Michael Lang ist tot Der Mann, der Woodstock erfand

Er hatte die Idee für ein Musikfestival, das die Gegenkultur der Sechzigerjahre feiern sollte – und schuf mit Woodstock einen Meilenstein der Popgeschichte. Michael Lang ist mit 77 Jahren gestorben.
Konzert-Organisator Michael Lang (1969 in Woodstock): »Ich war erstaunt über die Wirkung, die die Musik auf die Kids hatte«

Konzert-Organisator Michael Lang (1969 in Woodstock): »Ich war erstaunt über die Wirkung, die die Musik auf die Kids hatte«

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Ginny Winn / Michael Ochs Archives / Getty Images

Bis heute ist es ja ein großes Wunder, dass in Bethel, rund 40 Meilen von Woodstock entfernt, an diesem Wochenende überhaupt irgendetwas funktioniert hat. Am Freitagnachmittag, dem 15. August 1969, wurde sogar der selbstbewusste Konzert-Organisator und -Promoter Michael Lang, damals 24, nervös. Eigentlich war vereinbart, dass Jimi Hendrix, einer der größten Musikstars der Ära, einen Akustik-Gig geben sollte, um das dreitägige Festival mit dem Untertitel »3 Days of Peace, Love and Music« in Gang zu setzen.

Lang und Hendrix lebten damals wie viele andere Künstler und Musiker in dem Örtchen Woodstock nördlich von New York und kannten sich ein wenig, weil Lang im Jahr zuvor das Miami Pop Festival mit dem Gitarristen (»Purple Haze«) als Headliner veranstaltet hatte. Trotzdem bestanden der Star und sein Manager darauf, dass Hendrix das Doppelte der mit allen anderen vereinbarten Gage bekommen sollte, 30.000 statt 15.000 Dollar plus 2000 Dollar für Spesen. Dafür sollte Hendrix dann allerdings zweimal auftreten, akustisch am Anfang – und als finaler Act zum Abschluss.

Am Freitag tauchte Hendrix freilich nicht auf. Lang suchte verzweifelt nach irgendjemandem mit einer Gitarre, der nicht im Stau auf dem mittlerweile verstopften Highway steckte, der zum Festivalgelände auf Max Yasgurs Farm in Bethel führte. Bei Songwriter Tim Hardin blitzte er ab, er hatte sich gerade einen Schuss Heroin gesetzt und sah sich nicht in der Lage. Schließlich übernahm der schwarze Songpoet Ritchie Havens den ersten Auftritt. Der Rest ist Popgeschichte.

Der »Easy Rider« von Woodstock

Woodstock, drei Tage voller schlechter Drogen, Regengüsse, Schlammschlachten, organisatorischer Pannen, schlechter Nahrungsversorgung und mit 400.000 Besuchern, die – anders als ursprünglich geplant – keinen Eintritt zahlen mussten, wurde zum kulturellen Meilenstein, eine Zusammenkunft von Hippies, Studenten und Freigeistern, die zum Symbol für die Ideale der Liebes- und Friedensbewegung der späten Sechzigerjahre wurde. In der berühmten Kinodokumentation des Festivals von Michael Wadleigh ist Michael Lang zu sehen, wie er als »Easy Rider« von Woodstock zu Beginn des Festivals mit dem Motorrad über das Gelände braust, ungebrochen optimistisch und frei, den nackten Oberkörper unter einer lässigen Lederweste – trotz Nieselregen und Chaos. Ein bis heute ikonisches Bild.

Woodstock begleitete Lang sein ganzes Leben lang. 1994 und 1999 initiierte er weitaus weniger glorifizierte Nachfolge- und Jubiläumskonzerte, ein weiteres geplantes Großevent zum 50. Jahrestag des Festivals musste er 2019 absagen. Zu viele prominente Künstler hatten ihre Teilnahme abgesagt, zudem gab es Probleme mit den Investoren und, wie schon 1969, bei der Suche nach dem geeigneten Gelände. Der SPIEGEL traf Lang damals für eine Titelstory über den Sommer von Woodstock .

