Michael Jackson zum 50. Der drastische Phantastische

Der King of Pop lebt in einer von Fantasie und Medien geschaffenen Sphäre, in der Alter bedeutungslos ist. Ein Reich aus Illusion, Spekulation - und Hohn. Jetzt wird Michael Jackson 50 - was soll man ihm wünschen?
Von Uh-Young Kim

Ein 15 Meter großer Roboter in Gestalt von Michael Jackson sollte durch die Wüste von Arizona stampfen, um die Rückkehr ihrer Majestät anzukündigen. Doch wie alle Comeback-Versuche seit seinem zweiten Kindesmissbrauchsprozess von 2005 hat sich auch das 2007 mit viel Bohei angekündigte Las-Vegas-Spektakel als Blindgänger entpuppt. Der Freak taugt nicht einmal mehr für anständigen Klatsch.



Nun wird der Arme 50 Jahre alt. Madonna kann man zum 50. wünschen, dass die Queen Mum of Pop vor lauter McCain-Geläster nicht den nächsten Trend verpasst. Dem geläuterten Altersgenossen Prince, dass er seinen Heiligenschein bald wieder gegen einen dreckigen Sex-Hit eintauscht. Aber was soll man dem gefallenen King of Pop zum halben Jahrhundert irdischer Existenz wünschen? Glück, Gesundheit und Frohsinn?

Karriere mit Modellcharakter

45 Jahre muss der ehemalige Kinderstar bereits im Scheinwerferlicht verbringen. Umso eigensinniger hat er sein Gesicht jenseits von Hautfarbe und Geschlecht bis zur Unkenntlichkeit modelliert. Und blieb doch dazu verdammt, immer wieder das Trauma seiner verlorenen Kindheit nachzuspielen.

Zuerst mit Disney-Plüschtieren, dann mit berühmten Ersatzmüttern wie Diana Ross oder Elizabeth Taylor - und schließlich sogar mit echten Kindern.

2003 lief Jackson schnurstracks ins offene Messer. Nachdem er dem minderjährigen Gavin Arvizo in einer Dokumentation händchenhaltend seine Liebe gestanden hatte, war die Demontage des Mythos besiegelt - daran änderte auch der spätere Freispruch nichts. Die universelle Pop-Diva, die Fred Astaires Schwerelosigkeit, Elvis' Sex-Appeal und den Soul von James Brown vereint hatte, schmierte ab.


Besonders ein Motiv aus Jacksons uferlosem Bilderfundus steht für die öffentliche Schmach: das Polizeifoto, auf dem er wie eine verdatterte Drag-Queen mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera starrt.

Der kleine Junge auf dem Cover von "Über Michael Jackson", einem nun passend zu Jacksons Fünfzigstem auch auf Deutsch erschienen Essaybuch, hat nichts gemein mit diesem späteren Pop-Zombie. Nur die Augenpartie eines schwarzen Kindes ist dort zu sehen. Verträumt schaut es in eine märchenhafte Zukunft, vorbei an den gierigen Blicken der Öffentlichkeit.

Ebenso wenig lässt sich die Autorin Margo Jefferson von der allgemeinen Medienhysterie beeindrucken. In ihrem exzellenten Essay leuchtet die New Yorker Kritikerin und Pulitzer-Preisträgerin jene Bereiche aus, aus denen die allgemeine Besessenheit mit Michael Jackson wuchert - und gewinnt dabei kluge Einsichten über ein vermeintlich totgeredetes Phänomen.

Zwischen Wachsfigur und Peter Pan

Erfrischend nüchtern legt sie kulturelle Schichten bis zur Wiege der Massenunterhaltung im 19. Jahrhundert frei. Das Leben des Zirkuspioniers Phineas T. Barnum inspirierte Jackson, seine Karriere zur "größten Show aller Zeiten zu machen".

Barnum dichtete den siamesischen Zwillingen, Liliputanern und Elefantenmännern aus seinen Schaubuden fantastische Lebensgeschichten an.

Und Jackson? Er verwandelte sich in eine Mischung aus Wachsfigur und Peter Pan, deren Vita über die Jahre ebenso spektakulär und irreal wurde wie jene der Showfreaks des 19. Jahrhunderts.

Berühmt wurden die Jacksons als begnadete Musikerfamilie, in Wirklichkeit bildeten sie den brutalsten Sweatshop der Pophistorie. Die zu den Zeugen Jehovas konvertierte Mutter Katherine wollte die Seelen ihrer neun Kinder dem Allmächtigen zuführen. Doch Patriarch Joseph unterwarf die Söhne seinem Erfolgswillen. Aus dem Kranfahrer wurde der dämonische Probenzuchtmeister der Jackson Five.

Nach außen aber sollte nichts die Illusion der kindlichen Reinheit beflecken. Motowns Wunderknabe stimmte Ende der Sechziger anzügliche Innuendos an, von deren realer Entsprechung ein Zehnjähriger nichts wissen konnte.

Sein frühreifer Sex-Appeal reizte das Verlangen der Erwachsenen, weil "nichts die Öffentlichkeit mehr erregte, als der Anblick eines kleinen schwarzen Jungen, der einen schwarzen Mann nachahmt, der Frauen jeder Hautfarbe betört" (Jefferson).

Verachtung - Kinderspiel für die Medien

Im Kapitel über den jüngsten Prozess kehrt die Autorin die Pädophilievorwürfe um und hält der scheinheiligen Gesellschaft den Spiegel vor.

Die Unschuld von Klein-Michael befeuerte geheime Phantasien über den Kinderstar als Objekt der Begierde. Was gibt es da Spektakuläreres, als wenn das frühere Sexspielzeug selbst wegen obszöner Handlungen an Minderjährigen angeklagt wird?

Von der gesellschaftlichen Perspektive zoomt die Autorin auf Nuancen in Jacksons Auftritten und zeigt auf, was in erster Linie die Faszination an dem Ausnahmetalent ausgemacht hat.

Anhand der Choreografie zur legendären Performance von "Billie Jean" bei der Motown-Feier 1983 würdigt sie seinen glamourösen und exzentrischen Tanzstil.

Der übermütige Griff in den Schritt stand dem gehauchten Falsett und den immer weiblicher werdenden Zügen auf seinen Plattencovern gegenüber. Im Kurzfilm zu "Thriller" spielte Jackson als Liebhaber und Zombie/Werwolf mit der hellen und dunklen Seite seiner Pop-Persona.

Doch dann schlug die Kunst irgendwann ins Leben zurück. Anstelle von Symbolik und Spezialeffekten machten sich Kosmetik und Medizin ans Werk. Vor aller Öffentlichkeit verwandelte sich Michael Jackson in das androgyne und post-ethnische Wesen, zu dem so etwas Banales wie ein Menschenalter nicht mehr passt.

Vielleicht sollte man seinen Geburtstag deshalb einfach vergessen.

Denn mehr noch als mit seiner Musik hat Michael Jackson mit der Neuschöpfung seines Körpers die radikalste künstlerische Leistung seiner Karriere vollbracht. Doch "die größte Show aller Zeiten" ist dabei zur Tragödie geworden.

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