Fotostrecke

Metallica: Aus der Starkstromleitung

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Neues Album von Metallica Bierdosenhaftigkeit bis zum Überdruss

Als nächstes dann Metallica-Wochen bei McDonald's? Das Brimborium zum Erscheinen des neuen Albums "Hardwired... To Self-Destruct" ist bombastisch. Aber haben es die Mainstream-Metaller noch drauf? Die Kritik.

Wer einen toten Frosch zum Zappeln bringen will, muss ihn nur unter Strom setzen. Metallica haben sich für "Hardwired...… To Self-Destruct", ihr erstes Album seit acht Jahren, an Starkstromleitungen angeschlossen. Es zappelt und tritt der tote Frosch, dass man ihn beinahe für lebendig halten könnte.

Metallica befinden sich in einer erfreulich absurden Situation. Seit einem Vierteljahrhundert rennen sie früheren Großtaten hinterher. Zwar rennen sie vergeblich, stolpern dabei aber von Erfolg zu Erfolg. Spätestens mit dem "schwarzen Album" von 1991 haben sie ein zuvor weitgehend abseitiges Genre einem weltweiten Massenpublikum zugänglich gemacht - und es damit nebenbei monopolisiert.

Es gibt auf dem wilden und weiten Kontinent des Metal bessere, schnellere, konsequentere, wagemutigere Gruppen - aber eben keine wirkmächtigere. Metal für die Massen, das ist Metallica. Als Dienstleister und Marktführer in Sachen akustischer Triebabfuhr wird jedes Lebenszeichen der Gruppe von bombastischem Brimborium begleitet. Ein Wunder, dass das aktuelle Album bei McDonald's nicht mit Los-"Master Of Puppets"-Wochos beworben wird.

Auch sonst kennen die Musiker keine falsche Scheu, treten als Models für Brioni oder, wie kürzlich, beim ProSieben-Komödiantenstadel "Circus Halligalli" auf, was wiederum der "Tagesschau" einen Bericht wert ist: "Ein 80 Minuten andauernder, permanenter Schlag ins Gesicht" sei das neue Album.

Neuerdings ist das also eine coole Sache, so ein Schlag ins Gesicht. Tatsächlich bersten allein die ersten beiden Titel auf "Hardwired... … To Self-Destruct" von einem Gefühl, das Dietmar Dath einmal treffend "Wutlust" genannt hat. Technisch ist das tadellos, längst aber nur noch eine Frage breitbeiniger Männlichkeit: Haben sie es noch drauf?

Die Phase, in der Metallica in adipösen Bluesrock ("Load") oder parfümierte Orchesterbearbeitungen ("S&M") abdrifteten, sind lange vorbei. Zuletzt borgte sich Lou Reed bei ihnen das stählerne Gerüst für seinen wütenden Sprechgesang auf "Lulu", womit er den Rockern im Gegenzug höhere kulturelle Weihen erteilte. Ihr Kerngeschäft aber bleibt eine gewisse Bierdosenhaftigkeit, und natürlich haben sie das "noch drauf" - wie erfahrene Dachdecker oder Motorradmechaniker ihr Handwerk.

Teil dieses Handwerks ist der Buzz, der jedes neue Album begleitet. Zur Erzählung gehört diesmal, dass Gitarrist Kirk Hammett auf Tournee ein Smartphone mit 250 darauf gespeicherten Riffs abhanden gekommen ist. Nun sind Riffs für den Rocker, was Schindeln für den Dachdecker und Schrauben für den Mechaniker sind. Aber 250? Ihr Verlust ist zu verschmerzen, "Hardwired … To Self-Destruct" erscheint auch ohne Hammetts Beiträge rifftechnisch ausreichend verschindelt und verschraubt.

