hat, kann mich gerne draußen treffen.

Davon sollte es nach 14 Tracks nicht mehr allzu viele geben. Denn Pete rappt sich durch die 40 Minuten Musik wie ein Maschinengewehr im Schnellfeuermodus. Dabei gelingt ihr quasi nebenbei etwas, an dem vor ihr viele scheiterten: Der reichen Hip-Hop-Historie ihrer Heimatstadt Houston, Texas ein Update zu verpassen.

Denn gleich im zweiten Track "Hood Rat Shit" erkennt man die in reichlich Lean und Hennessey getränkten Südstaaten-Beats von den Geto Boys, den Underground Kings, Scarface oder anderen Lokalhelden. Pete verbindet diesen Rap-Weltkulturerbe-Sound allerdings mit einer unapologetischen weiblichen Selbstsicherheit - musikalisch wie textlich. Etwa in "Pimpin'", in dem Pete den Männern Tipps im richtigen Umgang mit Rektum und Vagina gibt. Während "Cash Shit" (feat. Da Baby) den Macho-Rapper zum männlichen Äquivalent der klassischen Background-Sängerin degradiert.

Sie wolle die erste Frau sein, die Houston-Rap ihren Stempel aufdrückt, sagte Pete kürzlich in einem Interview. Die Chancen dafür stehen nach "Fever" nicht schlecht. Dreckiger, wilder und gleichzeitig sicherer klang in diesem Jahr nämlich noch niemand - ob Mann oder Frau.

Und das ist letztlich die beste Nachricht auf "Fever". Das Album ist in allen denkbaren Hip-Hop-Kategorien derart wasserdicht, dass der abgehangene Dualismus von männlichem und weiblichem Rap, mit dem sich etwa Cardi B oder Nicki Minaj noch herumschlagen müssen, hier endgültig nicht mehr greift. Noch Fragen? Klären wir dann draußen. (8.7) Dennis Pohl

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Fever [Explicit]

Label:
300 Entertainment
Preis:
EUR 10,99

Faye Webster - "Atlanta Millionaires Club"
(Secretly Canadian / Cargo, seit 24. Mai)

Wenn sogar schon die eigenen Tränen nicht mehr heiß sind, sondern laue Raumtemperatur haben, dann ist es wirklich schlimm mit dem Liebeskummer. So schlimm, dass man kurz davor sein könnte, sich dann doch mal wieder zusammenzureißen. "Looks like I've been crying again over the same thing", konstatiert Faye Webster zu Beginn ihres zweiten Albums - und fragt sich gleich im nächsten Satz, ob überhaupt schon mal jemand wegen ihr geweint haben mag. Awwww!

"Room Temperature" heißt der zugehörige Song, der vielleicht noch am ehesten an Websters Debüt von 2017 anknüpft: Eine Steel Guitar säuselt traurig zum Unter-der-Decke-Selbstgespräch der 21-Jährigen Songwriterin aus Atlanta, das sie mit süßlich-seufzender Mädchenstimme führt. Doch der Rhythmus ist beschwingt, ein Hauch von Hawaii mischt sich ins Country-Feeling: "I should get out more", nimmt sich Webster im Refrain vor. Aber noch zaghaft. Kann ja auch kuschelig und behaglich sein in der eigenen Melancholie vor sich hin zu dämmern.

Aus dieser Spannung, kurz davor zu sein, sich einen Ruck zu geben, schöpft "Atlanta Millionaires Club" eine hinreißende Spannung. Die Steel-Gitarre geistert noch zwei weitere Songs durch den Anfang des Albums, doch schon mit "Pigeon" übernimmt ein belebender, Bass pumpender Soul-Sound, der auf Websters obsessive Beschäftigung mit Neunzigerjahre-R&B-Ikone Aaliyah zurückgeht. In "Jonny", einem ihrer besten Songs bisher, kommt diese neue Rolle als Croonerin vollends zum Tragen. Mit einem luxuriösen, sich majestätisch wiegenden Souljazz-Sirup versüßt sie die Abrechnung mit einem Lover, der es noch nicht mal nötig hat, die eingefleischte Stubenhockerin in Atlanta zu besuchen, wie sie später, in "Come To Atlanta" offenbart.

