Michael-Jackson-Ausstellung in Bonn Bilder in Trümmern

Michael Jackson hat zu vielen Kunstwerken angeregt - sollte man die jetzt, nach den neuen Missbrauchsvorwürfen, zeigen? Die Ausstellung "On the Wall" ist umstritten, in Bonn eröffnet sie jetzt trotzdem. Doch was zu sehen ist, fühlt sich falsch an.

David LaChapelle

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Ein Paar schwarze Slipper machen den "Freeze" ohne Michael Jackson: Sie balancieren auf der Schuhspitze, denn Heliumballons ziehen die Fersen in die Höhe. Die Loafers an Ballon-Schnüren sind aus Paris in die Bundeskunsthalle gekommen, zuvor wurden sie in London gefeiert. Aber in Bonn sehen sie völlig anders aus als in Frankreich und England.

Wenn in den nächsten Wochen langsam das Helium aus den Ballons des Künstlers Appau Junior Boakye-Yiadom entweicht, werden die Schuhe nicht mehr schweben, sie werden absinken wie das Image Michael Jacksons in der Öffentlichkeit. Hässlich wird das Kunstwerk werden. Das Bonner Museumspersonal wird die Ballons regelmäßig befüllen müssen, damit die Installation funktioniert.

Auch die gesamte Ausstellung "Michael Jackson: On the Wall" braucht nun stützende Rechtfertigungen, um ihre Existenz zu legitimieren. Geplant war die Schau zur Rezeption Michael Jacksons in der Kunst schon lange. Aber jetzt geht das eben nicht mehr so einfach.

Deutliches Unbehagen

Mit der Dokumentation "Leaving Neverland" ist in der Zwischenzeit eine Bombe eingeschlagen, und sie hat alles verändert, auch das Licht, in dem man Bilder sieht, die sich Künstler von Jackson gemacht haben.

"Ich nehme an, dass es Menschen gibt, die mit der Person Michael Jackson nun nichts mehr zu tun haben wollen", sagt Rein Wolfs, Intendant in Bonn, zu der Frage, ob man die Ausstellung nicht besser abgesagt hätte. "Doch hier geht es um die Rezeption von Michael Jackson, darum, welchen immensen Einfluss seine Figur auf die Kunst hatte. Diesen Teil der Kulturgeschichte darf man nicht streichen."

Das ist Versuch, eine gewisse Normalität zu suggerieren. Das Unbehagen, mit dem diese bunte Pop-Ausstellung zur Unzeit eröffnet wird, ist deutlich zu spüren. "Die Ausstellung ist keine Hommage an Michael Jackson", erklärt ein Display im Foyer, und: "Wir sind alle sehr berührt von 'Leaving Neverland'. Aber wir fühlen uns verantwortlich, uns dem schwierigen Thema des sexuellen Missbrauchs zu stellen."

Trailer "Leaving Neverland"

Doch wie? Die Exponate sind so geblieben, wie es geplant war. Zahlreich und opulent, Gemälde in Öl, Drucke in bunt, Collagen mit Glitzer. Es sind Huldigungen. Jackson war eine fruchtbare Figur für die bildende Kunst, wohl weil er für jedermann so schwer zu fassen war, eine flüchtige, widersprüchliche, tragische Erscheinung.

Dass Werke ihn überwiegend als Ikone zeigen, die von Fans imitiert wird, mutet jetzt allerdings gruselig deplatziert an, sogar in der beeindruckenden Multimedia-Installation von Candice Breitz, die in 16 synchronisierten Filmen Fans das gesamte "Thriller"-Album a cappella nachsingen und -tanzen ließ.