Blitzkurzgeschichten auf der Gitarre

Nachdem die Singles "Hardwire" und "Atlas, Rise!" dem grinsenden inneren 14-Jährigen erste erfreuliche Schläge ins Gesicht verabreicht haben, wird's spürbar gemütlicher. Die folgenden Schläge landen zwar auch noch zuverlässig, beginnen in ihrer Erwartbarkeit aber auch ein wenig zu langweilen. So verhält es sich eben mit dem Adrenalin, irgendwann ist es ausgeschüttet.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Zum Zeitvertreib wendet der Hörer, bereits sichtlich gealtert, sich der Rhythmusgruppe aus Lars Ulrich und Robert Trujillo zu. Es zischt die Hi-Hat, es patscht und poltert die Basstrommel wie weiland auf "Kill 'Em All", nur sauberer, trockener, strenger. Umso freier klettert Trujillo mit seinem Bass die Tonleiter hinauf und hinab, wie auch Hammetts Soli überraschend warm und lyrisch geraten sind. Nicht mehr das atonale Quietschen vergangener Tage, eher Blitzkurzgeschichten auf der Gitarre sind das.

Dazu singt James Hetfield, wie nur James Hetfield singen würde, sängen inzwischen nicht alle wie James "Jaimz" Hetfield, mit viel Druck aus breiter Brust, hervortretenden Sehnen am Hals und rätselhaftem Herumkauen auf einzelnen Silben. In der Beinahe-Ballade "Halo On Fire" ist Hetfield sogar für eine Weile unverzerrt zu hören, bevor wieder das scharfkantige Stahlgerüst über ihm einstürzt und er sich nur durch Gebrüll verständlich machen kann.

Sinn der Prügelei?

Spätestens hier, gegen Ende des ersten von zwei Tonträgern, weicht die Langeweile allmählich lähmender Ermüdung. Zwar nimmt man durchaus zur Kenntnis, dass Metallica nach wie vor "die richtigen Knöpfe drücken", zwar folgt Riff auf Riff wie Ohrfeige auf Ohrfeige, mal mit dem Handrücken, mal mit der Handkante, und dann gibt's wieder einen Kinnhaken, gefolgt von einem Magenschwinger und so weiter und so fort. Bei aller Dauer und Permanenz der Schläge aber wird die Frage nach dem Sinn der Prügelei immer drängender.

An den dunkelsten Stellen dieser monotonen Midtempo-Sümpfe fühlt man sich sogar, als keuchte einem ein von Viagra beflügelter Liebhaber ins Ohr: "Kann ich's noch? Ich kann's noch, oder? Ich könnte noch 40 Minuten so weitermachen!", und das kann er dann auch, und das ist bestimmt nicht schlecht, so rein mechanisch. Praktisch hält man vergeblich Ausschau nach einer Melodie, an der man sich festhalten, einer Idee, der man länger als bis zum nächsten Rhythmuswechsel folgen könnte. Was allzu penetrant auf Unterwerfung und Überwältigung zielt, erzeugt zwangsläufig Überdruss.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Woran es mangelt, macht vor allem "Murder One" deutlich. Das Stück ist eine Hommage an Motörhead, die Lyrics sind aus Textzeilen von Lemmy Kilmister zusammengenäht wie Frankensteins Monster aus Leichenteilen. Aber so sehr sie den Körper unter Strom setzen, er will einfach nicht zum Leben erwachen - für den tonnenschweren Boogie der seligen Motörhead haben Metallica weder das Talent noch den Humor.

Ihr Metier ist und bleibt der möglichst majestätische Stillstand, das beharrliche und gerne auch wütende Trampeln auf der Stelle. Erst in das abschließende "Spit Out The Bone" mit seinem Hochgeschwindigkeitsgehoppel ist wieder jener Funken gefahren, der den Beginn der Reise so aufregend gemacht hat.

Groß sind Metallica überhaupt nur in kurzen Momenten, wenn der Stumpfsinn zum Irrsinn erwacht. Das trifft hier auf drei, vielleicht vier Songs zu. Als EP hätte "Hardwired... … To Self-Destruct" eine Sensation sein können. Als Doppelalbum ist es ein Tümpel, in dem dann doch einige tote Frösche treiben.

Metallica: "Hardwired... To Self-Destruct" (Universal) ist seit Freitag im Handel.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.