Andreas Borcholtes Playlist KW 22
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1. Mavis Staples: Heavy On My Mind

 2. Faye Webster: Jonny

 3. Hayden Thorpe: Stop Motion

 4. Marika Hackman: I’m Not Where You Are

 5. Clairo: Bags

 6. Bedouine: Echo Park

 7. Bill Callahan: The Ballad Of The Hulk

 8. Earth: Descending Belladonna

 9. Rozi Plain: Swing Shut

10. Flying Lotus: Black Balloons Reprise feat. Denzel Curry

In der zweiten Hälfte des Albums haben sinnliche Orgel-Licks und Saxophon-Kicks längst die Regie übernommen, das erinnert auf sehr angenehme Weise an den nährstoffreichen, ultimativ beglückenden Südstaaten-Sud, den Matthew E. White im Nachbarstaat Virginia seinen Spacebomb-Produktionen verordnet wie etwa den Debüt-Alben von Natalie Prass oder Folk-Newcomerin Bedouine. Klassisches Americana also, dass sich aus Country, Soul und R&B ein letztlich sehr modernes, genreoffenes Hybrid erschafft. In "Flowers" gibt es sogar einen Gastauftritt von Rapper Father, mit dem Webster einst zusammen in einer Hip-Hop-Crew spielte.

Das schließt, auch musikalisch, den Kreis zu dem "Atlanta Millionaires Club", den man hinter dem Albumtitel vermuten könnte, Rap-Stars wie Gucci Mane, Future oder 21 Savage, die zurzeit symbolhaft für den Pop der Südstaaten-Metropole stehen. Aber wartet mal ab, bis Faye Webster sich traut, wieder mehr vor die Tür zu gehen. (7.9) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Atlanta Millionaires Club

Label:
Secretly Canadian / Cargo
Preis:
EUR 10,59

Andreas Spechtl - "Strategies"
(Bureau B / Indigo, seit 24. Mai)

Eine Strategie, sich in einer Welt zu orientieren, die kompliziert ist und sich schnell verändert, ist es, stark zu vereinfachen: Schwarz-weiß Denken. Grau kann weg. Widersprüche strengen nur an. Hört sich denkfaul an, kann aber durchaus auch clever daherkommen: Gordische Knoten werden nicht entwirrt, sondern zerschlagen, cut the bullshit.

In der Musikwelt kümmerte sich früher Pop um genau diese Aufgabe und hat hierfür einfache Rhythmen, wiedererkennbare Schemata und Hooklines geliefert - die Komplexität der Welt wurde überwiegend in den Texten bearbeitet. Für die Übersetzung komplizierter gesellschaftlicher Zusammenhänge in Töne, für Dissonanzen, Sprachlosigkeit, das vorsichtige Abtasten von Strukturen, die nicht ganz so einfach nachzuvollziehen sind, war eher die Klassik mit all ihren Ablegern zuständig. Oder der Jazz. Aber auch das hat sich verändert, die Grenzen verschieben sich weiter.

Das mittlerweile dritte Album des als Sänger und Texter der Indie-Rock-Band Ja, Panik bekannt gewordenen Österreichers Andreas Spechtl kann beides: Es lotet sowohl neues Soundpotential und Strukturen aus, während es gleichzeitig mit Gewohntem spielt. "Strategies" fordert dazu auf, genau hinzuhören. Es mäandert, schlafwandlerisch holpernd, in scheinbar taktlosen Soundscapes dahin, Piano Moll-Akkorde wechseln sich mit atonalen Bläsersätzen ab. Es sind eigentümliche Klangwelten, die dabei entstehen, immer "somewhat out of place", wie es im Endstück "Structures" heißt.

Dann wiederum wird es unvermittelt sehr aufbrausend: Der Beat tritt ungefiltert nach vorne, ekstatisch und extrovertiert. Spechtls Stimme leitet mit Textfetzen durch das Chaos, "It's so easy to go crazy sometimes". Und wenn es nicht die Stimme und der Rhythmus sind, die verlässliche Orientierungshilfe vermitteln, dann umarmt hier und da eine griffige Akkordabfolge, an der man sich festhalten kann. So wird "Strategies" zum dynamischen Spiegelbild der derzeitigen realpolitischen Verunsicherung (7.5) Aleksandar Zivanovic

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

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Strategies

Label:
Bureau B / Indigo
Preis:
EUR 12,37

Hayden Thorpe - "Diviner"
(Domino/Goodtogo, seit 24. Mai)

Ach, man könnte immer noch darüber jammern, dass es Wild Beasts, eine der besten britischen Bands der letzten zehn, fünfzehn Jahre, nicht mehr gibt. Dabei ist der Entschluss der beiden Songwriter Hayden Thorpe und Ben Little nun auch schon wieder zwei Jahre her. Wild Beasts haben eine weite, faszinierende Strecke zurückgelegt, vom nervösen Indie-Cabaret ihres Debüt-Albums über den sinnlichen Art-Pop ihres Meisterwerks "Smother" bis zu den pornösen Muskelspielen von "Boy King" - ein sehr komplexer elektronischer Sound irgendwo zwischen Talk Talk und GusGus.

