Missbrauchs-Doku "Leaving Neverland" Jackson-Erben zeigen Gegenprogramm

Der US-Sender HBO zeigte den ersten Teil des Dokumentarfilms "Leaving Neverland" über Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson - zeitgleich bewerben offizielle PR-Kanäle des Popstars einen Konzertfilm.

Michael Jackson 1992
AP

Michael Jackson 1992


Zehn Jahre nach Michael Jacksons Tod rückt der Dokumentarfilm "Leaving Neverland" den einst berühmtesten Popstar der Welt wieder in die Schlagzeilen. Neue Beweise zu den alten Missbrauchsvorwürfen gegen Jackson liefert Regisseur Dan Reed nicht. Aber seit sein Film Ende Januar beim Sundance Filmfestival in Utah Premiere feierte, ist der Streit über das Vermächtnis des Stars neu entbrannt.

Am Sonntag und Montag zeigt HBO die Dokumentation nun gegen heftigen Widerstand von Jacksons Nachlassverwaltern. Der Bezahlsender gräbt damit im US-amerikanischen Abendfernsehen ein Thema wieder aus, das eigentlich der Vergangenheit anzugehören schien. Jacksons Erben reagierten am Sonntagabend auf die Ausstrahlung des ersten Teils von "Leaving Neverland" mit einem Tweet, in dem sie einen Jackson-Konzertfilm bewarben. "Live in Bucharest (The Dangerous Tour)" aus dem Jahre 1992 sei für eine begrenzte Zeit zu sehen, hieß es darin. Wie das Branchenblatt "Variety" bemerkte, ist die Laufzeit des Videos von zwei Stunden und 20 Minuten identisch mit der des ersten Teils der Doku.

Im zweiten Teil, den HBO am Montagabend ausstrahlt, wird der Prozess aus dem Jahr 2005 aufgerollt, der damals mit einem Freispruch Jacksons geendet hatte. Wade Robson, damals ein Teenager, behauptet, von Jackson im Kindesalter missbraucht worden zu sein - im Prozess im kalifornischen Santa Maria hatte er den Sänger allerdings noch unter Eid verteidigt. Zur Begründung seiner geänderten Aussage erklärte er, der "King of Pop" habe ihn damals einer Art Gehirnwäsche unterzogen.

HBO zeigt Oprah-Talk

Jacksons Nachlassverwalter hatten sich heftig gegen die Ausstrahlung gewehrt - vergeblich. In einer Klage über 100 Millionen Dollar (88 Mio Euro) Schadensersatz gegen HBO werfen sie Filmemacher Reed vor, "gegen jede Regel von verantwortungsvollem Journalismus und Dokumentarfilmen" zu verstoßen, da er weder die Nachlassverwalter noch Jacksons Familie vor die Kamera holte. Reed entgegnet, er habe Augenzeugen sprechen lassen wollen. Die Familie könne nicht über das sprechen, was den Jungen geschehen sei.

Auch für die Ausstrahlung des zweiten Teils von "Leaving Neverland" haben die Erben laut "Variety" schon ein Gegenprogramm angekündigt - den Konzertfilm "Live at Wembley Stadium" aus dem Jahre 1988. Bei HBO folgt auf die Doku eine Talk-Sondersendung namens "After Neverland", in der Oprah Winfrey mit Robson und dem Protagonisten des ersten Teils, Jimmy Safechuck, spricht.

Finanziell steht viel auf dem Spiel, auch zehn Jahre nachdem Jackson an einer Betäubungsmittel-Überdosis starb. Sein Nachlass kommt dem "Forbes"-Magazin zufolge seit seinem Tod inflationsbereinigt auf Gewinne von 2,1 Milliarden Dollar. Die "Cirque du Soleil"-Show zu Jackson in Las Vegas läuft seit sechs Jahren, 2020 soll ein Jackson-Musical am Broadway starten. Werden diese Shows überleben, wenn das Image des Stars sich postum wandelt?

Fotostrecke

9  Bilder
Michael Jacksons Anwesen: Die Neverland Ranch

Einen Hinweis, dass die Marke Jackson bereits gelitten haben könnte, zeigt die vergebliche Suche nach einem Käufer für das in "Sycamore Valley Ranch" umbenannte Neverland-Gelände. Inzwischen ist es für 31 Millionen Dollar auf dem Markt - im Vergleich zum ursprünglichen Verkaufspreis von 2015 mit 70 Prozent Rabatt.

Und auch die ersten Radiosender scheinen zu reagieren: Wie die "Sunday Times" bemerkt haben will, hat der britische Kanal BBC Radio 2 still und leise alle Jackson-Songs aus dem Programm genommen. Ein Sprecher der Rundfunkanstalt betonte allerdings, es habe keinen ausdrücklichen Ausschluss der BBC von Jackson-Liedern gegeben.

feb/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.