Michael Jackson Die Angst vor der Impotenz

Im Oktober soll Michael Jacksons neues Album "Invincible" erscheinen - ein "weltweites Ereignis"? Die Angst vor dem Flop des "King of Pop" führt zu hektischen Promo-Aktivitäten.

Michael Jackson, das wohl endgültig letzte Enigma der Pop-Welt, kommt zurück. Am 29. Oktober, einen Tag vor der Veröffentlichung in den USA, soll das seit sechs Jahren erste Studio-Album "Invincible" ("Unbesiegbar") in Deutschland erscheinen und dem 43-jährigen Superstar ein fulminantes Comeback bescheren.

Doch taugt der in den Achtzigern als "King of Pop" gefeierte Jackson noch als Zugpferd in einem Musikmarkt, der sich seit den glorreichen Tagen von "Thriller" mehrfach gewandelt hat? Die für Jackson zuständige Plattenfirma Epic, Teil des Industriemultis Sony Music, rührt die Werbetrommel wie schon lange nicht mehr. Am Freitag dürfen einige ausgewählte Radio-Sender, "die mit Sony Music eine enge Partnerschaft pflegen" (Pressetext), eine Woche vor Veröffentlichung die neue Jackson-Single "Rock My World" spielen.

In der offiziellen Erklärung heißt es, man reagiere damit auf die eigenmächtigen Aktionen einiger Radiosender, die sich den Song über dunkle Kanäle besorgt und bereits in den letzten Tagen ins Programm genommen hatten. Auch im Internet ist "You Rock My World" seit kurzem zu hören. Hinter der hektischen Aktivität der Sony-Leute steckt jedoch mehr als nur Reaktion auf Piratentum. Jackson, dessen neues Album angeblich eine Rekordsumme von 30 Millionen Dollar (64 Millionen Mark) an Produktionskosten verschlungen haben soll, muss schon allein deshalb erfolgreich sein, um die horrenden Investitionen auszugleichen. "Invincible" wird daher kaum noch wie ein künstlerisches Produkt angekündigt, sondern vermarktet wie ein neues Automodell. Aus dem "King of Pop" darf ums Verrecken kein Flop werden.

Für seine neuen Songs brauchte Jackson länger als erwartet, heißt es aus Branchenkreisen. Der zurückgezogen lebende Sänger schuf offenbar an die 50 Lieder, aus denen dann in einem langwierigen Prozess 15 ausgewählt wurden. Dass Jackson, sein Management-Tross und Sony Music dabei auf Nummer Sicher gegangen sind, davon darf getrost ausgegangen werden. Allein die Single "You Rock My World" wurde von Rodney Jerkins, einem der derzeit erfolgreichsten R&B-Produzenten (Whitney Houston) mitproduziert, was für den Erfolg des Songs schon fast garantiert.

Zum Auftakt des Jackson-Feldzugs feiert der ehemalige Kinderstar dann auch noch mit Dutzenden Stargästen im New Yorker Madison Square Garden sein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Am 7. und 10. September steigen die ausverkauften Supershows, die in einer Bühnenreunion der Jackson-Brüder gipfeln werden. Moderne Superstars wie Britney Spears und Ricky Martin werden mit ihren Auftritten für zeitgemäßes Ambiente sorgen. Ein Hollywood-Aufgebot, darunter Marlon Brando und Jackson-Freundin Elizabeth Taylor, wird dem Pop-König huldigen.

Zu spät für Kurskorrekturen

An der Musik allein wird es also ebenso wenig scheitern wie an der ausgeklügelten Marketingstrategie und der zugehörigen Inszenierung. Sollte das Comeback tatsächlich in die Hose gehen, dann wird nicht das stromlinienförmige künstlerische Produkt verantwortlich sein, sondern der Künstler selbst, der sich in den vergangenen Jahren immer vehementer zum monströsen Kunstprodukt stilisiert hat oder hat stilisieren lassen.

Wichtige musikalische Impulse gibt es seit Jahren kaum noch von Michael Jackson, der - ganz personifiziertes Image - nur noch durch Boulevard-Geschichten von sich reden machte: Der Ruch, sich an kleinen Jungs vergangen zu haben, die missglückte Ehe mit der Presley-Tochter Lisa-Marie, die skurrile Vaterschaft mit der Ex-Krankenschwester oder die immer grotesker wirkenden "Schönheits"-Operationen - wer Jackson denkt, meint selten den neuesten Hit, aber oft die letzte Horror-Meldung.

Wenige Wochen vor Jacksons Rückkehr in die Musikindustrie, in der es viel um Image, aber noch mehr darum geht, CDs zu verkaufen, ist es zu spät, das Ruder noch herumzureißen und Jackson mehr musikalische Glaubwürdigkeit zu verleihen. Der Wirbel, mit dem sich Sony bemüht, das Erscheinen der Jackson-Platte als "weltweites Ereignis" zu hypen, damit der Konsument statt harter Mark nicht nur ein müdes Schulterzucken übrig hat, wirkt verzweifelt: Plötzlich muss Jackson wieder als aufregender und attraktiver Top-Artist dastehen, der er schon seit langem nicht mehr ist - zumindest nicht in den Augen der Zielgruppe, die inzwischen an jüngere Stars zum "Anfassen" wie die Backstreet Boys, 'N Sync oder gar No Angels gewöhnt ist. Ob Michael unsere Welt am Ende doch noch einmal "rocken" kann? Man darf gespannt sein...

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