Fotostrecke

13  Bilder
Ausstellung in Bonn: Ein, zwei, viele Jacksons

Auch sieht man Jackson-Devotionalien, die Andy Warhol in Kisten sammelte, emotionale Konzertmitschnitte (aus Bukarest, 1992) - und schließlich steht man vor dem kitschigen Ölschinken von Kehinde Wiley: Jackson in Rüstung hoch zu Ross, angelehnt an ein Rubens-Gemälde - Jackson gab es selbst in Auftrag. Auch wer "Leaving Neverland" nicht gesehen hat, mag sich zurzeit nicht in dem realitätsfernen Selbstbild des Jahrhundertmusikers verlieren.

Dämonen und Masken

Doch dann kommt ein Video, das "Neverland" heißt, es entstand 2005, kurz nach dem Freispruch im Prozess gegen Jackson wegen Kindesmissbrauchs: Ein winziges gemaltes Augenpaar blinzelt aus der Leere eines großen Bildschirms, dazu hört man gurgelnde Geräusche. Geht es um die Flüchtigkeit des Ruhms, der so schnell verrinnt wie Wasser? Versteckt sich Jackson? Oder ertrinkt hier jemand, sehenden Auges?

Es sind Werke wie dieses von Jordan Wolfson, die nun völlig anders wirken als in Paris. Jetzt sucht der Betrachter in jeder Darstellung Hinweise und Mehrdeutigkeiten. 2009 inszenierte David LaChapelle Michael Jackson kurz nach dessen Tod als Erzengel, der mit Engelsflügen und zum Gebet gefalteten Händen auf einem am Boden liegenden Teufel steht - welche Dämonen mag LaChapelle hier gemeint haben, die nun besiegt sind?

"Erzengel Michael" von David LaChapelle
David LaChapelle

"Erzengel Michael" von David LaChapelle

Eine Video-Projektion von Pamela Rosenkranz, in der sich nur die Augenlider Jacksons bewegen, spielt auf die verdeckte Psyche an, auf die Maske des Stars, die er für jedermann trug. Und von einem mit Leder bezogenen Kopfteil eines Bettes starren zwei riesige Jackson-Augen. Sie würden jeden Schlafenden noch im Traum verfolgen.

Die Räume sind thematisch wenig originell geordnet. Es geht um den "Man in the Mirror", den "King" oder den "King of Pop Art" - und in jedem wird das Jackson-Bild reflektiert, das es nie wieder geben wird. Es liegt in Trümmern. Jackson bleibt trotzdem eine der ersten globalen Ikonen des Medienzeitalters, daran ist nicht zu rütteln. Doch die Wahrnehmung seines Abbilds hat sich unwiederbringlich geändert.

Der Bundeskunsthalle hofft noch, dass aus alldem eine Chance erwächst. Dass Fanbilder und Konzertvideos jetzt erst recht Besucher anziehen. Die Ausstellung könnte "eine Plattform sein, auf der ethisch-moralische Fragen diskutiert werden", mutmaßt Intendant Wolfs. Extra-Personal soll dem Besucher bei Fragen bereitstehen, und am Tag nach der Ausstrahlung von "Leaving Neverland" in Deutschland, soll am 7. April über den Film gesprochen werden, das soll Nähe zur Gesellschaft aufbauen.

Nähe besteht in Bonn aber vor allem zum alten glorifizierenden Jackson-Bild, das ändert auch die bemühte Kunstvermittlung nicht. Und Personenkult, nee, das fühlt sich momentan einfach falsch an.


Michael Jackson: On the Wall. Bis zum 14. Juli 2019 in der Bundeskunsthalle Bonn.