Umso gespannter war man auf das Solo-Debüt von Hayden Thorpe, der die Band mit seiner manchmal an Anohni erinnernden, tiefen Falsett-Stimme durch alle Evolutionsschritte hindurch wiedererkennbar machte. Schon die auf Piano, Stimme und einige sparsame Sounds reduzierte Single "Diviner" ließ durchblicken, dass Thorpe noch einmal ganz an den Anfang zurückgehen würde: Die Idee zu den Songs des Albums kam ihm, als er eines Tages wieder am Klavier seiner Kindheit saß. "Spherical Time", ein ambientes Stück, das sich nach jenen elegischen Soundscapes streckt, die heute Nils Frahm oder Max Richter populär machen, begann er bereits mit 16 Jahren zu schreiben.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Es geht um die Transzendenz von Zeit, den Übergang von Jugend zum Erwachsenenalter unter Einbeziehung von Lebenserfahrung - "Diviner" ist also, nimmt man den skelettierten Soul und Funk von "Straight Lines" oder "Stop Motion" als herausragende Beispiele, das "Older" von Thorpe, der sich hier in eine Reihe mit Boy George, George Michael und eben Antony Hegarty stellen möchte - allerdings ohne analoge Zugeständnisse. Die Klangwelt, in der Thorpe seine Balladen schreibt, ist eine synthetische, gefüllt mit schimmernden Plastikoberflächen, wehenden Nylon-Vorhängen, flackernden Neon-Beleuchtungen.

Manchmal fehlen in dieser reizvollen artifiziellen Umgebung die "Earthly Needs", die Thorpe hier zu Blade-Runner-Sounds besingt: Lust und Sex waren elementare Bestandteile dessen, was die Wild Beasts bei aller klinischen Exaktheit ihrer Arrangements so verführerisch machten. In Thorpes besinnlichen Solo-Etüden vermisst man diese erotische Sinnlichkeit, der "Human Knot", den er hier über erratisch gesetzten Beats betrachtet, bleibt steif wie ein schöner, aber zügelnder Krawattenknoten. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. (7.5) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

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Diviner (Jewel Case)

Label:
Domino Records (Goodtogo)
Preis:
EUR 10,39

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
sekundo 28.05.2019
1. Mein Name ist Spechtl,
Andreas Spechtl! Und wenn Ihr Musik der stupidesten Sorte braucht, mit simpelster Rhythmik und Harmonik und Melodik, die von jedem Kinderlied übertroffen wird, dann seid Ihr richtig bei mir. Ich habe mir fest vorgenommen, Stupides als Stilmittel zu verwenden und den Realschülern unter den Musik-Konsumenten mein Werk als gescheitertes Kraftwerk-Surrogat unterzujubeln. Mit "The Separate" ist mir das eindrucksvoll gelungen. Ich bin sooo begeistert von mir. Bis zum nächsten rip-off, Euer Andreas. Ähm, Andreas?!?
freddykruger 28.05.2019
2. Wat is dat dänn
A. Borcholte beweißt Geschmack. In seiner Playlist auf Platz 8 Earth, um einiges besser als Sunn O. Warum nicht dazu ein Review.
Papazaca 28.05.2019
3. Wie schön ist es in Panama ...... aber auch in Heidelberg ....
Zitat von freddykrugerA. Borcholte beweißt Geschmack. In seiner Playlist auf Platz 8 Earth, um einiges besser als Sunn O. Warum nicht dazu ein Review.
Guten Abend, ich melde mich zurück, werde mir mal alles anhören und vielleicht fällt mir dann ja was dazu ein. Ansonsten lese ich was von Dir und dem Herrn dessen Name ich vergessen habe. Wie schön ist das Vertraute, fast. Lach ..
freddykruger 28.05.2019
4. @Papazaca
Wer sind Sie (lach)? Schön wieder von dir zu hören. Jau ey, dann hör mal rein in die Neuheiten. Mir gefällt nichts davon. Aber wie ich schon oben schrie, Earth gefallen mir sehr gut. Allerdings auch anstrengend das 60 Minütige Album komplett durchzuhören. Bis denn.
popeypope 28.05.2019
5.
Keine große Lust, auf alles einzugehen, aber die Andreas Spechtl - "Strategies" gefällt mir so auf Anhieb recht gut, auch wenn sie mir zu augenfällig deutsch, zu sehr nach Whirlpool Productions, Subtle Tease und Mouse On Mars klingt. Könnte alles noch verschliffener im Sound oder so sein. Aber naja.
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