Konzert-Promoter Lang 2019: Fünf Jahrzehnte pflegte er den Mythos Woodstock

Konzert-Promoter Lang 2019: Fünf Jahrzehnte pflegte er den Mythos Woodstock

Foto: Kevin Mazur / Getty Images

Nachdem er 1968 beim Miami Pop Festival erlebt hatte, welche Magie die Musik auf die rund 25.000 Zuschauer ausübte, hatte er die Idee, eine größere Feier der Gegenkultur der Sechzigerjahre zu veranstalten. »Ich war erstaunt über die Wirkung, die die Musik auf die Kids hatte«, sagte er 2009 in einem Interview über seine Erlebnisse in Miami, »und das waren Südstaatler. Das war kein Haufen von Freaks. Es war ein Publikum im College-Alter, im späten Highschool-Alter, und die Art, wie ich die Show gebucht hatte, war ziemlich eklektisch; ich hatte Acts von John Lee Hooker bis Jimi Hendrix, und sie haben alles geliebt. Und wenn ich in ihre Gesichter sah und die Art und Weise, wie die Musik sie verändert hat, hat mich das wirklich in diese Richtung gebracht.«

An Profit war nicht mehr zu denken

Lang kam ursprünglich aus Brooklyn, ein Kind jüdischer Eltern. Zurück in New York, tat er sich mit dem Plattenfirmenangestellten und Songwriter Artie Kornfeld sowie dem Rechtsanwalt John P. Roberts und dem Pharma-Millionenerben Joel Rosenman zusammen, um Woodstock zu planen. »Ich lebte in Woodstock und besuchte in jenem Sommer eine Reihe von Veranstaltungen namens Sound-Outs. Sie waren wunderbar und fanden auf dem Land auf einer Kuhweide statt, sehr idyllisch, sehr entspannt«, sagte Lang im Interview mit »Billboard«. »Die Leute konnten kommen und für das Wochenende zelten, wenn sie wollten, oder wenn sie in der Nähe wohnten, gingen sie einfach nach Hause. Es waren nur ungefähr tausend Leute da, aber die Musik war großartig, und ich dachte: ›Mein Gott, so muss man Musik sehen. Das ist einfach himmlisch‹, und es gab keine Einschränkungen. Es gab keinen Druck, keine Bullen, kein gar nichts. Es war einfach ein Vergnügen, mit tollen Leuten zusammenzukommen und tolle Musik zu hören.«

Jim Hendrix in Woodstock (am 18. August 1969): Doppelt so viel Gage wie alle anderen Musiker

Jim Hendrix in Woodstock (am 18. August 1969): Doppelt so viel Gage wie alle anderen Musiker

Foto: Peter Tarnoff / MediaPunch / imago images

Woodstock wurde dann, vorsichtig formuliert, eine etwas größere Veranstaltung, und nachdem erste Ankömmlinge die Absperrungen niedergetrampelt hatten und Musiker wegen der verstopften Verkehrslage per Helikopter aufs Gelände gebracht werden mussten, war an den erhofften Profit nicht mehr zu denken: Lang erklärte das Festival kurzerhand zum Gratis-Event. Die Kosten wurden später unter anderem durch das erfolgreiche Soundtrack-Album und den Wadleigh-Film wieder eingespielt.

An den drei Tagen traten The Who ebenso auf wie Joe Cocker, den Lang später für lange Zeit managte, Jefferson Airplane ebenso wie The Band, Crosby, Stills & Nash und eben Jimi Hendrix. Bei dessen Performance, die wegen ausufernder Zeitpläne letztlich am Montagmorgen um neun Uhr begann, war allerdings nur noch rund ein Zehntel der Zuschauer auf dem Gelände. Es hatte geregnet, die Party war so gut wie vorbei, als er seine verzerrte Version der US-Nationalhymne »The Star Spangled Banner« spielte.

Michael Lang pflegte die zahlreichen Anekdoten und Mythen Woodstocks, ebenso wie die Marke, für die nächsten fünf Jahrzehnte.

2009, noch beeindruckt von der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten, reflektierte Lang im Gespräch mit »Billboard« die Wirkung und die historische Bedeutung seines Festivals: »Niemand hatte wirklich erwartet, dass Obama gewinnen würde, wissen Sie, was ich meine? Viele Leute haben davon geträumt, aber niemand hat gedacht, dass es tatsächlich passieren könnte. Das ist das Wunderbare an Amerika: Plötzlich dreht es sich um und geht in die richtige Richtung«. Das sei ihm so vorgekommen wie damals, 1969, als sich die USA inmitten eines Krieges in Vietnam befanden und die Attentate auf Martin Luther King Jr. und Robert Kennedy verwinden mussten. »Plötzlich«, so Lang, »kommt dieses Ereignis, das wieder eine Linkskurve macht, und plötzlich gibt es wieder Hoffnung.«

Michael Lang ist am Samstag im Alter von 77 Jahren in New York gestorben, wie Michael Pagnotta, ein langjähriger Freund der Familie, am Sonntag gegenüber US-Medien bestätigte. Lang litt an einer seltenen Form des Non-Hodgkin-Lymphoms.

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