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
hileute 22.03.2019
1. Dass Michael jackson
möglicherweise ein Faible für kleine Jungs hatte ist doch schon seit Ewigkeiten bekannt. Ich verstehe nicht warum so getan wird ob das erst jetzt mit den neuesten Anschuldigungen aufgetaucht sei.
Rechtsrum 22.03.2019
2. Ist Jackson anders, als andere Prominente?
Wegen Vorwürfen von sexuellen Verfehlungen an Schauspieler und andere Prominente, die ebenfalls unbewiesen sind (deshalb natürlich nicht zwangsläufig unzutreffend), wurde sie aus Fernsehserien geworfen, Filme nicht mehr gezeigt, Jobs gekündigt, Musik nicht mehr gespielt. Was ist bei Jackson anders? Natürlich muss man ihn, wenn man sich um die Sache bemüht, nicht um die messianische Bewegung, Herrn Jackson aus den Medien tilgen.
Little_Nemo 22.03.2019
3.
Ich finde, wir sollten endlich mal lernen mit Ambivalenzen umzugehen. Michael Jackson war ohne jeden Zweifel ein musikalisches Jahrhunderttalent - ganz unabhängig von dem was er sonst noch war. Er war ein herausragender Künstler. Ich persönlich bedaure allerdings, dass er, wie so viele, sein Talent an kommerzielle Trallala-Musik vergeudet hat. Das ist das eine. Auf der anderen Seite war er aber eben auch unzweifelbar eine menschliche Ruine. Und das in vielfacher Hinsicht. Wir würden uns ganz sicher keinen Gefallen damit tun, wenn wir künftig seine Musik verdammen und boykottieren würden. Ebenso wie wir uns übrigens nur selbst damit schaden würden, wenn wir das mit den Filmen Hitchcocks, Kevin Spaceys und anderen täten. Ein Geschmäckle hat es allerdings Jackson in Musik-Videos zu sehen, in denen er sich zum Messias stilisiert. Auch das muss aber kein grundsätzliches Problem sein, wenn man erwachsen damit umgeht und es nur als Werk begreift. Natürlich eignet Jackson sich, wenn sich die Verdachtsmomente gegen ihn bestätigen sollten, überhaupt nicht für Personenkult. Was übrigens auch wegen seiner fortschreitenden Selbstverstümmelungsmanie kaum angebracht ist. Musik, Filme und Kunst allgemein sind emotionale Trigger, die verleiten Künstler zu Übermenschen und Göttern zu verklären. Tatsächlich sind sie aber Menschen aus Fleisch und Blut, mit allen menschlichen Schwächen, und eben auch oftmals ziemlich krank. Daher sollte man sich immer ein gesundes Maß an Distanz zu ihnen als Person bewahren.
aequidens_pulcher 22.03.2019
4. What‘s new?
Ich versteh das Theater nicht. Dass der Mann pädophil war, war mehr als offensichtlich. Er hatte seinerzeit halt gute Anwälte. Zudem war er meiner Meinung nach komplett gestört. Eine der Bildunterschriften zur Fotostrecke ist geradezu lachhaft: Stolzer Afroamerikaner. Wohl eher das Gegenteil. Schließlich hat er alles dafür getan, nicht mehr als solcher wahrgenommen zu werden! Es wollte wohl niemand genauer hinschauen. Schließlich hat er immer noch genug Kohle gemacht, da wäre ein „Imageschaden“ nicht unbedingt wünschenswert gewesen.
.patou 22.03.2019
5.
Was mich immer wundert, ist, wie sich die Wahrnehmung Jacksons nach seinem Tod gewandelt hat. In den Jahren zuvor und schon in den 90ern galt er ja eigentlich bereits als absoluter Freak mit seinen entstellenden kosmetischen Operationen, seinem erratischen Verhalten (Baby über Balkonbrüstung halten), seiner Neigung sich selbst zum Erlöser zu stilisieren und seiner mutmaßlichen Vorliebe für kleine Jungs, deren Zeugen mit viel Geld zum Verstummen gebracht wurden. Eigentlich war damals von dem Mythos der frühen Jahre nicht mehr viel übrig. Auch musikalisch kam kaum noch was Bemerkenswertes. Ich erinnere mich vor allem an Sirup-artiges wie "Heal the World" oder "You are not alone". Es ist angesichts der befremdlichen postumen Überhöhung seiner Person nicht wirklich überraschend, dass das Pendel irgendwann zurückschlagen würde.
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